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Namaaufstand 1890-1894 in Deutsch-Südwestafrika



Vorgeschichte: Wer soll Herr sein?

So spitzte sich im Jahre 1888 die Machtfrage in Südwestafrika zu.  Die entscheidende Verhandlung findet in Okahandja statt.  Die Gegenspieler und Teilnehmer an der entscheidenden Versammlung sind der Reichskommissar Dr. Göring, der Führer der kleinen, von der Deutschen Kolonialgesellschaft gemieteten Schutztruppe, Leutnant von Quitzow, der Bevollmächtigte der Gesellschaft, Direktor Curt Franken, die Missionare Diehl und Eich, der Oberhäuptling der Herero, Maharero, mit seinen Ratsleuten, mehrere Unterhäuptlinge, zahlreiche Eingeborene und der Engländer Robert Lewis mit sieben Genossen. 
Wer ist Lewis?  Einer der englischen Händler, die das Land mit Gewehren, Munition und Schnaps versehen, wenn es sich lohnt und möglich ist, Minenkonzessionen von den Eingeborenen erwerben und stets darauf bedacht sind, auch politisch für ihr Land zu arbeiten.  Lewis scheint aber noch größere Hoffnungen und Pläne gehabt zu haben.  Er wollte Minister von Maharero werden und damit Herr im Hererolande.  Der schlaue Maharero, den Deutsche, Engländer und andere umwarben, freut sich der Konjunktur und teilt mit vollen Händen aus.  "Es war ja nur ein Papierchen", erklärt er lächelnd, und gibt damit seine Auffassung von den Dingen kund.  Aber der Europäer denkt darüber anders.  Vertrag ist eben Vertrag.  So denkt der Deutsche und beruft sich darauf.  So denkt aber auch Lewis!  Am 9. September 1885, als der Deutsche schon im Lande und die deutsche Schutzherrschaft von Her Britisch Majesty bereits anerkannt ist, hat er schnell noch seinen Vertrag dem Oberhäuptling Maharero abgerungen.  Darin heißt es, "daß er dem Robert Lewis Macht gegeben habe, alles zu tun, die Protektion Ihrer Majestät der Königin Viktoria und des Gouvernemets von Cape of Good Hope für ihn und sein Volk fernerhin zu sichern - - - und daß er dem besagten Attorney Lewis Generalvollmacht gibt, alles zu tun, was für ihn, sein Land und sein Volk gut und nützlich sei"
Schade nur, daß derselbe Maharero am 21. Oktober 1885 mit dem deutschen Reichskommissar Dr. Göring und dem ebenfalls bevollmächtigten Missionsdirektor C. G. Büttner einen Schutz- und Freundschaftsvertrag mit dem Deutschen Reich abgeschlossen hat, den er selbst und seine Großleute unterzeichnet haben.  Wenn auch nach Artikel 2 dieses Vertrages früher abgeschlossene Verträge respektiert werden sollen, so können sie doch keinesfalls dazu benutzt werden, um das Land politisch unter eine andere europäische Macht zu bringen; das besagt ausdrücklich Artikel 2.  Damit ist aber die Vollmacht des Engländers Lewis, das Protektorat Englands und der Kapregierung für Hereroland zu gewinnen, hinfällig geworden.

Ist die Sachlage nicht klar und eindeutig?  Gewiß!  Und es wird an ihr zunächst auch nicht gerüttelt.  Im Anfang des Jahres 1887 aber werden plötzlich Goldfunde im Hererolande gemeldet, wirkliche Goldfunde, wie Göring durch persönlichen Augenschein feststellt.  Nun hat das Land auf einmal eine viel höhere Bedeutung, nicht nur für die Deutsche Kolonialgesellschaft, sondern auch für das übrige Deutschland.  Aber nicht nur für diese, sondern auch für den Engländer Lewis und für England.  In Kimberley ereilt ihn die Nachricht von den Goldfunden.  Im nächsten Augenblick schon ist das Kimberley-Syndikat gegründet.  Wo er hinkommt, hetzt er gegen die Deutschen, bis er zu Beginn des Monats Oktober 1888 mit fünfzehn Mann, reichbeladenen Ochsenwagen und fliegenden englischen Fahnen in Otjimbingwe eintrifft.  Jubel unter den Herero!  Ihr alter Freund Lewis ist wieder da, bei dem der Branntwein immer in Strömen floß.  Schon beginnen die Gelage!  Jeder erhält sein Präsent von dem Freunde des Hererovolkes, jeder sein Schnäpschen, und an der Tafelrunde der Großleute und Häuptlinge von Otjimbingwe und Okahandja kreist der Branntweinbecher.  "Die Deutschen sollen die Minenkonzessionen bezahlen?  Das sind ja arme Teufel, die selber nichts haben.  Ihr denkt, die Deutschen sind eure Freunde?  Ja, seht ihr denn nicht, daß der Reichskommissar jetzt eben zu Hendrik Witbooi gereist ist.  Mit ihm wird er gegen euch gemeinsame Sache machen.  Die deutsche Schutztruppe fürchtet ihr?  Die paar Mann?  Seht sie doch genau an, wie wenig sie sind, und das sind die besten Soldaten, die der deutsche Kaiser überhaupt hinaussenden kann!"  So hetzt Lewis.  Und in dem einen Punkt hat er auch Recht, daß die kümmerliche Truppe von zwei Offizieren und fünf Unteroffizieren mit ihren 20 Farbigen- und Namasoldaten den Herero gegen ihre grimmigen Feinde, die Nama, keinen Schutz gewähren kann. 

Es läßt sich nicht leugnen, die Stimmung bei den Herero ist umgeschlagen.  Branntwein und Hetzreden haben das ihrige getan, und als Dr. Göring auf Mahareros Wunsch kurz nach der Ankunft des Engländers Lewis nach Okahandja kommt, tritt die Katastrophe der Machtlosigkeit ein.  Maharero, der ganz unter dem Einfluß von Lewis steht, sucht die mit den Deutschen abgeschlossenen Verträge und Konzessionen als bedeutungslos hinzustellen und verläßt nach langem Hin- und Herreden die Versammlung.  Nun erklärt die Versammlung unter der Führung von Lewis den deutschen Schutzvertrag für null und nichtig, stellt die Vollmacht Mahareros für Lewis wieder her und gibt damit auch die Möglichkeit zur Aufrichtung eines englischen Protektorates.  Lewis triumphiert.  Die Herero zeigen offen ihre feindselige Gesinnung gegen die Deutschen.  Was soll man also tun?  Soll es das Häuflein von 10 bis 20 Deutschen auf einen Waffengang und sichere Niederlage ankommen lassen?  Soll man Lewis verhaften, wo alle Herero für ihn sind?  So folgt dem unrühmlichen Ausgang der Versammlung von Okahandja der Rückzug in das englische Walfischbai, um bessere Zeiten abzuwarten. 

