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Erstes Schutzgebiet Deutschlands



Südwest wird die erste deutsche Überseekolonie

Über den Umfang der kaufmännischen Unternehmungen in Übersee waren trotz des wachsenden Interesses breiter Schichten des deutschen Volkes und trotz der Tätigkeit des Kolonialvereins selbst die Reichsbehörden nicht genau im Bilde.  Die hanseatischen Kaufleute hatten allerdings auch nicht viel Aufhebens von ihrer Tätigkeit gemacht.  Erst als die englische Regierung verschiedentlich störend eingriff, stürmten von allen Enden der Welt auf das Auswärtige Amt Vorschläge zur Beschlagnahme bedrohter Gebiete ein, die vom Reich nicht abgelehnt werden konnten.
Die Volksstimmung drängte zu "nationaler Expansion".  Der Reichstag verhielt sich freilich immer noch ablehnend.  Eine Denkschrift über die Möglichkeit, staatlich unterstützte Dampferlinien nach Australien und Ostasien einzurichten, wurde nicht einmal auf die Tagesordnung gesetzt.  Bismarck hatte recht: "Zu Kolonien gehört ein Mutterland, in dem das Nationalgefühl stärker ist als der Parteigeist (1883)."

Inzwischen eilten die Ereignisse den Erwägungen voraus. Schon 1868 hatte der Inspektor der Barmer Mission Dr. Fabri, der für Kolonialerwerb lebhaft eingetreten war, gebeten, die seit Jahren im Herero- und Groß-Namalande eingesetzten Unternehmungen von Staats wegen zu schützen.  Er empfahl gleichzeitig den Ankauf der Delagobai zur Anlage einer Flottenstation, als Portugal nach Käufern für seine Kolonie Mozambique Ausschau hielt.  Im Jahre 1881 arbeiteten in Afrika 45 Forschungsunternehmungen, die die Blicke der ganzen Welt auf Afrika lenkten und "das großafrikanische Wettrennen" einleiteten.

Der wagemutige Bremer Handelsherr F. A. E. Lüderitz (1834-1886) war durch den Vertreter der Firma F. M. Viëtor in Westafrika, Heinrich Vogelsang, und den Kapitän Timpe auf Südwest aufmerksam gemacht worden.  Fabri hatte den rheinischen Kaufmann Hasenclever angeregt, reiche Minen im Gebiet des Namalandes zu erwerben.  Lüderitz trat 1882 an das Auswärtige Amt mit der Mitteilung heran, daß er ein Schiff mit vorwiegend deutschen Waren nach einem Küstenort Südwestafrikas zwischen 22° und 28° n. Br. zu schicken beabsichtige, also in ein Gebiet, das noch in den Händen eingeborener Machthaber sei.  Sein Warenverwalter solle mit denen Verträge abschließen, die ihm gegen jährliche Tributzahlungen Alleinhandel und Besitzrechte zur Anlage von Faktoreien, Pflanzungen, Straußenfarmen und Ländereien überließen.  Um ungestört durch fremde Mächte arbeiten zu können, wünschte er, gleich bei Abschluß der Verträge unter den Schutz der Reichsflagge gestellt zu werden und fragte an, ob und unter welchen Bedingungen ihm dieser Schutz gewährt werden könne.  Das Auswärtige Amt trat seinem Gesuch näher und nahm mit London deswegen Fühlung.  Bismarck ließ im Frühjahr 1883 den Botschafter mündlich höflich anfragen, ob England Hoheitsrechte über die Gegend von Angra Pequena ausübe, um sich über die Auffassung der englischen Regierung zu informieren.  "Wenn nicht, hat Deutschland die Absicht, seinen Untertanen in dieser Region den notwendigen Schutz angedeihen zu lassen."  Granville erwiderte ausweichend, daß "die Regierung der Kapkolonie gewisse Niederlassungen längs der Küste besäße, daß es aber der britischen Regierung, ohne nähere Mitteilung über die genaue Lage der Lüderitzschen Faktorei unmöglich sei zu sagen, ob sie in der Lage sei, im Notfall den 'gewünschten' Schutz zu gewähren."  Drei Jahre vorher hatte sie den Schutz deutscher Missionare im Falle eines Eingeborenenaufstandes in der gleichen Gegend abgelehnt und erklärt, daß England keine Verantwortung für Geschehnisse außerhalb seines Hoheitsgebietes übernehmen könne, das nur die Walfischbai und ihr Hinterland umfasse.  Bismarck hätte also auf die grundsätzliche Zustimmung Englands rechnen können, um so mehr als er eben erst England einen großen Dienst in Ägypten dadurch erwiesen hatte, daß er ihm die erforderlichen Gelder zur Kriegführung vermittelt hatte.



