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Der alliierte Luftkrieg - TEIL III
Tod über Deutschland 1940-1945


(Quelle: DMZ - Nr. 41 / Oktober 2004)

Nachdem in der vorigen Folge die Grundzüge der Luftkriegsstrategien des Deutschen Reiches, Großbritanniens, der USA, Frankreich und der Sowjetunion geschildert wurden, stellt sich nunmehr zwangsläufig die Frage, die durchgehend die öffentliche Diskussion um den Luftkrieg gegen Deutschland beherrscht:
Welche der kriegführenden Mächte hat die Flächenangriffe auf die Zivilbevölkerung ausgelöst?
Nach dem breiten Erfolg, den Jörg Friedrich mit der Darstellung des Luftkrieges in seinem Buch Der Brand und dem dazu gehörenden Bildband Brandstätten erzielt hat, kann nicht mehr geleugnet werden, daß diese Form der alliierten Luftkriegführung jedes Maß gesprengt hat.

Politisch korrekte Rechtfertigung des Luftterrors
Die Vertreter der deutschen politischen Klasse - von der Bundesregierung über Landespolitiker bis zu Zeitungs- und Fernsehredakteuren - bemühen sich unentwegt darum, die Deutschen zu "Schuldigen" zu machen und der damaligen Staatsführung wie auch der Luftwaffenführung den Beginn dieser Form des Luftkrieges zuzuschreiben.  Der frühere sozialdemokratische Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, Michael Bouteiller, ließ 1992 kaum eine der zahlreichen Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag der Zerstörung der mittelalterlichen Lübecker Altstadt aus, um bei dieser Gelegenheit den britischen Angriff mit der Behauptung zu rechtfertigen, die Royal Air Force habe lediglich den deutschen Angriff auf Conventry vergolten.  Wurde ihm von Bürgern unter Verweis auf einwandfreie Quellen nachgewiesen, daß seine Darstellung historisch falsch sei, da in Wirklichkeit die britische Luftwaffenführung den Angriff gegen die durch die vielen Fachwerkhäuser leicht brennbare Innenstadt befohlen hatte, um ein neues Konzept der Flächenbombardierung zu erproben, ignorierte er derartige Informationen schlichtweg.
Ganz ähnlich verhielt sich der Regierende Bürgermeister der Hansestadt Hamburg anläßlich des 60. Jahrestages der Operation "Gomorrha".  Durch die im Juli 1943 gezielt auf Wohnviertel geworfenen Bombenteppiche kamen damals etwa 35 000 Menschen ums Leben.  Entgegen aller in den letzten Jahrzehnten vorgelegten Forschungsergebnisse relativierte, ja rechtfertigte Ole von Beust sogar in seiner Ansprache auf der Eröffnungsveranstaltung der Feierlichkeiten die britischen Kriegsverbrechen, indem er sagte: "Deutschland entfesselte den Zweiten Weltkrieg, zerstörte Städte wie Warschau, Rotterdam und Coventry."  Auf Briefe, in denen er darauf hingewiesen wurde, daß zwischen den von ihm angeführten Ereignissen und der Zerstörung Hamburgs keinerlei Zusammenhänge bestünden, antwortete seine Persönliche Referentin trotzig: "Gleichwohl besteht hier nach wie vor die Überzeugung, daß die Ausführungen ... nicht nur angemessen, sondern auch geboten waren."  Man kann daraus nur schließen, daß historische Tatsachen für die Verbreitung von politisch korrekten Behauptungen keine Rolle spielen.
In erster Linie waren es die Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, an der Spitze der Wissenschaftliche Direktor Dr. Horst Boog, die die Frage nach dem Beginn des strategischen Luftkrieges gegen die Zivilbevölkerung sachlich beantwortet haben.

Luftkriegslegenden widerlegt
Zunächst aber gilt es, einige der sich hartnäckig haltenden "Luftkriegslegenden" kritisch zu untersuchen.  Auch hier hat das Militärgeschichtliche Forschungsamt ergiebiges Material vorgelegt.
So hält sich weiter die Behauptung, diese Art der Kriegführung sei bereits von der deutschen Luftwaffe im Spanischen Bürgerkrieg durch die Bombardierung der Stadt Guernica praktiziert worden.  Im Rahmen der psychologischen Kriegführung wurde dieser Vorfall schon 1937 von der kommunistischen Bürgerkriegsseite als Terrorangriff gegen Zivilisten ausgeschlachtet.
Zwei ausgewiesene Militärhistoriker haben die Ereignisse in Guernica detailliert untersucht, nämlich 1975 Klaus A. Maier in Guernica, 26.4.1937: Die deutsche Intervention in Spanien und der "Fall Guernica", herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, sowie der in England lehrenden Historiker Prof. Dr. Hans-Henning Abendroth im Jahre 1987.  Beide kommen zu dem Schluß, daß es sich um einen gegen militärische Ziele geführten taktischen Luftangriff gehandelt habe, der zwar von Piloten der deutschen "Legion Condor" ausgeführt wurde, aber auf Befehl des national-spanischen Oberkommandos erfolgte.  Es ging dabei um die Unterbrechung der durch den Ort führenden strategisch wichtigen Verkehrswege, über die der Nachschub für die rot-spanischen Streitkräfte rollte.  Dabei wurden durch nicht vorhersehbare Umstände auch Zivilgebäude getroffen und Zivilisten getötet.  Da diese nicht das Ziel der Angriffe waren, lag ein Völkerrechtsverstoß gleichwohl nicht vor. 
Seit kurzem tauchen in den Veröffentlichungen, die beweisen sollen, daß Deutschland den Luftkrieg auf Zivilisten begonnen hat, auch Luftangriffe gegen die polnische Grenzstadt Wielun am 1. September 1939 auf.  Wielun lag direkt in der Gefechtszone, und in der Stadt waren eine polnische Division sowie eine Kavalleriebrigade stationiert, die das Ziel von zwei Luftangriffen wurden.  Durch Fehlwürfe aufgrund von Bodennebel wurden dabei auch zivile Einrichtungen getroffen.  Es handelte sich hier dennoch um einen völkerrechtlich zulässigen Angriff zur Heeresunterstützung.