Der Reichskommissar und sein Personal, die Beamten der Kolonialgesellschaft gehen aus dem Lande, die kleine Schutztruppe wird aufgelöst und zerstreut sich in alle Winde, das bewegliche Eigentum der Kolonialgesellschaft wird verkauft.  Im Lande bleiben nur die deutschen Missionare, auch sie zunächst unter Mahareros Ungnade, unter Mißtrauen und Schwierigkeiten, und natürlich Lewis, der Regent des Landes.  Die Fahne, die er aufziehen läßt, zeigt das große Kudu, das Stammzeichen Mahareros!  Und mit dieser Schmeichelei befestigt er die Stellung, welche Hetze, Schnaps und Gewehre ihm verschafft haben.
Das Deutsche Reich, dessen Kommissar im englischen Walfischbai sitzt, steht nun vor der Frage, wie es sich zu seinem Schutzgebiet Südwestafrika stellen will.  Ein Aufgeben des Landes kommt für Bismarck nicht in Frage, trotz der hämischen Bemerkungen links gerichteter Abgeordneter im Reichstage.  Bismarck sieht es als die Pflicht Deutschlands an, Ordnung, Sicherheit und eine starke Regierung zu schaffen.  Wer soll der Herr sein?  Das ist die Frage, um die es sich seit dem 3. Oktober 1888 in Südwest handelt.  Maharero, Lewis, Hendrik Witbooi oder der Deutsche?  Die Lösung dieser Aufgabe war den Jahren von 1889 bis 1894 vorbehalten!  Sie war ohne Schaffung einer starken Schutztruppe nicht möglich.


Der Hauptmann und 21 Mann

Mitten aus seiner Aufgabe herausgerissen und vor eine neue, größere Aufgabe gestellt zu werden, ohne die entsprechenden Hilfs- und Machtmittel, ist dornenvoll und gefährlich.  Das ist die Lage des Hauptmanns Curt von François.  Im Togogebiet, wo er gerade tätig ist, erhält er am 18. April 1889 in Salaga im oberen Voltagebiet den Befehl, sich schnellstens nach Südwestafrika zu begeben.  Nach mancherlei Hin und Her erfährt er, daß er eine wissenschaftliche Expedition nach Südwest über Walfischbai zu führen hat, bis schließlich diese "wissenschaftliche Expedition" in Teneriffa, wo er sie erreicht, in Gestalt von einem Leutnant und 21 Mannschaften vor ihm steht.  Der Leutnant ist sein Bruder Hugo von François, der ihm von jetzt ab unerschütterlich zur Seite steht.  Die Erkenntnis der wahren Aufgabe ist mit Hilfe der Nachrichten, die der Bruder bringt, schnell gewonnen, ebenso aber auch die Erkenntnis der unzulänglichen Mittel!  21 Mann für ein Land, größer als Deutschland, ohne Verkehrswege und Verkehrsmittel, mit zwei Nationen, die mit modernen Gewehren zum mindesten gut ausgerüstet sind und an Krieg, Räuber- und Jägerleben sich gewöhnt haben!  Die Instruktion für den Führer, die Truppe nicht für kriegerische Unternehmungen zu verwenden, erschwerte nur seine Stellung.  Denn rein äußerlich konnte diese Truppe, die nicht einmal mit einem Geschütz versehen war, niemals wirken, höchstens durch kleine militärische Erfolge.  Diese aber durfte sie nicht riskieren.  Nicht einmal gefragt hatte man den 35jährigen Hauptmann, ob er das Kommando annehmen wolle; einfach aufgebürdet hatte man seinen Schultern die furchtbare Verantwortung, in der Erwartung, daß der Mann, der sich bei der Wißmannschen Kassaiexpedition, dann selbständig am Tschuapa und Lulongo, schließlich in Togo bewährt hatte, auch das Land Südwest meistern werde.  Un der preußische Hauptmann macht auch keine Einwendungen, er gehorcht und führt den Befehl aus, wie er es von seinem Diensteid und vor sich verantworten kann.
Die Musterung der Truppe ergibt kein ungünstiges Bild.  Die Bekleidung ist gut und zweckmäßig, Bewaffnung und Ausrüstung allerdings müssen noch geändert und verbessert werden.  Die Truppe ist noch keine Kaiserliche Schutztruppe, sondern eine auf François durch Kontrakt verpflichtete Mannschaft, über die der Führer die Strafbefugnis eines Korpskommandeurs in Kriegszeiten inne hat.  Auch der Zivilbevölkerung gegenüber hat François weitgehende Befugnisse: er darf ausweisen, ja die Todesstrafe verhängen gegen solche, die sich seinen Anordnungen widersetzen.
Mit solchen Befugnissen und 400 bis 500 Mann deutscher Reiter hinter sich, wäre die Ausführung der Aufgabe eine Kleinigkeit gewesen, wäre Ruhe und Frieden in Südwest innerhalb eines Jahres eingetreten.  So dauert es bis 1894.

Curt von Francois
Hauptmann von François


Die Herero merken sehr bald, daß in dem Führer der kleinen deutschen Truppe ein Wille steckt.  Er packt den Stier bei den Hörnern und geht sofort nach Otjimbingwe und Omaruru.  Auch Okahandja und Häuptling Maharero sollen besucht werden.  Die Herero sind ratlos.  Da aber kommt die Nachricht, der in der Kapkolonie weilende Lewis kehre zurück.  Auch die Branntweinfässer sind schon im Anrollen.  Der Deutsche aber ist schlau, er erkennt die Stimmung in Otjimbingwe und sieht die Schwäche seiner Unterbringung in Otjimbingwe, eingekeilt zwischen die Häuser der anderen Ansiedler.  Ehe sichs die Herero versehen, ist die Truppe mit ihren Wagen im Abmarsch.  Die Nachsetzenden hören nur, daß der Hauptmann nach Tsaobis geht.  Als ein paar Herero den vordersten Wagen mit Gewalt anhalten wollen, werden sie von dem Leutnant von François umgeritten oder von den Mannschaften auf die Seite gestoßen.  Einen Augenblick steht die kleine, ausgeschwärmte Truppe den in Anschlag gegangenen Herero gegenüber, dann fahren die Wagen ab, die Feindseligkeiten unterbleiben: der Hauptmann mit seinen 21 Mann hat die Situation beherrscht.