(Phot. Karl Schneider)
Haus in Bethanien, in dem Nachtigal den Schutzvertrag mit Joseph Fredericks abgeschlossen hat.


Inzwischen führte Lüderitz sein Vorhaben aus.  Heinrich Vogelsang erwarb von einem Hottentottenhäuptling ein ungefähr 1400 qkm (150 englische Quadratmeilen) großes Gebiet an der Bucht von Angra Pequena für 2000 Mark, für das Lüderitz noch einmal selbst in Berlin im Auswärtigen Amt um Schutz bat.  Jetzt wurde der deutsche Konsul in Kapstadt angewiesen, Lüderitz Rat und Schutz angedeihen zu lassen, soweit sich das Unternehmen auf "wohlerwogene" Rechte stütze und nicht mit früheren Rechtsansprüchen, sei es der einheimischen Bevölkerung, sei es Englands, zusammenstoße.

Jetzt traf die verzögerte englische amtliche Antwort ein, daß England jeden Anspruch seitens einer fremden Macht auf Hoheits- oder Verwaltungsrechte über das Gebiet zwischen Angola und der Kapkolonie als einen Eingriff in seine rechtmäßigen Ansprüche betrachten würde.  Bismarck fragte darauf im Dezember 1883 in London an, auf welche Rechtstitel sich Englands Ansprüche stützen.  Eine Landung, die vor 90 Jahren dort stattgefunden hatte, konnte unmöglich noch als solche anerkannt werden.
Der englische Staatssekretär des Kolonialamtes, Lord Derby, suchte unterdessen die Kapkolonie zu veranlassen, das von Deutschland ins Auge gefaßte Gebiet durch einen Handstreich an sich zu bringen.  Im Juni 1884 telegraphierte der deutsche Konsul aus Kapstadt, daß die Kapkolonie im Begriff sei, die Küstenstriche bis Angra Pequena zu beschlagnahmen.  Bismarck erklärte: "Jetzt wollen wir handeln!" (April 1884.)  Granville ließ er wissen, daß er das Gefühl habe, daß wir von England "nicht auf dem Fuße der Gleichberechtigung behandelt worden" seien.  Das Reich werde trotzdem seinen Schutz, soweit seine Kräfte reichten, auch auf Handlungsunternehmungen, die mit Landerwerb verbunden seien, erstrecken.  Er machte den Botschafter in London, Graf Münster, darauf aufmerksam, daß er nicht vergessen möge, daß unser Verhalten immer darauf gerichtet sein müsse, in Deutschland den Eindruck zu verhüten, "als ob wir dem in der Tat aufrichtig vorhandenen Wunsche des guten Einvernehmens mit England Lebensinteressen .... opfern könnten".  Er schickte seinen eigenen Sohn Herbert nach London zur Verhandlung, der wenigstens eine Entschuldigung Granvilles wegen des ungerechtfertigten Verhaltens der Regierung erreichte.  Bismarck betonte, daß wir das Recht in Anspruch nähmen, "in Gebieten, wo ausreichender Rechtsschutz durch anerkannte staatliche Organisationen nicht verbürgt sei, den dort verkehrenden Staatsangehörigen Schutz und Förderung selbst zuteil werden zu lassen".  Lord Granville nahm das zur Kenntnis und beanspruchte nur die Wahrung der Interessen englischer Untertanen in diesem Gebiet, die ihm zugesichert wurde.  Der Kapkolonie untersagte er jedes weitere Vorgehen.

