|
Der alliierte Luftkrieg - TEIL II Tod über Deutschland 1940-1945 |
|||
(Quelle: DMZ - Nr.40 / August 2004) In der ersten Folge wurde
begründet, warum es für die
deutsche Seite aus politischen Gründen notwendig ist, bei der
Betrachtung des Luftkrieges gegen die Zivilbevölkerung im Zweiten
Weltkrieg die Frage nach dem Ersttäter zu stellen, der auch als
Verursacher dieser barbarischen Form der Kriegsführung anzusehen
ist. Zwar ist dem bedeutendsten Historiker des Luftkrieges, Horst
Boog, zuzustimmen, daß die Frage nach dem Beginn des
Bombenkrieges "historisch ziemlich irrelevant" sei, und
tatsächlich spielten die Fragen nach Schuld und Sühne in der
Geschichtsschreibung generell keine wesentliche Rolle.
Doch ist die Antwort auf diese Frage, wie auch Boog konzediert, im juristischen Sinne von Belang. Sie ist zumal daher zwingend, als - dies prangert auch Boog an - es sich "eingebürgert" habe, der deutschen Luftwaffe den Beginn des strategischen Bombenkrieges zuzuschreiben. Die Engländer sollen angeblich darauf lediglich reagiert haben. Deutschlands Wehrlosigkeit nach 1919 Deutschland war bekanntlich durch den Versailler Vertrag von 1919 eine Luftflotte generell verboten. Die übrigen europäischen Länder rüsteten in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg kräftig weiter, während Deutschland zunehmend ein machtfreier Raum in der Mitte Europas blieb, was allen Regierungen der Weimarer Republik - vor allen Dingen im Hinblick auf die permanente Bedrohung durch das nach allen Seiten expandierende Polen - erhebliche Sorgen machte. Zwar wurde Deutschland 1926 von den Siegern die Produktion ziviler Flugzeuge erlaubt, doch entstand dadurch keine leistungsfähige moderne Luftfahrtindustrie, zumal die Herstellung schwerer Flugzeugmotoren grundsätzlich verboten blieb. 1933 waren zudem die zaghaften Anfänge einer deutschen Luftfahrtindustrie vollends durch die Weltwirtschaftskrise zerstört. Alle deutschen Flugzeugwerke zusammen produzierten in diesem Jahr nicht mehr als 33 Flugzeuge. Deutschland verließ 1933 den Völkerbund, nachdem auf der Genfer Abrüstungskonferenz der Forderung, nach Deutschland sollten auch die übrigen europäischen Staaten abrüsten, nicht entsprochen worden war. Es galt, wollte man wieder ein gleichberechtigter Staat in Europa werden, eine Luftfahrtindustrie von Grund auf neu aufzubauen. Dabei dominierten die gleichen Überlegungen wie in Großbritannien, Frankreich und den anderen Siegerstaaten. Es steckte allen der Schock des Ersten Weltkrieges in den Gliedern, als sich die Kampfhandlungen im Stellungskrieg in den Schützengräben festgefahren hatten. Der Krieg stagnierte bei hohen Verlusten beider Seiten. Das müsse, auch darin waren sich die Strategen aller Nationen einig, bei einem kommenden Krieg vermieden werden, und dazu sollte in erster Linie die Luftwaffe beitragen. Der Schutz von Zivilisten Die Schlüsse, die man daraus zog, waren allerdings unterschiedlich. Die deutsche Luftwaffenführung gelangte nach umfangreichen Studien zu der Auffassung, ein künftiger Krieg werde auf den Kriegsschauplätzen Europas entschieden und nicht im Hinterland. Aufgabe der Luftwaffe müsse es sein, die Luftüberlegenheit über feindlichem Gebiet zu erringen, um damit die Heeresverbände in ihrem Kampf zu Lande und die Marinestreitkräfte zur See zu unterstützen. Es wurde eine "Luftkriegsdoktrin" entwickelt, in der dieses festgeschrieben wurde und wonach sich die deutsche Luftrüstung ebenso zu richten hatte wie eine eventuell kommende Kriegsführung. An letzter Stelle in dieser Luftkriegsdoktrin stand der Kampf "gegen die Kraftquellen der feindlichen Wehrmacht und die Unterbrechung des Kraftstromes aus ihnen zur Front". Festgelegt ist das alles in der während des ganzen Krieges geltenden "Luftwaffen-Dienstvorschrift 16" in den Ziffern 10, 21, 22 und 31. Danach sollte die erste und immerwährende Hauptaufgabe der deutschen Luftwaffe "der Kampf gegen die feindliche Luftwaffe" sein. Ihr folgt das "Eingreifen in die Operationen und Kampfhandlungen zu Lande und zur See" und schließlich und an letzter Stelle "der Kampf gegen die Kraftquellen der feindlichen Wehrmacht", also die Operationen im Hinterland. Man war der Ansicht, daß sich der Luftkrieg weit im feindlichen Hinterland nicht rechtzeitig auf die Operationen von Heer und Kriegsmarine auswirken könnte. Daher war ausdrücklich in der "Luftwaffen-Dienstvorschrift 16" befohlen, daß "Ziele in dicht bevölkertem Gebiet und Ziele in unmittelbarer Nähe von Objekten, auf die der Luftangriff verboten ist, nur in gezieltem Bombenabwurf" angegriffen werden dürfen. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt schließt aus dieser Anordnung, daß damit "offensichtlich die feindliche Zivilbevölkerung vor Schaden durch deutsche Bomben bewahrt werden sollte". Das wird gedeutet als "traditionelles humanitäres Denken", aber auch als "Ausfluß der klassisch-kontinentalen Tradition der Kriegsführung". Der Stuka als punktgenauer Bomber Zwar gab es im Generalstab der Luftwaffe immer wieder einmal Stimmen einzelner, die diese Strategie korrigieren wollten, indem sie Angriffe auf feindliche Zivilbevölkerung anregten, doch wurden sie stets zum Verstummen gebracht. Die deutsche Luftwaffe sollte keine Bombenteppiche werfen, sondern die Bomben so genau wie möglich auf militärische oder andere kriegswichtige Ziele abwerfen können, wozu beispielsweise die Entwicklung des Sturzkampfflugzeuges, des Stuka, diente, der im Sturzflug punktgenau zielen und treffen konnte. Das war den Westmächten bekannt. Der Militärattachè der USA meldete bereits 1937 aus Berlin seiner Regierung, wie es um die deutsche Luftkriegsdoktrin in einem eventuell kommenden Krieg bestellt war. Ganz anders dachte man in der politischen wie in der militärischen Führung Großbritanniens. Hier hatte man sich zwischen den Kriegen die Auffassung in der Literatur zu eigen gemacht, ein kommender Krieg werde dadurch gewonnen, daß der Bevölkerung des feindlichen Landes das moralische Rückgrat gebrochen werde. Noch im Oktober 1918 entwickelte das britische Air Ministry ein Gutachten, in dem es hieß, die Air Force sollte nunmehr dazu übergehen - noch war der Erste Weltkrieg nicht zu Ende -, die "Moral der deutschen Zivilbevölkerung durch Luftangriffe zu brechen, da dadurch der Krieg entschieden werden" könne. Dazu kam es bekanntlich nicht mehr. Der Zusammenbruch der deutschen Kampfmoral 1918 gab den britischen Strategen und Politikern ein starkes Argument für ihre Auffassung, daß die Zivilbevölkerung das schwächste Glied eines feindlichen Staates sei. 1923 formulierte der Chef des britischen Luftstabes, Sir Hugh Trenchard, die Royal Air Force müsse beim nächsten Krieg zuerst den Widerstandswillen der feindlichen Zivilbevölkerung brechen, um damit den Stellungskrieg (des Ersten Weltkrieges) zu vermeiden. Wichtig sei die Wohnraumzerstörung und die Vernichtung von Menschenleben unter der Zivilbevölkerung. Bereits Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts ging man davon aus, daß im nächsten Krieg wiederum Deutschland der Gegner sein werde. Und da man erlebt hatte, daß Ende 1918 die deutsche Heimatfront zusammengebrochen war, ging man davon aus, daß die deutsche Kampfmoral schwächer sei als die der britischen Zivilbevölkerung, die bei dieser Art der Kriegsführung mit deutschen Vergeltungsschlägen rechnen mußte. Und so glaubte General Arthur Harris, Deutschland kapitulationsreif bomben zu können. Bomben gegen die Kampfmoral 1934 leitete Großbritannien die Luftaufrüstung ein, um die in der neuen Doktrin festgelegte Form des Luftkrieges in die Tat umsetzen zu können. Das Schwergewicht sollte auf dem Ausbau einer mächtigen Bomberwaffe liegen. Zwei Jahre später begann die Entwicklung schwerer englischer Langstreckenbomber, die in der Lage sein sollten, große Bombenmengen über weite Entfernungen ins Ziel zu tragen. Die Schaffung von möglichst präzisen Zielgeräten wurde vernachlässigt, da sie für den Abwurf von Bombenteppichen überflüssig erschienen. Die Entwicklung eines viermotorigen Bombers dauerte etwa sechs Jahre, so daß man damit rechnen konnte, 1942 über sie zu verfügen. Langstreckenjäger zu schaffen, hatte allerdings keine Priorität. Man glaubte, sie zum Schutz der Bomber nicht zu benötigen, da die neuen geplanten viermotorigen Bomber so stark bewaffnet seien, daß sie "immer durchkommen". Das war, wie sich später herausstellte, ein Irrtum. Die USA stellten im Juli 1935 das erste Modell des Prototyps B-17, eines schnellen viermotorigen Langstreckenbombers, fertig und begannen mit der Produktion dieser als unbezwingbar geltenden Flying Fortress (dt. "Fliegende Festung") und ihrer Folgemodelle. Allerdings bestand damals in der US-Luftkriegsgeneralität noch nicht die Absicht, in erster Linie die Zivilbevölkerung anzugreifen. Solche Angriffe hielt man für unwirtschaftlich und unklug und übernahm sie erst 1943. Alliierte Strategien der Luftkriegführung Im Januar 1941 begannen Planungen der USA und Großbritanniens für die gemeinsame Luftkriegsstrategie gegen Deutschland, wobei die Aufgaben verteilt wurden: Die britische Royal Air Force sollte die Zivilbevölkerung im großen Stile bekämpfen, während die Amerikaner sich den Luftkrieg gegen militärisch und wirtschaftlich bedeutsame Ziele vorbehielten. Frankreich und die Sowjetunion waren beide auf einen strategischen Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung nicht eingerichtet, sondern verfolgten eine ähnliche Luftkriegstrategie wie das Deutsche Reich: Die Luftwaffe sollte der verlängerte Arm der Artillerie sein. |
||||