Tsaobis, der wichtigste Punkt für die Verbindung von Walfischbucht mit Otjimbingwe, wird nun der feste Stützpunkt für die Truppe.  Hier kann man den Waffen- und Munitionshandel zu den Herero unterbinden oder wenigstens empfindlich stören, hier kann man den Engländer Lewis abfangen, wenn er zu seiner Kuduflagge in Okahandja zurückkehren will.  Bald merken die Herero auch an angehaltenen Munitionstransporten, was die Glocke geschlagen hat.  Werden sie jetzt mit Feindseligkeiten beginnen?  Dann steht es schlimm mit der Wilhelmsfeste, wie Tsaobis getauft wird; denn nur noch achtzehn Reiter sind von den 21 übrig.  Aber schon ist der Antrag des Hauptmanns nach Berlin unterwegs, die Truppe auf 50 Mann zu verstärken.
Die Herero finden nicht den Mut zum Angriff.  Auch nicht, als zwei Engländer von François verhaftet und ausgewiesen werden.  Der stolze Lewis aber, der einst den Reichskommissar aus dem Lande hinauskomplimentiert hat, wagt sich bis Walfischbucht.  Als er dort von dem Kanzler Nels den Ausweisungsbefehl und die Mitteilung von der Versteigerung aller seiner Sachen im Schutzgebiet erhält, verläßt er am 15. Oktober 1889 Walfischbucht.

So hat das Einschreiten gegen die englischen Hetzer und die Maßregelung der Herero eine ganz neue Lage geschaffen.  Die Herero fangen an zu merken, daß sie von Lewis verlassen sind, und daß sie mit der kleinen Truppe und dem starken Willen ihres Hauptmanns zu rechnen haben.  Als der Kommissar Dr. Göring von seinem Heimaturlaub aus Deutschland noch einmal zurückkehrt, erklären die Herero in einer Versammlung am 20. Mai 1890 ihm und François, daß sie von jetzt ab den mit Deutschland geschlossenen Vertrag in allen seinen Teilen anerkennen wollten.  Auch die Frage der Überlassung von Windhuk an die Truppe wird angeschnitten.  Maharero ist damit einverstanden und gibt der Schutztruppe das Recht, sich an jedem beliebigen Platz niederzulassen.

Die Sachlage ist also zugunsten der Deutschen geklärt, auf der andern Seite wird aber von den Herero auch verlangt, daß diese ihnen den Schutz gewähren, den ihnen der Vertrag zusichert.  Diesen Schutz brauchen sie vor allem gegen Hendrik Witbooi, der sich gerade in den letzten Jahren eine fast allmächtige Stellung im Namalande erworben hat.  Solchen Wünschen kann sich Dr. Göring nicht verschließen, und so geht am 20. Mai 1890 ein Schreiben an Hendrik ab, in dem er dringend aufgefordert wird, endlich vom Kriege abzulassen, mit den Herero Frieden zu schließen und wieder nach Gibeon zu ziehen.  Eine Unterredung Görings mit dem ehrgeizigen Namakapitän am 7. Juni scheint den Beweis zu erbringen, daß Hendrik und seine Witboois eingeschüchtert sind.  So kann Göring, nachdem er noch Schutzverträge mit Andreas Lambert auf Hoachanas, mit den Bondelzwarts und Feldschuhträgern abgeschlossen hat, im August 1890 das Schutzgebiet verlassen.  Zurückbleiben im weiten Südwester Lande ein Hauptmann und 50 Mann.


Hendrik Witbooi schürt Unruhe
Hendrik Witbooi hat das Ulitmatum des Reichskommissars Dr. Göring vom 20. Mai 1890 hingenommen und sich in der Unterredung am 7. Juni willfährig gezeigt.  Lediglich die Furcht, daß die 50 Mann starke Truppe sich mit den Herero vereinigen und gegen ihn vorgehen könne, hat ihn von der Eröffnung der Feindseligkeiten abgehalten.  Dann allerings sucht er die vermeintlichen Verbündeten zu trennen, indem er Maharero an seiner Häuptlingsehre packt.  Am 30. Mai 1890 verfaßt er in Hornkrans, seinem schwer zugänglichen Schlupfwinkel, einen Brief an den Hererohäuptling.  "Ich habe gehört, daß Du Dich unter deutschen Schutz gestellt hast und Dr. Göring volles Recht erhalten hat, zu befehlen.  Ich nehme Dir das sehr übel.  Du nennst Dich selber Oberhäuptling von Hereroland, d. h. die Hereronation ist ein selbständiges Königreich in ihrem Lande, und die roten Nationen, die sind auch selbständige Königreiche, grade wie Deutschland und England Königreiche mit verschiedenen Völkern sind.  Jedes Volk hat sein eigenes Land und seinen eigenen König, der zu befehlen und zu regieren hat.  Kein anderer Mensch oder Häuptling hat das Recht, dem andern zu befehlen.  Alle auch wir, sind allein Gott, dem König aller Könige, verantwortlich; ihn allein sollen wir um Hilfe, Rat, Kraft, Schutz und Trost in allen Angelegenheiten des Lebens bitten.  Er gibt allen gerne, die ihn darum bitten.  Und nun, lieber Häuptling Maharero, Du hast eine andere Regierung angenommen, um durch eine menschliche Regierung beschirmt zu werden, zum ersten und letzten gegen mich. - - - Du wirst zum Ende schwer bereuen, daß Du Dein Land und Deine Regierung in die Hände der Weißen gegeben hast.  Daß Du meinst, weise gehandelt zu haben, das sollst Du so fühlen, als ob Du die Sonne auf dem Rücken trügst.  Ich weiß, Dr. Göring und Du gehören verschiedenen Nationen an, und ihr seid von jeher nicht gute Freunde gewesen miteinander, sondern ihr habt diese Freundschaft geschlossen, allein um mich zu vernichten.  Wie steht es nun mit Deiner selbständigen Kapitänschaft?  Und bist Du noch Oberhaupt von Damaraland?  Ich verstehe nicht, wie Du Dich noch so nennen kannst.  Denke aber nicht, daß ich diese Worte nur darum geschrieben habe, weil ich bange und besorgt bin vor der großen Gefahr, womit Du meinst, mich zu schrecken."
An Selbstgefühl mangelt es diesem Eingeborenenhäuptling nicht, wenn er sich ohne weiteres dem König von England und dem deutschen Kaiser gleichstellt. Worauf es ihm aber wirklich ankam, das war, seine Raub- und Kriegszüge nach Hereroland fortsetzen zu können.  Waren doch gerade damals die besten Aussichten gegeben.  Eben war er mit der Niederwerfung der meisten Namakapitäne fertig geworden, hatte die Feldschuhträger besiegt, ihren Häuptling Arisimab erschießen lassen, die letzten Reste des Afrikanerstammes vernichtet und die Hottentotten von Hoachanas, obwohl sie unter deutscher Schutzherrschaft standen gezüchtigt.  So stand er vor der fast unbeschränkten Herrschaft über Namaland.  Der schwere Alpdruck löst sich aber von Hendriks Brust!  Die Truppe des Hauptmanns v. François geht nicht nach Okahandja zur Vereinigung mit dem Heere der Herero, sondern nach einem wochenlangen Aufenthalt in Rehoboth nach Tsaobis (Wilhelmsfeste) zurück.