Trotzdem wollten die Gerüchte von einer Annexion des Gebietes nicht zum Schweigen kommen.  Bismarck war über die unehrliche Behandlung der diplomatischen Angelegenheit empört.  Sie trieb ihn zu eiligem Handeln.  Er schickte die kleinen Kriegsschiffe "Elisabeth" und "Leipzig" zur Klärung der Angelegenheit nach Angra Pequena.  Sie liefen die Küste an und stellten sie vom Oranjefluß bis zum 26. Breitengrad durch feierliche Flaggenhissung am 7. August 1884 unter deutschen Schutz.
Einen lebendigen Bericht über die Besitzergreifung Südwest-Afrikas gibt Harry Koenig ("Heiß Flagge") als Augenzeuge:
"Am 24. Juni verließen wir Freetown, um nach Angra Pequena zu fahren, wo wir am 18. Juli mit S.M.S. "Leipzig" zusammentreffen sollten. - Endlich am 5. August lag in der Ferne, von Wolken noch leicht verhüllt, das gelobte Land vor uns.  Wir hofften, noch am selben Tage vor Angra Pequena vor Anker gehen zu können.  Aber mit der Dunkelheit wurde das Wetter so stürmisch, daß wir uns dem Lande nicht weiter nähern durften.
Während wir am 6. August beim Frühstück saßen, wurde S.M.S. "Leipzig" in Sicht gemeldet. - Gegen Mittag endlich grüßten sich S.M.S. "Elisabeth" und S.M.S. "Leipzig" gegenseitig mit drei kräftigen Hurras.  Unter den Klängen des Preußenmarschs lief die "Elisabeth" in den natürlichen Hafen von Angra Pequena ein und ging ganz in der Nähe der "Leipzig" vor Anker.  Die Reede zeichnet sich durch geschützte Lage aus.  Die zahlreichen Inseln und der weit in die See hinausgeschobene Angra Point bildeten einen natürlichen Schutz, eine Mole, die der Bucht ruhige See sicherte.  Dabei war das Wasser tief genug, um auch Schiffen von der Größe der deutschen Fregatten einen dem Ufer nahen Ankerplatz zu bieten.
Seit dem 18. Juli, also bereits 19 Tage, lag die "Leipzig" uns erwartend vor Angra zu Anker.  Ihre Offiziere kamen sofort zu uns an Bord, und die beiderseitige Freude war natürlich entsprechend groß. -
Am 7. August 1884 wurde es in der deutschen Niederlassung auf Angra und auf beiden deutschen Kriegsschiffen sehr früh lebendig.  Schon um 6 Uhr wurde Kaffee getrunken, und um 7 Uhr fuhren in etwa 12 großen Booten Offiziere und Mannschaften von beiden Schiffen an Land.
Das Wasser stand leider so niedrig, daß die Boote nicht am Ufer anlegen konnten.  So wurden die kräftigsten Bootsruderer ausgesucht, die ohne Strümpfe und Schuhe ins Wasser sprangen, um die Offiziere an Land zu tragen - ein Anblick, der geeignet war, die feierliche Stimmung in eine recht fröhliche umzuwandeln.
Die Küste machte mit ihrem nackten, felsigen Boden, den kein Baum, kein Strauch zierte, zunächst keinen günstigen Eindruck.  Dagegen war der Blick von der Küste aus über die blaue See und die von unzähligen Vögeln umflogenen Inseln sehr freundlich, ja geradezu schön, wenn Schiffe die Bucht belebten, zahlreiche Boote Land und Schiffe verbanden und über dem Ganzen der wolkenlose Himmel lachte, der uns in diesen Tagen beschieden war.
Am Landungsplatz war es jedoch möglichst öde.  Eine dicke Staubschicht bedeckte den felsigen Boden, und auf weite Ferne war kein grünes Blättchen zu sehen.  Vorläufig standen dort nur 3 hölzerne Blockhäuser, die den 5 Beamten der Firma Lüderitz Wohnung und ihren Waren, Straußenfedern, Fellen usw. Schutz gewährten.
Mit voller Musik zogen wir den Abhang hinauf, in dessen Mitte eine hohe Flaggenstange errichtet worden war.  Zu beiden Seiten nahmen die Matrosen Aufstellung, während hinter ihr, mit Front zur See, der Kommandant S.M.S. "Leipzig" seinen Platz wählte.  In Vertretung unseres leider plötzlich erkrankten Kommandanten, Kapitän zur See Schering (von S.M.S. "Elisabeth), hatte er dessen hohen Auftrag übernommen und leitete die Feier.  Hinter ihm standen wir Offiziere, alle in Hut und großer Uniform, dann die Seekadetten, unter ihnen Franz Hipper, der später in der Skagerrakschlacht als Admiral und Führer des Schlachtkreuzer-Geschwaders Ruhmreiches leistete.
Die Mannschaft präsentierte das Gewehr, und unter lautloser Stille verlas Kapitän zur See Hergig das folgende Dokument, von dem Herr Lüderitz später eine Abschrift erhielt:

