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Der alliierte Luftkrieg - TEIL IV
Tod über Deutschland 1940-1945


(Quelle: DMZ - Nr. 42 / Dezember 2004)

Am 3. September 1939 hatte Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklärt.  Acht Monate später, am 9. Mai 1940, begann die deutsche Offensive im Westen.  Am 11. Mai beschloß das britische Kabinett, dem Bomber Command den Luftkrieg gegen das deutsche Hinterland freizugeben.  In der folgenden Nacht warfen britische Flugzeuge zum ersten Mal ungezielt Bomben auf Wohngebiete von Mönchengladbach.  Und von da an erfolgten solche Angriffe auf Städte im Ruhrgebiet Nacht für Nacht.  Bis zum 13. Mai 1940, also innerhalb von nur zwei Tagen, registrierte die deutsche Seite insgesamt 51 britische Luftangriffe auf nichtmilitärische Ziele neben 14 Angriffen auf militärische Ziele wie Brücken, Bahnlinien, Rüstungsindustrie und Werkanlagen.

Jeder Anflug bedeutet Fliegeralarm
Seit dem 25. August 1940 griffen britische Bomber nachts Berlin an, und zwar nicht etwa, um gezielt kriegswichtige Ziele zu treffen - dazu war die Royal Air Force (RAF) nicht in der Lage, weil man geeignete Bombenzielgeräte nicht entwickelt hatte.  Seit Jahren war das Flächenbombardement als die wirksamste Form des Luftkrieges festgelegt worden, und dazu brauchte man keine Treffergenauigkeit, wie die deutsche Seite sie mit Hilfe der Sturzkampfbomber (Stuka) erreichte.
Da zu jener Zeit die schweren viermotorigen Bomber mit großer Reichweite und starker Abwehrbewaffnung, an denen die britische Industrie seit 1936 arbeitete, noch nicht zur Verfügung standen, waren die Schäden zunächst verhältnismäßig bescheiden, doch bedeutete jeder Einflug für die deutschen Städte Fliegeralarm.

Hamburg sollte "pulverisiert" werden
Die Deutschen begannen zu murren, weil Deutschland nicht zurückschlug und sie ungeschützt den englischen Bomben ausgesetzt waren.  Der britische Informationsminister Duff Cooper verkündete zudem im August 1940 im Rundfunk und in den Zeitungen, die Royal Air Force werde nunmehr Hamburg "pulverisieren".  Die deutsche Luftwaffe war auf den strategischen Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung weder technisch noch in der Ausbildung ihrer Piloten eingerichtet.
Und so setzte man, um die Moral der deutschen Bevölkerung zu stabilisieren, auf Propaganda. 
Dazu gehörte die öffentliche Rede Adolf Hitlers, in der er die Propaganda von britischer Seite aufgriff und erklärte, wenn die Briten deutsche Städte "pulverisieren" wollten, dann werde Deutschland die britischen Städte "ausradieren".

Luftangriff auf London erst im September 1940
Der erste Teil dieser Propaganda-Auseinandersetzung wird in der deutschen Öffentlichkeit gern verschwiegen; dafür wird aber Hitlers Drohung, man werde englische Städte "ausradieren", als "Beweis" für die geplante barbarische Kriegführung des Deutschen Reiches bewertet.  Tatsächlich aber geschah nichts dergleichen.  Erst nachdem die Briten achtmal die Reichshauptstadt Berlin angegriffen hatten, erfolgte am 6./7. September 1940 ein deutscher Luftangriff auf London - allerdings gezielt auf militärische Objekte wie Hafenanlagen, Bahnhöfe, Rüstungswerke und Elektrizitätswerke.  Es war den Besatzungen ausdrücklich verboten, ihre Bomben auf Wohngebiete abzuwerfen, da damit "kein kriegsentscheidender Erfolg zu erwarten" sei.