Jetzt bricht Hendrik los.  Wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil stößt er aus seinem Raubnest in Hornkrans heraus mitten unter die Herero.  Wieder Mord, wieder Raub, Tausende von Stück Vieh werden von Hendrik abgetrieben; Pulver und Blei, Gewehre und Kriegsmaterial wird eingetauscht.  Die Händler haben gute Zeit.  Alle ein bis drei Monate macht Hendrik neue Überfälle auf die Herero; so geht das Jahr 1890 herum, so beginnt das Jahr 1891.
Inzwischen hat sich aber doch eine wichtige Änderung vollzogen.  Hauptmann von François hat schärfstens darauf gehalten, daß die Witboois ihre Züge nicht über Tsaobis machen, wenn er auch nicht hindern kann, daß sie sich in der Nachbarschaft von Tsaobis nach Hereroland durchschleichen.  Das wäre nur möglich gewesen, wenn man eine neutrale Zone zwischen die beiden feindlichen Stämme legen, diese mit einigen Stationen besetzen und so sperren konnte.  Ein Gedanke, der durchaus nicht unausführbar ist.  Unter dem Druck der Nama haben sich die Herero nach Norden zurückgezogen, die Nama sind nach Süden gegangen, und Windhuk ist vollkommen verlassen.  Selbst die Missionsstation in Klein-Windhuk ist aufgegeben worden.  Tatsächlich also ein herrenloses Land, wenn die Herero es auch als ihr Eigentum ansehen.

Hier setzt der Entschluß des Führers der kleinen Truppe ein.  Ein Viehposten wird in Heusis, östlich von Tsaobis, eingerichtet, und am 18. Oktober 1890 erfolgt nach gründlicher Erkundung der Örtlichkeit und der Anmarschwege über das Khomasbergland die Gründung der Station Windhuk mit einer Zweigstation in Klein-Windhuk.  So zieht sich in der von den beiden Eingeborenennationen nicht besetzten Zone eine Kette von vier Stationen entlang, Tsaobis mit 10 Mann Besatzung, Heusis mit 5 Mann, Windhuk mit 23 Mann und Klein-Windhuk mit 9 Mann.  Freilich ist die Lage für die zersplitterte Truppe nicht ungefährlich.  Vereinigen sich die beiden feindlichen Brüder gegen die Deutschen, so ist sie hoffnungslos.  Aber trotz der ungewissen Zukunft, die man sich selbst geschaffen hat, ist doch eines erreicht: eine gewisse Trennung und Beaufsichtigung der streitenden Parteien ist herbeigeführt, und die Lage zwischen zwei Feuern gibt immerhin die Möglichkeit, entweder als Schiedsrichter aufzutreten oder aber, wenn der eine von beiden Ruhe hält, mit verstärkten Kräften gegen den andern, den Friedensstörer, vorzugehen. 


Festung Hornkrans
Nach anfänglichem Protest erklärt sich der Häuptling Samuel Maharero, der dem alten Maharero im Jahre 1890 folgt, mit der Besetzung von Windhuk durch die Truppe einverstanden.  Die Frage bleibt, wie sich Witbooi auf die Dauer mit der Nachbarschaft deutscher Soldaten abfinden wird.  Zunächst sieht es so aus, als wenn auch er Frieden halten wolle.  Bei einem Besuch des in Südwest weilenden Majors A. von François und des Leutnants von François in Hornkrans im März 1891 gibt er diese Absicht ausdrücklich kund und unterläßt auch längere Zeit jeden Raubzug.  An eine Unterwerfung unter die Deutschen denkt er aber nicht.  Auch sein Friedensangebot an die Herero vom 22. Mai 1891 hat einen recht eigenartigen Wortlaut.  Mit lakonischer Kürze stellt es folgende Fragen: "Habt ihr noch Lust, weiter zu fechten?  Wollt ihr noch nicht einsehen?  Wollt ihr euch noch nicht bekehren? Wollt ihr noch nicht um Frieden fragen?"  Diese Form ist selbst für die Herero nicht tragbar.  Außerdem wissen die nachgerade, daß Hendrik Witbooi sein Wort doch nicht hält.  Kein Wunder also, daß sie Ende Juli 1891 ablehnen und dies dem Leutnant von François in einer Versammlung in Okahandja ausdrücklich mit der Lügenhaftigkeit Hendriks begründen.


Die alte Feste in Windhuk. 
Diese wurde durch Hauptmann von François und seinen Männern errichtet.