Angra Pequena, 7. August 1884.

Seine Majestät der Deutsche Kaiser, Wilhelm I., König von Preußen, haben mir befohlen, mit Allerhöhster gedeckten Korvette "Elisabeth" nach Angra Pequena zu gehen, um das dem Herrn A. Lüderitz gehörige Territorium an der Westküste Afrikas unter den direkten Schutz Sr. Majestät zu stellen.  Das Territorium des Herrn A. Lüderitz wird nach der amtlichen Mitteilung als sich erstreckend von dem Nordufer des Oranjeflusses zu 26 Grad Südbreite, zwanzig geographische Meilen landeinwärts angenommen, einschließlich der nach dem Völkerrecht dazugehörigen Inseln.
Indem ich diesen allerhöchsten Auftrag zur Ausführung bringe, hieße ich hiermit als äußeres Zeichen die Kaiserliche Deutsche Flagge, stelle somit das oben erwähnte Territorium unter den Schutz und die Oberherrlichkeit Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm und fordere die Anwesenden auf, mit mir einzustimmen in ein dreifaches Hoch -
Se. Majestät Kaiser Wilhelm I. lebe hoch!

Schering,
Kapt. z. S., Kommandant S.M.S. "Elisabeth".


Die Kriegsflagge stieg am Mast empor, und in das dreifache, donnernde Hoch mischte sich dumpf der Kanonenschall von den beiden Fregatten, die der Flagge den Salut von je 21 Schüssen brachten.  Die Musik spielte "Heil dir im Siegerkranz" und "Ich bin ein Preuße".  Und so war in kaum 20 Minuten eine Tat geschehen, die zunächst freilich nur Herrn Lüderitz zugute kam, die aber doch für unsere ganze Kolonialpolitik von größter Bedeutung werden sollte. -
Als wir nach einigen Stunden zur lustig wehenden Flagge zurückkehrten, fanden wir einen Wächter davor, einen schwarz-weiß-roten Pfosten, der eine Tafel trug, auf der wir lasen:
"Territorium Lüderitz
Nördl. vom Oranjefluß bis zu 26 Grad S. B.
unter Protektorat des Kaiserl.
Deutschen Reiches.  7. August 1884."

Über diese Inschrift prangte der deutsche Reichsadler.
Im Gespräch mit den Beamten des Hauses Lüderitz, den Herren Vogelsang, Franke, Wegener und Falkenthal, erschien uns die Großartigkeit dieser kolonialen Unternehmung, in der bereits über 1 Million Mark steckte, erst in ihrem vollen Lichte."


Deutsch-Südwest!  Nur die Walfischbai blieb englisch.  Da Englands Haltung immer noch unklar blieb, nahm das Kanonenboot "Wolf" auch noch Besitz von dem Gebiet bis Kap Frio.  Nun endlich gab England seinen Widerstand auf.  Die englische Regierung fragte noch an, ob sich das deutsche Protektorat nur auf deutsche Angehörige und Stützpunkte beschränkte, worauf ihr geantwortet wurde, daß es sich über das ganze Gebiet erstrecke und die englischen Staatsangehörigen mit in seinen Schutz nähme, die den gleichen Schutz wie Deutsche in englischen Afrikakolonien genießen würden.