Bomben auf Warschau und Rotterdam Terrorangriffe?
Die Luftangriffe auf Warschau am 24./25. September 1939 als Kriegsverbrechen anzuprangern, ist abwegig.  Warschau war seit dem 16. September eingeschlossen, und die Frontlinie verlief direkt an der Warschauer Stadtgrenze.  Mehrfach hatte die deutsche Seite die Stadt aufgefordert zu kapitulieren; andernfalls würden Bombardierungen erfolgen.
Der Zivilbevölkerung wurde die Möglichkeit eingeräumt, vorher die Stadt zu verlassen.  Die polnische Seite lehnte ab.
Daraufhin begannen die Angriffe.  Während zunächst befohlen war, dicht besiedelte Wohnviertel von den Luftangriffen auszusparen, ließ sich die Trennung angesichts der fortschreitenden Verengung des Belagerungsringes nicht durchhalten.
Zwar richteten sich die Luftangriffe gegen den von 100 000 polnischen Soldaten gehaltenen Stadtkern, doch wurden dabei auch Wohngebäude zerstört sowie die Wasser, Gas- und Stromversorgung unterbrochen.  Warschau mußte schließlich am 27. September kapitulieren.  10 000 bis 15 000 Menschen dürften während der Kämpfe um Warschau nach polnischen wie deutschen Schätzungen ihr Leben verloren haben.  Völkerrechtlich waren die Luftangriffe vertretbar, da Warschau eine verteidigte Stadt war.
Eine weitere ständig wiederholte Legende ist die Behauptung, die niederländische Stadt Rotterdam sei einem deutschen Terrorangriff ausgesetzt gewesen - ein Ergebnis der britischen psychologischen Kriegsführung.  Unmittelbar nach dem Angriff wurde die Meldung verbreitet, in Rotterdam seien 30 000 Zivilisten durch deutsche Bomben ums Leben gekommen.  Tatsächlich betrugen nach Auskunft des Niederländischen Staatlichen Instituts für Kriegsdokumentationen die Verluste zwischen 600 und 900 Personen.  Rotterdam war - ebenso wie Warschau - eine verteidigte Stadt in der Frontlinie.  Mehrfach hatte die deutsche Seite Rotterdam vergeblich zur Übergabe aufgefordert.  Daraufhin startete ein Bomberverband, der die durch die Vorstädte verlaufende holländische Verteidigungslinie angreifen sollte.  Während sich die Maschinen im Anflug auf das Ziel befanden, erklärte die niederländische militärische Führung ihre Bereitschaft zu Verhandlungen.  Sofort wurde versucht, die deutschen Bomber zurückzurufen.  Für 57 Kampfflugzeuge kam der Befehl zu spät; sie hatten bereits ihre Bomben geworfen.  43 Maschinen konnten rechtzeitig abdrehen.  Trotz der geringen abgeworfenen Bombenmenge brachen in der Innenstadt von Rotterdam Großfeuer aus.  Der Feuerwehrfachmann Hans Rumpf erklärt dies in seinem Buch Der hochrote Hahn damit, daß die Großstadt Rotterdam über keine moderne Berufsfeuerwehr verfügte; man verließ sich darauf, daß bei Feuer die Bürger mit Hilfe von überall untergestellten Handspritzen löschen würden.
Auch im Falle von Rotterdam handelte es sich um einen völkerrechtlich zulässigen Angriff zur Unterstützung von Bodentruppen.

Auch Coventry war ein militärisches Ziel
Die Angriffe auf die britische Industriestadt Coventry, die von interessierten deutschen Kreisen gern auf die gleiche Stufe gestellt werden wie die britischen und amerikanischen Angriffe auf Dresden kurz vor Kriegsende, waren, wie damals das britische Kriegskabinett selbst feststellte, gezielte Angriffe auf die zahlreichen über die ganze Stadt verstreuten Rüstungswerke und damit ebenfalls völkerrechtlich legitimiert.  Dabei wurden etwa sechs Prozent der bebauten Fläche Coventrys zerstört.  In Hamburg wurden dagegen 75 Prozent des bebauten Gebietes von den Briten zerstört. 
Etwa 500 Einwohner Coventrys fanden den Tod, während in Hamburg allein durch die Operation "Gomorrha"
35 000 Menschen starben.  Die Kathedrale von Coventry wurde versehentlich getroffen und brannte aus.  Bei den Angriffen auf Hamburg wurden drei der fünf Hauptkirchen, nämlich die Katharinen-, die Michaelis- und die Nicolaikirche, sowie zahlreiche Gemeindekirchen zerstört.