So hat Hendrik einen Grund zur Wiedereröffnung der Feindseligkeiten, und schon geht es los!  November, Dezember 1891, Februar 1892 - jedes Datum ein Überfall Hendriks mit Mord und Viehdiebstahl gegen die Herero.  Was ist also aus dem Ultimatum des Reichskommissars Dr. Göring an Hendrik Witbooi vom 20. Mai 1890 geworden?  Soll es nur eine leere Drohung bleiben?  In dieser verzweifelten Lage wendet sich François an die Heimat und bittet um Unterstützung.  Er, der selbst am meisten unter der erzwungenen Untätigkeit seiner Truppe und unter den verständnislosen Angriffen der Kolonialgegner in der Heimat leidet, hat genaue Unterlagen für die Verstärkung der Truppe und für einen Zug gegen die Witboois eingesandt, und seine Forderungen werden im großen und ganzen bewilligt; nur die erbetenen Geschütze erhält er nicht.
Wo sollen aber die 200 oder 300 Mann der neuen Truppe landen?  In dem englischen Walfischbucht?  François sucht nach Abhilfe.  An der Mündung des Swakop findet er auch eine geeignete Landungsstelle, wo man durch die Brandung hindurch die Ausladung vornehmen kann.  So entsteht Swakopmund, zuerst ein armseliger Platz mit ein paar kümmerlichen Schuppen, heute ein freundliches, in Grün gebettetes Städtchen.
Bis zur Landung der Verstärkungen vergehen noch Monate.  Einen letzten Versuch zum Frieden macht der stellvertretende Reichskommissar und Truppenführer und sucht am 8. und 9. Juni 1892 Hendrik Witbooi in Hornkrans auf, um ihn zum Friedensschluß zu bewegen.  Er soll nach Gibeon ziehen und 5000 Mark Jahresgehalt erhalten; auch für seine Leute werden manche Vorteile angeboten.  Aber Hendrik bleibt hartnäckig.  Ein solcher Unabhängigkeitssinn ist für eine Kolonialherrschaft auf die Dauer nicht zu ertragen.  Man kann ihn bewundern, aber man muß ihn brechen!  Ein Versuch, das mit Hilfe der Herero zu tun und gemeinsam mit diesen Hornkrans zu nehmen, scheitert an deren Unzuverlässigkeit.  Ja, bald deuten Anzeichen darauf hin, daß Herero und Nama sich einander nähern, um den lästigen Kontrolleur ihres Waffenhandels und ihrer Streitigkeiten unschädlich zu machen.  Umherschweifende Witboois und Herero lassen sich wiederholt als Späher bei und in Windhuk sehen.

Endlich, am 16. März 1893, sind die 214 Mann und zwei Offiziere, die die Verstärkung für Hauptmann von François bilden, in Swakopmund gelandet und am 23. März von diesem in Usab begrüßt worden.  Trotz der fremdartigen Verhältnisse und ungewohnten Schwierigkeiten wird der Marsch nach Windhuk - 360 Kilometer - in 12 Marschtagen zurückgelegt.  Diese Leistung zeigt dem Führer, daß er es mit einer Mannschaft zu tun hat, der man etwas zumuten kann.  Und als die Truppe am 2. April in Windhuk einrückt, da steht auch schon sein Entschluß fest, in den nächsten Tagen gegen Witbooi zu marschieren.
Die Ankunft von über 200 Mann deutscher Soldaten hat Hendrik und die Seinen keineswegs eingeschüchtert.  Das Selbstvertrauen des mit der Landesnatur vertrauten Namakriegers ist unbegrenzt.

Also auf, zur Entscheidung!  Auf, nach Hornkrans!  Niemand, außer den Offizieren, weiß, wohin es geht.  Gilt es doch, den Feind, der überall seine Späher, seine vorgeschobenen Posten hat, zu täuschen.  Daher lautet der Befehl: "Abmarsch zur Nachtübung mit anschließendem Gefechts- schießen."  Zwei Kompanien - je 11 Unteroffiziere, 2 Lazarettgehilfen, 2 Trompeter und 93 Mann - und acht Ochsenwagen befinden sich vom 8. April  1893 ab auf dem Marsch nach Hornkrans.  Zwei Wasserwagen sind dabei.  Das besagt genug über die Natur des Landstriches zwischen Windhuk und Hornkrans.  Eisig fegt der Wind über die Flächen in der Nacht.  "Hätten unsere dicken Mäntel und mehr Decken mitnehmen sollen!" meint der junge Leutnant Schwabe zu dem Truppenarzt Dr. Richter.  "Freilich!  Aber wer denkt denn, wenn er nach dem "heißen" Afrika geht, daran, Wintermäntel mitzunehmen!  Also frieren wir weiter!"


(Phot. Georg Karsunke)
Hornkrans


In der Nacht frieren, am Tage braten, das ist das Los der marschierenden Truppe in Südwest.  Und dazu die Wege!  Alle Augenblicke bleiben die Wagen stecken.  Dann müssen Ochsen ausgespannt und zu Hilfe geschickt werden, die Mannschaften greifen in die Speichen, und vorwärts geht es wieder für eine kurze Weile.  Durch Sand und tiefeingesenkte Riviere, über steile Felsanstiege und über Trümmergestein, vor dem jeder europäische Fahrer kapitulieren würde, holpert, schwankt, taumelt der Ochsenwagen dahin.  Am 11. April steht man in der Tiefe vor dem bergumsäumten Plateau von Hornkrans.  Schon in der Nacht werden Posten auf die Höhen vorgeschoben, am 12. April früh 1¾ Uhr tritt die Truppe an, alle, auch die Offiziere, zu Fuß, alle, auch die Offiziere, mit Gewehr!  Jedes Wort, jedes Waffenklirren wird vermieden, kein Laut unterbricht die Stille der Nacht, nur ab und zu rollen Klippen und bröckliges Gestein in die Tiefe.
So stapft man vorwärts.  Schon kündet der fahle Schein im Osten den anbrechenden Morgen an, da ist man oben auf der Höhe, und schneller geht es voran, um die Werft des Feindes zu umzingeln.  Oder hat er längst Kunde von dem Überfall und ist auf und davon?  Da melden sich die Hähne, und das Brüllen der Rinder tönt zu den Angreifern herüber.  Es wird also gelingen.  Je näher man kommt, desto besser erkennt man, wie gut sich Hendrik zur Verteidigung eingerichtet hat.  Überall Schanzen, die sich überhöhen, die sich flankieren.  Sind sie besetzt, dann gibt es einen heißen Kampf.  Schon erklettert die Spitze der Truppe einen Bergkegel, auf dessen Spitze Schanzen beherrschend angelegt sind.  Immer noch nichts von den Feinden!  Der Morgen dämmert, die Kompanien sind heran, breiten sich aus in Schützenlinien.  Leutnant Schwabe soll von Osten, Premierleutnant von François von Norden her angreifen.  Noch einige Höhen müssen überwunden werden, dann liegt Hornkrans vor Leutnant Schwabe und seiner Kompanie.  Im Laufschritt eilen sie heran, denn schon dringt Gewehrfeuer von der andern Abteilung zu ihnen.  Jetzt nistet sich die Schützenlinie im Gelände ein!  Feuer!  Bis auf 650 Meter hat man sich an den Feind herangearbeitet und kann bereits mit Visier 650 schießen.  Dann geht es in ein paar Sprüngen heran an die Schanzen und an ein großes Mauerviereck, aus dem die Nama das Feuer kräftig erwidern.  Und während sich vor den Augen der Stürmenden unten auf der Werft ein wildes Tumult durcheinanderlaufender Weiber, Kinder, Rinder, Pferde, Schafe abspielt, während man noch bald diese, bald jene Schanze unter Feuer nimmt, ertönt das Signal: Rasch vorwärts, rasch vorwärts!  Dann das nächste: Seitengewehr pflanz auf!  Und nun ist man mitten unter den Witboois, die dem Ansturm mit der blanken Waffe nicht standhalten.  Überall fließende Gegner!  Bravourstücke einzelner Nama können den Siegeslauf nicht aufhalten, Hornkrans gehört den Deutschen.  Über Klippen und Felsen, durch wahre Felslabyrinthe wird verfolgt; wo sich der Witbooi setzt, wird er herausgeworfen.  Zwei Stunden lang wird die Verfolgung in weitem Umkreis fortgesetzt.  Dann kehrt die Truppe zu Hendrik Witboois Werft zurück.  Der stolze Namankapitän hat empfindliche Verluste erlitten, aber er selbst mit den bedeutendsten Unterführern ist entkommen. Nur seine Tochter Margarete und seine Frau sind in die Hände des Siegers gefallen.  Hornkrans ist genommen.  Der erste empfindliche Schlag gegen den Hauptführer der Nama ist gefallen.
Die Truppe marschiert ab, und sofort erscheinen wieder Trupps der Witboois.  Ein zweites Mal wird Hendrik aus dem Platz hinausgeworfen.  Nun legt François einen Posten von 24 Mann unter einem Sergeanten und Unteroffizier in die feste Kirche von Hornkrans und baut sie zu einer kleinen Festung aus.  Aber den Gegner, der sich auf dem steilen Karibibberg oder Roten Berg verschanzt hat, will François nicht angreifen.  Das freie Angriffsfeld rings um ihn würde zuviel Verluste kosten.  Nicht umsonst hat er um Geschütze gebeten.  Auf sie wartet er zum entscheidenden Schlag.