Lüderitz faßte unterdessen festen Fuß in dem Gebiet.  Ein Brief an Richard Lesser, den ersten Redakteur der Deutschen Kolonialzeitung, vom
11. Oktober 1884 schilderte Art und Leistung des Kolonialpioniers:
"Empfangen Sie folgende Daten über meinen bisherigen Lebensgang (der nachfolgende ist hoffentlich auch von Nutzen für Deutschland):
Ich heiße also Franz Adolf Eduard Lüderitz, bin geboren am 16. Juli 1834, als ältester Sohn des hiesigen Kaufmanns F. A. E. Lüderitz (aus Hannover stammend) und seiner Frau Henriette Wilhelmine Schüßler (aus Oldenburg stammend).  Beide waren lutherisch, und so wurde ich auch am 3. September 1834 getauft.  Ich besuchte die hiesigen Schulen und trat, nachdem ich die Prima der Handelsschule absolviert, Ostern 1851 als Lehrling in das Geschäft meines Vaters, welcher ein seit 1824 bestehendes Tabakgroßgeschäft hatte.
Nachdem ich meine dreijährige Lehrlingszeit bestanden hatte, reiste ich April 1854 nach Neuyork, machte von dort einige kleine Abstecher, um Land und Leute kennenzulernen, und ging dann via Vera Cruz nach Colima, an der Westküste Mexikos, wo ich festes Engagement als Kommis im Geschäft der Herren Rücker, Motz & Co. angenommen hatte.  Als dies Geschäft liquidierte, pachtete ich einen sogenannten Rancho, wo ich Pferde-, Maultier- und Viehzucht usw. betrieb, aber keine Seide spann.  In den damaligen Revolutionen wurde ich total ausgeplündert (Schutz für Deutsche gab es noch nicht), und so kam ich via Panama und Neuyork nach Bremen zurück, wo ich am 6. August 1859 anlangte und bei meinem Vater ins Geschäft trat.  In den nächsten Jahren machte ich dann für dieses Geschäft Reisen und besuchte hauptsächlich Holland, Westfalen, Rheinprovinz und Ostfriesland.
Am 9. Mai 1866 verheiratete ich mich mit meiner Frau, Emilie Elise von Lingen, geb. am 23. Juni 1836, Tochter von Dr. jur. Carl von Lingen und seiner Frau Meta Henriette Luise geb. Schumacher.  Ich habe drei Söhne: Franz Adolf Eduard, geb. 19. Januar 1868, George, geb. 2. Februar 1869, Carl August, geb. 18. Mai 1874. (Gottdank stramme Jungens, und mit Töchtern, welche mir so quarig sind, wie Fritz Reuter sagt, habe ich mich nicht befaßt.)  Nach dem Tode meines Vaters, im Februar 1878, übernahm ich das Tabakgeschäft desselben und fing, nachdem die Tabakmonopolfrage aufkam, Handelsverbindungen mit Afrika an, wo ich 1881 eine Faktorei in Lagos begründete.
Hieraus entwickelte sich dann der Plan zur Gründung einer Faktorei im sogenannten Namalande, mit dessen Ausführung ich Herrn Vogelsang von hier betraute.
Dieser ging vorerst per Steamer via England nach Kapstadt, um Erkundigungen über das "Wo" einzuziehen, und meine Brigg "Tilly", mit Ladung passender Waren und hier in Deutschland angefertigter und zerlegter Wohn- und Lagerhäuser, sowie einigen Kommis an Bord, folgte bald darnach.  In Kapstadt gingen Herr Vogelsang und noch einige, von ihm in Kapstadt engagierte Leute dann an Bord der "Tilly", fuhren nach Angra Pequena, als besten Hafen, und reisten vorab nach Bethanien, um nötige Kaufkontrakte abzuschließen.  Die weitere Entwicklung ist ja bekannt."