Deutschland hielt am Völkerrecht fest
Die deutschen Luftangriffe sollten die geplante Invasion der britischen Inseln einleiten.  Dazu gehörte, daß strategisch wichtige Verkehrswege, Hafenanlagen, Schiffe, Rüstungsindustrie, vor allem aber die britischen Flughäfen bombardiert wurden.  Es gab einen Führerbefehl, der Angriffe bei nicht einwandfreier Sicht auf London zunächst verbot.
Auch als Deutschland Vergeltung für britische Angriffe auf deutsche Wohnviertel androhte und dann ausführte - Deutschland hielt immer noch an dem internationalen Völkerrecht fest, das Angriffe auf Nichtkombattanten verbot -, wurden diese Vergeltungsangriffe ausschließlich gegen kriegswichtige und für die Versorgung der Großstadt London lebenswichtige Ziele gerichtet.  "Terrorangriffe gegen reine Wohnviertel sollen als letztes Druckmittel vorbehalten bleiben und daher jetzt noch nicht zur Anwendung kommen", lautete die offizielle Weisung.

Briten ignorierten Kriegsrecht
Auch im Winter 1940/41 gab es keinen deutschen strategischen Luftkrieg gegen die englische Zivilbevölkerung. 
Alle Angriffe waren gegen kriegswichtige Ziele gerichtet, was nicht ausschloß, daß unbeabsichtigt auch zivile Anlagen getroffen und Zivilisten getötet wurden.  Diese Art der deutschen Luftkriegführung wird auch von der offiziellen britischen Geschichtsschreibung ausdrücklich anerkannt.
Die Briten hatten sich von Anfang an nicht an das internationale Völkerrecht gehalten, weil sie - formal korrekt - darauf hinwiesen, daß es keine völkerrechtlichen Regelungen speziell für den Luftkrieg gebe.  Man kannte ihn zur Zeit der Haager Landkriegsordnung noch nicht.  Die deutsche Seite hingegen, wie auch die Regierungen der meisten anderen zivilisierten Staaten, vertrat die Ansicht, daß, "solange es kein spezielles Luftkriegs-Völkerrecht gibt, die Bevölkerung und die Kriegführenden (Nichtkombattanten und Kombattanten) unter dem Schutz und der Herrschaft der Grundsätze des Völkerrechts bleiben, wie sie sich ergeben aus den unter gesitteten Völkern feststehenden Gebräuchen, aus den Gesetzen der Menschlichkeit und aus den Forderungen des öffentlichen Gewissens", so die Präambel des "Abkommens betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges" von 1895 und 1904, der sogenannten "Martens`schen Klausel".
Aus dem bisher Aufgeführten geht hervor, daß nicht der Luftkrieg als solcher völkerrechtswidrig war.  Richteten sich die Angriffe gegen militärische oder sonstige kriegswichtige Ziele, aber natürlich auch gegen die kämpfenden Truppen an der Front, ihre Bunker, ihre Stellungen, ihre Nachschubwege, dann waren diese taktischen Luftangriffe vom Völkerrecht gedeckt.

Gezielter Krieg gegen Zivilisten
Der britische Luftkrieg hingegen richtete sich gezielt gegen Zivilisten.  Die Folgen solcher "Terrorangriffe" zeigen sich erst mittelbar, wenn die Moral der Zivilbevölkerung zerbricht, wenn sie den Widerstand aufgibt oder sich gar gegen ihre eigene politische Führung wendet.  Darauf hoffte die britische Regierung, darin bestärkt von einigen Personen aus der "Widerstandsbewegung" in Deutschland, ohne zu begreifen, daß sich die Haltung der Deutschen im Vergleich zum Ersten Weltkrieg wesentlich gewandelt hatte.  Das Ergebnis war der nutzlose Tod von über 600 000 Opfern des Bombenkrieges gegen die Zivilbevölkerung, darunter 57 000 Kinder unter 14 Jahren, ohne daß die Moral der deutschen Bevölkerung gebrochen worden wäre.  In den Prozessen des Internationalen Gerichtshofes in Nürnberg nach dem Ende des Krieges wurde solches völkerrechtswidriges Verhalten als Kriegsverbrechen gewertet - allerdings nur gegen den Verlierer.