Ein angenehmes Dasein ist es nicht, das die Besatzungstruppe in Hornkrans gehabt hat.  Mitten zwischen den Höhen steht die kleine Festung im Talkessel da, die heiße afrikanische Sonne brütet in die Senke hinein und macht sie zu einem Backofen.  Abgeschnitten ist man, wie am Ende der Welt.  Streifpartien über die nächste Umgegend hinaus oder Jagdfahrten kann die Truppe nicht unternehmen, da sie ständig auf Überfälle gefaßt sein muß.  Allmählich gehen auch die Vorräte zu Ende: Seife kommt nicht mehr an die Hände, das getrocknete Fleisch ist aufgezehrt, die eintönigste Ernährung mit Erbswurst, Reis, Kaffee, Schiffszwieback setzt ein.  Aber Sergeant Pohl erweist sich als guter Führer, er hält seine Leute zusammen und ihren Lebensmut aufrecht.  Vor allem sichert Pohl den Dienst des Wasserholens.  Denn die Wasserstelle ist 200 Meter von der Schanze vor der Feste entfernt.  Aber die Mannschaft läßt es sich nicht verdrießen, jeden Abend in Schützenlinie 500 bis 600 Meter über die Wasserstelle hinaus vorzudringen, so daß die Wasserholer ungefährdet die Wassergefäße füllen und zur Feste bringen können.
Eines Tages - es ist der 8. Juli - ertönt von den Höhen ein hellschmetterndes Trompetensignal.  Die Truppe des Hauptmanns von François rückt auf dem Platz ein!  Aus ist es mit der Öde und Langeweile des Besatzungslebens, mit der freiwilligen Gefangenhaltung in der Feste.  Der Posten wird eingezogen und kehrt zur Truppe zurück.  Nun erfahren die Abgesperrten auch das Neueste aus Südwest.  Die Witboois?  Ja, die leben noch und machen sich immer wieder recht unangenehm bemerkbar.  Ein zäher Gegner und unglaublich kühn dabei!  Mehrere Male ist er sogar bis nach Windhuk gestreift und hat ganz Windhuk in Aufregung versetzt.  Die starke Patrouille, die am 30. Mai den verwundeten Reiter Fischer von Hornkrans abgeholt hat, ist auf der Rückkehr von Hornkrans überfallen und schwer erschüttert worden.  Als am folgenden Tage der Feind sie an geeigneter Stelle abermals angreift und umzingelt, wäre sie verloren gewesen, wenn nicht von Rehoboth her Unteroffizier Köstens mit den verbündeten Bastards von Rehoboth herangerückt wäre.


Hendrik Witbooi


Die Witboois reiten überall durch das Land.  Immer wieder machen sie ihre Überfälle und scheuen auch vor Angriffen auf die versammelte Truppe nicht zurück.  Kaum hat Hauptmann François - die Besatzung einbegriffen, 105 Mann stark! - Hornkrans verlassen, da wird er auch schon am 9. Juli bei Naos überfallen.  Ein Wunder, daß er selbst davonkommt!  Denn er ist bei der Spitze, die plötzlich auf 50 Meter Entfernung von vorn und von rechts und links Feuer bekommt.  Tapfer hält die kleine Schar der Spitze bei ihrem Hauptmann aus.  Da ist auch schon die Kompanie heran, außer Atem ob der 800 Meter, die sie ununterbrochen im Lauf zurückgelegt hat, und nun gibt es kein Halten für die Witboois mehr.  Aber sie reiten gerade in das Feuer einer Abteilung unter Leutnant Schwabe hinein und haben tüchtige Verluste.  Schon sind sie 1000, 1500 Meter von den verfolgenden Deutschen entfernt!  Schon lassen sie die abgehetzten Pferde in Schritt fallen, da auf einmal platzt eine Salve mitten hinein in den abziehenden Witbooitrupp.  Die Deutschen haben noch einmal mit Visier 1900 Meter von einer Höhe herab geschossen und mitten in den Pulk hinein getroffen!  Ja, wenn François erst seine Geschütze haben wird!  Vorläufig freilich weigert sich der englische Hafenkommandant von Walfischbai, sie auszuliefern!  Nichtige Gründe sind es, aber sie machen erst einen diplomatischen Notenwechsel zwischen Deutschland und England nötig, ehe François die Geschütze abholen und am 5. August in Windhuk einziehen lassen kann.  Die beiden Geschütze sind nicht die einzige Verstärkung, die er erhält.  Am 23. August landen in Swakopmund 3 Offiziere und 100 Mannschaften.  So sammelt sich mit der Zeit um den Hauptmann von François eine Truppe, mit der ein großer Schlag gegen Hendrik Witbooi unternommen werden kann.
Inzwischen aber wird die deutsche Heimat, die keine Vorstellung von den südwestafrikanischen Gebirgsstöcken mit ihren Schlupfwinkeln und ihrem unwegsamen Gelände hat, unruhig.  Was ist denn in Südwest los?  Ein Eingebornenhäuptling mit ein paar hundert Kriegern macht jetzt schon jahrelang im Lande, was er will.  Ängstigt Windhuk, macht die Straßen unsicher, überfällt die Truppe und ihre Transporte.  Und dafür Verstärkung und immer wieder Verstärkung der Schutztruppe, dafür Geschütze und Unmassen Munition?  Ein bitteres Unrecht ist es, das damit François und den Seinen zugefügt wird.