Lüderitz schickte auch Forscher und Ingenieure, die von dem Hererohäuptling Bergbaurechte erwarben, doch erfüllten sich die daran geknüpften Erwartungen zunächst nicht.  Englische Abenteurer erschwerten den Abschluß von Verträgen durch Beunruhigung der Hereros.  Anfang Oktober erschien dann Dr. Nachtigal als Reichskommissar auf der "Möve" in Angra Pequena und schloß im Namen des Reichs den feierlichen Schutzvertrag mit dem Kapitän Josef von Bethanien, prüfte und bestätigte die abgeschlossenen Verträge und bevollmächtigte den Angestellten der Firma Lüderitz zu Verhandlungen.  Eine englisch-deutsche Kommission schaffte 1885 strittige Ansprüche aus der Welt.
Noch war Südwest enttäuschend unfruchtbar scheinendes Land, zu dessen Nutzbarmachung die Mittel des Hauses Lüderitz ebensowenig ausreichten wie die der 1885 gegründeten "Deutschen Kolonialgesellschaft für Deutsch-Südwest-Afrika".  Ein Brief vom 8. Nov. 1884 beweist Lüderitz' Sorgen, doch auch zuversichtliche Hoffnung auf die Hilfe des Reichs:
"Ihr freundliches Anerbieten wegen Anlegung einer Bibliothek in Angra Pequena nehme ich mit Dank an.
Neulich sandte ich für ca. 400 Mark Bücher hinaus, und sind besonders Jahrgänge illustrierter Zeitungen in Bänden dort willkommen, da diese den Händlern und Hottentotten gezeigt werden, wenn sie zur Bay kommen.  Deutsch lesen können diese Leute ja nicht, aber von den Bildern sind sie stets entzückt.  Sie bekommen dadurch einen Einblick in deutsches Leben und Treiben und einen Begriff von Deutschlands Macht.
Missionar Bam hatte in meinem Namen dem Häuptling Josef Fredericks von Bethanien 1 Gardeulanenuniform und 12 Kartons mit Soldaten, Garde-Kürassiere, Husaren, Ulanen, Dragoner, Infanterie, Jäger, 1. Batterie, 1 Train, 1 Ponton, 1 Lager mit aufstellbaren Zelten, Kaiser Wilhelm und seine Helden und Kaiser Wilhelm in seinem Wagen, in plastischen Figuren übergeben.  Er schreibt, der König wäre ganz entzückt gewesen und hätte geäußert: Dit zyn toch ryke menschen.  Die Uniform hätte ihm gut gepaßt und er sehr stattlich darin ausgesehen.  Am Sonntag habe er sie in der Kirche angehabt. - In unsern Augen sind derartige Geschenke ja für Kinder bestimmt.  Bei den Hottentotten, die aber keine Ahnung von solchen Dingen haben, ist es etwas Außerordentliches und bringt uns hoffentlich Nutzen, und das ist mein Streben.  Deutschland muß über alle anderen Nationen in ihren Augen gestellt werden. - Höpfner überbringt dem Oberhäuptling Kamaherero in Okahandja in meinem Namen eine Dragoneruniform, andere Häuptlinge bekommen Kürassieruniformen, natürlich ohne Küraß.  Das macht auf diese Menschen, die derartige Uniformen noch nie gesehen haben, einen großen Eindruck.
Die Reklamationen der Engländer, welche sie an meinem Gebiet haben wollen (?), werden vom Generalkonsul Dr. Bieber jetzt kommissarisch geprüft, und habe ich deshalb fortwährend Fühlung mit dem Auswärtigen Amt.
Ich denke, daß in diesem Jahre alles geordnet ist, und daß ich dann eine sogenannte Charter bekomme, um endlich mal Geld herauszuholen.  Bis jetzt habe ich über 500 000 Mark in Angra Pequena stecken, da alles, was einkam, sofort wieder hineingesteckt wurde.  Die Expeditionen verschlingen große Summen, und kein Mensch unterstützt mich dabei.  Bankiers haben sich noch nicht gefunden, welche mir, auf Sicherheit auf das Gebiet hin, auch nur einen Pfennig geliehen hätten.  Und da die jetzige Ladung der "Tilly" wieder gegen bar gekauft wurde, so sind vorläufig meine Mittel erschöpft, und kann sich nur das Allernotwendigste beschaffen.  Ich würde, wenn ich mein Geld nicht in Angra festliegen hätte, sonst Anlegebrücken mit Pontons, Kohlenschuppen, einen kleinen Dampfer für regelmäßige Verbindung zwischen meinem Hafen und Kapstadt, eiserne Faktoreigebäude für Sandwichhafen usw. anschaffen.  Dazu habe ich aber ca. 4-500 000 Mark nötig, und die sehe ich nicht zu beschaffen.  Ich würde diese Summe eventuell auf mein Gebiet, welches jetzt laut Kontrakt so groß ist wie Holland, Belgien, Hannover und Oldenburg (von 22° bis Oranjefluß nebst 20 geographischen Meilen im Land von der Küste ab gerechnet) eintragen lassen und zurückzahlen, nebst 4% p. a. Zinsen, sowie ich durch Aufdeckung von konstatiert abbaufähigen Erzlagern usw. dazu imstande bin.
Interesse zeigen die Leute für mein Unternehmen, aber durch Geldmittel unterstützen fällt keinem ein, obwohl die Sicherheit doch im Lande selbst geboten werden kann.
Ich muß also Geduld haben und kann nicht vorwärts kommen, wie ich sonst würde, wenn ich disponsible Mittel zu Gebote hätte."