"Baedeker-Angriff" angeordnet
Während die deutschen Bomberangriffe nach der Aufgabe der Invasionsplanungen gegen England 1941 abnahmen, forcierten die Briten ihre Luftangriffe gegen Deutschland.  Nach der Bombardierung von Lübeck, durch die große Teile der mittelalterlichen Innenstadt zerstört wurden, mitsamt dem Dom, der Marienkirche, der Petrikirche, den Salzspeichern und vielen anderen historischen Gebäuden, hingegen keine einzige militärische Anlage, drückte Thomas Mann über den britischen Rundfunk aus dem Exil seine Befriedigung über die Zerstörung seiner Vaterstadt aus.  Nachdem nach dem gleichen Schema auch Rostock in Schutt und Asche gelegt worden war, ordnete Hitler offizielle Vergeltung an.  Die Rede ist von den sogenannten Baedecker-Angriffen auf kulturell wichtige britische Städte wie Exeter, Bath, York und Canterbury.

Entwicklung der V-Waffen
Der Generalstab der Luftwaffe gab dem Generalluftzeugmeister die Anweisung, eine Waffe für Flächenangriffe entwickeln zu lassen.  Sie wurde 1944 fertig und wurde bekannt unter der Bezeichnung V 1, später dann auch V 2, die vor allem zu Angriffen auf Städte eingesetzt wurde.  Damit war der unterschiedslose Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung am
14. April 1942 eröffnet worden, den Deutschland jedoch nicht wirkungsvoll führen konnte, weil seiner Luftwaffe die für diese Art der Kriegführung notwendigen viermotorigen Bomber fehlten.  Die Royal Air Force hingegen konnte ab 1942 die seit 1936 in Auftrag gegebenen und konstruierten viermotorigen Bomber wie "Stirling", "Halifax", und "Lancaster" einsetzen, zu denen bald die US-amerikanischen "fliegenden Festungen" hinzukamen.
Als die USA dann ihre Langstreckenjäger einsetzten, auf die man zunächst glaubte verzichten zu können, wurden auch am Tage Angriffe möglich, wobei sich die Amerikaner zunächst militärisch relevante Ziele aussuchten, während die Briten weiterhin bei Nacht mit Bombenteppichen Wohngebiete einäscherten.

Pforzheim als "prima Feueranzünder"
Der beabsichtigte Einsatz von Giftgas und Anthrax gegen deutsche Städte, wie sie britische Stabschefs in Übereinstimmung mit Premierminister Winston Churchill forderten, unterblieb, weil die britische Seite fürchtete, daß Deutschland mit denselben Waffen zurückschlagen würde. 
Den Höhepunkt der Zerstörungskraft konventioneller Bomben in Europa lieferten in den letzten Wochen des Krieges die Alliierten mit ihrem Angriff am 23. Februar 1945 auf die Stadt Pforzheim, die in den offiziellen Ziellisten der Alliierten nicht geführt wurde, weil sie für den Luftkrieg bedeutungslos war.
Man hatte lediglich festgestellt, daß der Stadtkern besonders brandanfällig war und daß man in ihm, wie der Oberbefehlshaber des britischen Bomberkommandos, Luftmarschall Arthur Harris, sich ausdrückte, "einen prima Feueranzünder" vorfand.  369 Maschinen der RAF griffen nachts Pforzheim an.  Von den 65 000 Einwohnern wurden mindestens 20 200 getötet.  83 Prozent des inneren Stadtgebietes wurden zerstört.  Es gelang wiederum, einen Feuersturm zu erzeugen.  Am Tag danach griffen US-Jagdbomber tagsüber im Tiefflug die fliehenden, bergenden und löschenden Menschen in Pforzheim an und konnten weitere 100 töten.  Sechs Wochen später besetzten französische Truppen die völlig zerstörte Stadt.

Moral der Deutschen blieb ungebrochen
Diese militärisch sinnlose Verwüstung deutscher Städte wenig Wochen vor Kriegsende - dazu gehörten auch Worms, Mainz, Hildesheim, Potsdam, Chemnitz, Würzburg, an der Spitze aber Dresden - sollte noch einmal zeigen, was die britischen Bomber vermochten, wie Harris sich ausdrückte.  Die Abteilung für psychologische Kriegführung der Alliierten befürwortete ebenfalls diese Angriffe, weil sie für sie ein Experiment waren, mit dessen Hilfe sie feststellen wollte, ob Flächenbombardierungen nicht doch in der Lage wären, die Moral der Bevölkerung zu brechen.
Nach dem Krieg stellte der britische Militärhistoriker John Terraine jedoch fest: "Die Moral der deutschen Zivilbevölkerung und Armee blieb in einem nicht vorstellbaren Maße unerschütterlich."