Hendrik wird umstellt
Wenn Hauptmann von François auch gemerkt haben mag, wie unruhig die Heimat wurde, wie ungerecht sie die Verzögerung der Kapitulation Witboois beurteilte, und wie gefährlich dies für seine Stellung werden konnte, so dachte der pflichtgetreue Mann doch nicht daran, deshalb alles auf eine Karte zu setzen und die zu schwachen Kräfte der Truppe für einen großen Schlag gegen Witbooi aufzubieten.  Nein, planvoll und methodisch geht er weiter vor zu dem Ziele, Hendrik von allen Hilfsquellen abzuschneiden und ihn zu umstellen.  Gurumanas, Tsebris (westlich Rehoboth), Rehoboth werden mit Posten besetzt, so daß eine ständige Postenkette nahe an Hornkrans herangezogen und das verbündete Bastardvolk einigermaßen gegen Übergriffe Witboois gesichert ist.  Im Norden liegen die Stationen Salem, Tsaobis, Otjimbingwe zur Sicherung des Baiweges.  Schon ist geplant, in Keetmanshoop eine Station zu errichten, um Hendriks Verbindung mit dem Kaplande und seine Munitionsversorgung von dorther zu stören.  Witbooi soll Zeit erhalten, sich irgendwo festzusetzen, und dann will François ihm mit den noch zu erwartenden Nachschüben aus Deutschland auf den Leib rücken.

Im Dezember ist es so weit!  4 Offiziere, 1 Arzt, 170 Unteroffiziere und Mannschaften mit den beiden Geschützen, dazu die Bastards unter dem Befehl von François rücken zum vernichtenden Schlage aus.  Wieder ist Hornkrans das Ziel.  Hornkrans selbst wird von den Witboois nicht verteidigt; sie sitzen gut verschanzt in den Roten Bergen.  Doch auch diese Stellung räumt der Feind.  Weiter hinein in die Berge geht er, wohin der Anmarsch durch ein wahres Labyrinth von Bergkuppen und tiefen Schluchten führt.  Aber diesmal will der deutsche Führer den Feind endlich fassen. Von allen Seiten soll er durch einen Gürtel von Patrouillen umzingelt werden.  Immer enger zieht der Ring sich um den Gegner zusammen.  Als aber der zupackende Griff endlich erfolgen soll, ist der Feind doch wieder entwichen.  Fabelhaft die Ortskenntnis der Nama!  Aber fabelhaft auch die deutsche Zähigkeit.  Den Feinden nach, lautet die Parole!  Kaum hat man das Weihnachtsfest so feierlich, wie es im Felde möglich ist, begangen, da wird der Vormarsch angetreten gegen die Dorisabschlucht, in der Hendrik sich verschanzt hat.  Und diesmal gelingt die Umstellung!  Alle Ausgänge der Schlucht sind von den Deutschen und Bastards gesperrt, der Kampf um die Schlucht beginnt.  Sogar das Geschütz wird mit unerhörter Anstrengung auf die Höhe gebracht, feuert in die Schlucht und in das Lager hinein.  Grauenhaft sind die Verwüstungen, die es anrichtet.  Immer mehr feindliche Schanzen werden gestürmt, immer wütender werden die Durchbruchsversuche der Witboois.  Schon scheint es, als ob der Sieg sich endlich dem zähen Kämpfer François zuneigen sollte.  Das Schicksal hat es aber anders entschieden.  In der Nacht zum 1. Januar 1894 sind die Witboois, nachdem sie überall bei den deutschen Schanzen zurückgeworfen worden sind, bei den Bastards durchgebrochen, allerdings unter Zurücklassung ihres Viehs, ihrer Toten und Verwundeten.  Rastlos folgt ihnen der deutsche Truppenführer. 

Die Witboois sollen in der Naukluft sitzen.  Es heißt also, diesen gewaltigen Gebirgsstock zu umstellen und abzusperren.  Das ist leichter als bei den Gebirgen von Hornkrans.  Denn westlich von der Naukluft dräuen die Dünen der Namib, und hier gibt es keinen Ausweg, kein Entrinnen.  So hat man nur den Norden, Osten und Süden abzuschließen.  Ehe man dies tut, muß aber festgestellt werden, ob der Witbooi auch wirklich im Naukluftgebirge drinsteckt.  Unter schmerzlichen Verlusten wird erkundet, daß die Meldung richtig ist.
Bis weit in das Innere der Schlucht treibt der Wille des Führers und die Hilfe der Geschütze die Kompanie vor.  Hendrik hat sich in das schwer zugängliche Innere des Gebirges zurückgezogen, das kein Mensch kennt.  Dorthin zu folgen, ist bei dem Zustand der Truppe nicht möglich.  Das Schuhwerk der Leute ist zersetzt, der Proviant geht zur Neige, die Zug- und Reittiere sind kaum mehr in gebauchsfähigem Zustande.  Schweren Herzens muß François den sicheren Sieg wieder aus der Hand geben und nach Windhuk zurückkehren.  Dort trifft die am 14. Februar einziehende Truppe den Major Leutwein, der ihr Führer im Endkampf gegen Hendrik Witbooi werden sollte.