Bismarck hatte nicht die Absicht gehabt, staatliche Mittel zur Verfügung zu stellen.  Er wollte nur Rechte schützen.  Die Erschließung und Entwicklung der Kolonie war nach seiner Meinung Sache der handeltreibenden Kaufleute.  Er wollte nur Freibriefe gewähren nach Art der englischen Royal Charters.  Das Regieren wollte er den Nutznießern der Kolonie überlassen, sie nur nach außen hin vertreten und ihnen Schutz und Recht gewähren.  "Unsere Absicht ist - daher - nicht, Provinzen zu gründen, sondern kaufmännische Unternehmungen, aber in der höchsten Entwicklung."  "Wenn wir sehen, daß der Baum Wurzel schlägt, anwächst und gedeiht, und den Schutz des Reichs anruft, so stehen wir bei ihm."
Da aber die Menschenleere und der Mangel an europäischen Unternehmungen in dem weiten Gebiet es zunächst unmöglich machten, Eingeborenen- fehden zu verhindern, ernannte Bismarck 1885 einen Reichskommissar für die Kolonie mit dem Sitz in Rehoboth.  Es war Amtsgerichtsrat Dr. Göring aus Metz; ein Referendar und ein Unteroffizier wurden ihm beigegeben.  Gleichzeitig wurde der Missionar Büttner gebeten, die verschiedenen Stämme zu friedlicher Unterordnung und Einhaltung der Schutzverträge zu bewegen, worin er auch Erfolg hatte.

Die Verhandlungen mit Maharero unterbrach ein kriegerischer Zwischenfall, der Gelegenheit bot, den wilden Haß, mit dem sich die Hereros und Namas seit Jahren befehdeten, kennenzulernen.  Ein Bericht aus der Deutschen Kolonialzeitung aus dem Jahre 1886 zeigt am besten, wie die Verhältnisse zur Zeit der Ankunft des Kaiserlichen Kommissars Dr. H. E. Göring lagen:
"Auf Osona bei Okahandja, der Residenz Mahareros, waren die Hereros zu ungefähr 1500 Mann in Waffen gelagert, als die auf dem Kriegspfade begriffenen Namas heranrückten, ungefähr 5-6000 Mann stark und ihre Posten ausschickten, um sich mit Wasser aus der Quelle zu versorgen, welche in dem Besitz der Hereros war.  Infolge der Verweigerung dieses Verlangens griffen die Nama sofort mit dem ihnen eigenen Mute, trotz ihrer weit geringeren Zahl, die Hereros an, und so wurden denn am 15. Oktober die zur Zeit auf Okahandja weilenden Deutschen, der Reichskommissar Dr. Göring, Referendar Neels, von Goldammer, Reichsspezialkommissar Pastor Büttner, Kleinschmidt, Scheidweiler, Wiesel und Missionar Diehl unfreiwillig Zeugen eines erbitterten Kampfes, der von morgens ½12 Uhr bis abends 9 Uhr dauerte, als die Namas, welche während des Tages von den Hereros vollständig eingeschlossen waren, sich mit Hinterlassung von 2 Wagen, 5 Karren und einem Verlust von 1000 Pferden zurückzogen.  Die Zahl der Verwundeten bei den Hottentotten (Namas) blieb unbekannt, da sie dieselben sämtlich mitnahmen; 35 Tote ließen sie auf dem Kampfplatze zurück.  Die Damaras (Hereros) hatten einen Verlust von 30 Toten und über 70 teils sehr schwer Verwundeten, - beide Teile waren mit englischen Repetiergewehren bewaffnet.  Während des Kampfes hielt sich der kleine deutsche Trupp in einiger Entfernung auf einem Hügel auf, aber nicht in müßiger Beobachtung, sondern alsbald entwickelten unsere Landsleute die Liebestätigkeit, welche die Menschlichkeit verlangt.  Dorthin wurden die Verwundeten in Schutz gebracht und aus ihrem mitgebrachten kleinen Vorrat an Medikamenten und Verbandszeug so gut als möglich versorgt.  Alle Deutschen wetteiferten darin, und zumal Dr. Göring war nicht müde, selbst Kugeln herauszuschneiden und Wunden zuzunähen. - -
Jedenfalls hat diese humane Werktätigkeit der Deutschen bei dem Kampfe am 15. Oktober den Abschluß der Verhandlungen zwischen ihnen und Maharero gefördert. - Bei Unterzeichnung des Vertrages wurde auf dem Gebäude des Herrschers die deutsche Flagge feierlich gehißt, einige Ochsen wurden zur Feier des Tages abgeschlachtet, sowie Lebensmittel an die Eingeborenen verabreicht.  Festspiele und großes Feuerwerk beschlossen den Abend."

Der große amtliche Bericht des Kaiserlichen Kommissars Dr. Göring, den er aus Angra Pequena am 22. April 1886 dem Reichskanzler Fürst Bismarck erstattet hat, zeichnete sich durch Klarheit aus und war richtunggebend für die Kolonialarbeit der ersten 20 Jahre im Lüderitzland.  Noch heute ist dieser Bericht, abgedruckt in der Deutschen Kolonialzeitung 1886, lesenswert.

Damit war die erste deutsche Kolonie in Übersee als Schutzgebiet vom Reiche übernommen.
Den Mann, dessen Weitblick wir das deutsche Schutzgebiet "Lüderitzland" verdanken, traf bereits 2 Jahre später ein tragischer Tod.  Sein Sohn Carl August Lüderitz gab für dieses Buch folgenden Bericht über den Tod seines Vaters:
"Das letzte Lebenszeichen von meinem Vater war jener Brief vom 19. Oktober 1886 von Quies Drift an meine Mutter, den er durch Boten nach Port Nollot, von dort nach Kapstadt sandte, gleichzeitig mit Brief an seine dortigen Geschäftsfreunde Poppe, Rassenau & Co., in dem er ebenfalls von seiner Absicht schrieb, den Oranjefluß per Boot hinunterzufahren und weiter die Küste entlang nach Angra Pequena zurück.
In der Nacht vom 21./22. Oktober übernachtete er mit seinem Gefährten Steingröver auf einer Farm, und hat der betr. Farmer später ausgesagt, daß das Wetter am Tage der Abfahrt und den darauf folgenden Tagen gut gewesen sei, daß dann aber Sturm und hoher Seegang eingesetzt habe.  Wenn also mein Vater und Steingröver Opfer dieses Sturmes geworden sind, so wäre wohl der 24. Oktober 1886 als Todestag anzunehmen.
Merkwürdigerweise waren noch viele Jahre später unter den Eingeborenen Gerüchte im Umlauf, daß 2 weiße Männer gelandet und von den herumstreifenden Buschleuten ermordet worden seien.  Näheres hat sich trotz aller Nachforschungen nie feststellen lassen.


(Quellenauszug: "Das Buch der deutschen Kolonien - Aufsatz von Dr. Alex Haenicke)