Major Leutwein
Major Leutwein


Gemeinsame Besprechungen der beiden Majore führen zu zwei neuen Zügen ins Namaland, die die Unterwerfung der Khauashottentotten, der Simon Kopperleute, der Bethanier Hottentotten und die Errichtung der Distrikte Keetmanshoop und Bethanien sowie der Stationen Bethanien, Keetmanshoop, Rietfontein, Warmbad, Uhabis, Gibeon, Kubub, Lüderitzbucht, Grootfontein im Gefolge hatten.  Jetzt war Hendrik Witbooi wirklich überall von seinen Stammesgenossen und seinen rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten, nur noch auf die eigene Kraft angewiesen.  Aber immer noch trotzt er.  Als Major Leutwein mit seiner Abteilung vor die Naukluft rückt, kann er sich noch nicht zur Unterwerfung entschließen.  Er bittet um Waffenstillstand und um Bedenkzeit.  Beides wird ihm für zwei Monate gewährt.  Denn auch Leutwein erkennt nun zu gut, daß er die gewaltige Festung der Naukluft mit den vorhandenen Truppen nicht bezwingen kann.  Er muß Zeit gewinnen und Verstärkungen abwarten.  Das Ringen mit Hendrik Witbooi ist in das letzte, entscheidende Stadium getreten.  Nach Ablauf des Waffenstillstandes gibt es nur noch Unterwerfung oder Kampf bis aufs Messer.
Major von François erlebt ihn nicht mehr in Südwest.  Ein Heimaturlaub bringt ihn nach Deutschland zurück.  Eine neue Verwendung in dem Lande, in dem er fünf Jahre ununterbrochen unter den schwierigsten Verhältnissen gewirkt hat, wurde ihm vom Schicksal nicht mehr gewährt.


Hendriks letzte Festung fällt!
Einen besseren Rückhalt als die Naukluft hätte Hendrik Witbooi nicht finden können.  Den Europäern, vor allem den Deutschen der damaligen Zeit war sie ein völlig unbekanntes Gebirge.  Nur Buschmänner und Nama kannten sich darin aus.
31. Juli 1894!  Der Waffenstillstand und die Bedenkzeit, die Major Leutwein dem Witbooikapitän gewährt hat, sind abgelaufen.  Deutsche und Witboois sollen genau die Stellungen einnehmen, die sie vor seinem Abschluß besessen haben.  Für die Schutztruppe bedeutet das Besitz einer Spitzkuppe in der Fläche vor dem Haupteingang der Ostflanke des Gebirges, der Spitzkuppe in dem Nordosteingang von Büllsport, der WasserstelleBläßkranz und der Wasserstelle Uhunis hoch über ihr, sowie einer Reihe von Wasserstellen im Tsauchabtal.

Schutztruppe mit Dromedaren
Schutztruppe im Felde


Der Angriff kann aber am 1. August nicht eröffnet werden.  Noch sind die zur Verfügung beorderten sechs Offiziere und 200 Mann nicht zur Stelle, da der Dampfer 10 Tage später, als erwartet, landet.  Erst Mitte August treffen nach langem Fußmarsch die beiden neu gebildeten Kompanien auf vorher genau erkundeten Anmarschwegen vor der Naukluft ein.  Wird Witbooi bis dahin in seinen Stellungen ausharren und warten, bis sich das Ungewitter um die Naukluft zusammengezogen hat?  Oder wird er wieder entweichen und sich nach einem andern Gebirgsstock zurückziehen, wo man ihn erst wieder müßsam aufsuchen muß?  Das muß unter allen Umständen verhindert werden.  Infolgedessen erhält Leutnant Schwabe den Befehl, mit 50 Reitern, 50 Bastards von Rehoboth und den zwei Geschützen zur Naukluft zu marschieren, die genannten und andere geeignete Punkte zu besetzen und Hendrik in der Naukluft festzuhalten.  Auf dem Marsch empfängt er einen für Leutwein bestimmten Brief Hendriks, der keinen Zweifel daran läßt, daß an eine Unterwerfung des Namakapitäns nicht zu denken ist.  So geht der Leutnant an die Ausführung des ersten Auftrages: Besetzung der Spitzkuppe von Büllsport.  Sie gelingt, und sofort zieht er vor den Haupteingang der Naukluft.  Dort wird ein befestigtes Lager aufgeschlagen und Postierungen werden in Tsauchabtal südlich der Naukluft vorgeschoben, so daß Hendrik in einem großen Halbkreis von Norden über Osten nach Süden umklammert ist.
Kaum sind die beiden neuen Kompanien eingetroffen, so werden die Posten verstärkt und vermehrt.  An der Nordfront steht von Ababes bis Büllsport Hauptmann von Sack mit der 2. Kompanie, im Osten sperren eine Anzahl selbständiger Posten das Gebirge, im Süden im Tsauchabtal Premierleutnant von Burgsdorff.  Im Hauptlager steht die 1. Kompanie und die aus den alten Schutztrupplern gebildete 3. Kompanie zum Angriff auf die Hauptschlucht, die eigentliche Naukluft, bereit, während die 2. Kompanie von Norden, von Uhunis her, angreifen soll.

Ein langatmiger Briefwechsel, den Hendrik mit Leutwein führt, erweist sich schließlich als zwecklos.  So wird der Angriff auf die Nacht vom 26. zum 27. August und auf den Morgen des 27. August angesetzt.  Infolge der vielen Postierungen ist die eigentliche Angriffs- und Kampftruppe im ganzen nur 190 Mann stark, 2. Kompanie unter Hauptmann von Sack 44 Mann und 8 Bastards, 1. Kompanie unter Hauptmann von Estorff 70 Mann und 2 Geschütze, 3. Kompanie unter Premierleutnant von Perbandt 50 Mann, dazu als Seitendeckung der 2. Kompanie von Büllsport her Sergeant Gilsoul mit 14 Mann.  Befehlsmäßig treten die Kompanien an. 
Unter der Führung des Hauptmanns v. Estorff war die 1. Kompanie morgens in den Haupteingang der Naukluft eingedrungen, nachdem die Geschütze die Schanzwerke der Nama unter Feuer genommen hatten, und hatte den Feind, der unsichtbar in Deckung stand und mit großer Sicherheit zielte, unter gewaltigen Anstrengungen zurückgeworfen.  Immer wieder setzen sich die Witboois fest, immer wildere Landschaften öffneten sich den Verfolgern.  Denn die Witbooileute entwichen eiligst über Felsgewirr, Schründe und Trümmerfelder.  Auf beiden Seiten wurde mit der größten Erbitterung Tag und Nacht gekämpft, bis die Witboois in die Ebene gedrängt waren.  Hendrik Witboois ergab sich schließlich, ohne den letzten Angriff abzuwarten.

Major Leutwein wies Hendrik Witbooi Gibeon als Wohnsitz an und sicherte ihm ein Jahresgehalt zu.  Hendrik Witbooi verpfändete sein Wort, Frieden zu halten und Heeresfolge zu leisten, wenn es erforderlich würde.  Deutsch-Südwest war frei für Handel und Besiedelung.  Ein Zusammenarbeiten mit selbständigen Stämmen hatte sich als unmöglich erwiesen.

F. Maywald