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Die erste Kolonie Deutschlands


Die deutsche Kolonialpolitik war nicht gleichzusetzen mit der anderer europäischer Staaten.
Wir wollen hier anhand eines "Augenzeugen" (der 1898 nach Südwestafrika kam) aufzeigen, wie Deutschland die erste Kolonie erwarb.

Eure W.F.G.


(Quelle: Chronik von Deutsch-Südwestafrika  1883 -1915, Autor: H. E. Lenssen)
(Alle Fotos stammen aus der Chronik von Deutsch-Südwestafrika)



Das Gründungsjahr 1883

Der Bremer Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz (geboren am 16. Juli 1834), der seit 1881 in Lagos an der Westküste Afrikas in seiner Faktorei Handelsgeschäfte betrieb, lernte 1882 in seiner Vaterstadt den jungen Kaufmann Heinrich Vogelsang (geboren am 17. März 1862) als unternehmungsfrohen, mutigen deutschen Mann kennen und nahm ihn in sein Geschäft auf.  Vogelsang war in seinen jungen Jahren bereits in West- und Südafrika, sowie auch in Ostafrika tätig gewesen.  Die Interessen beider Hanseaten trafen sich in dem gemeinsamen Wunsch, für ihr Vaterland eine Kolonie zu erwerben, da beide als weitsichtige Kaufleute der Gedanke schmerzte, daß Deutschland immer noch im Rückstand geblieben war gegenüber den bereits großräumige Kolonien besitzenden anderen Nationen.  Anfangs waren die Planenden in ihren Wünschen verschiedene Wege gegangen.

Über die Besprechungen zwischen diesen beiden Männern hieß es im Bericht einer Bremer Zeitung: "Eine brütende Hitze lag über Bremen und drang auch bis in das Kontor der Tabakgroßhandlung Lüderitz.  'Bannig heiß hier bei uns, Herr Vogelsang', meinte der Firmenchef und betrachtete prüfend den braungebrannten jungen Mann ihm gegenüber.  Vogelsang antwortete: 'Kann ich nun gar nicht so schlimm finden, Herr Lüderitz, aber das ist ja auch kein Wunder, wenn man frisch aus Afrika kommt.  Über das bereits erwähnte Togo wollte ich heute gerade mit Ihnen reden, denn mich läßt der Gedanke nicht mehr los, daß ein solches Land eine gute Kolonie für unser Vaterland sein müßte, denn Deutschland braucht dessen Produkte.  In Togo entstand eigentlich mein großer Wunsch betreffs einer deutschen Kolonie bei einer seltenen Gelegenheit.  In meiner Gegenwart schlug ein englischer Offizier dem Gouverneur der Goldküste vor, Togo für England zu annektieren.
Zu meiner Erleichterung aber lehnte der Gouverneur ab, mich aber beherrschte seitdem der Gedanke, wie schön es wäre, wenn man Togo als wertvolle Kolonie für Deutschland gewinnen könne:
ich traue mir zu, das Land günstig erwerben zu können.' "

Heinrich Vogelsang
Kaufmann Heinrich Vogelsang

Lüderitz jedoch war bekannt, daß an der Westküste ein ungesundes Klima herrschte, und so kamen die beiden, nachdem Vogelsang erwähnt hatte, daß er während seiner Lehrzeit in Südafrika sogar einen Teil des Krieges gegen die Zulus mitgemacht hatte, in ihren suchenden Beratungen auf Südafrika zu sprechen.  Oft nahm der bereits weit um die Welt gesegelte Bremer Kapitän Timpe an den Unterredungen teil, und an Hand von Land- und Seekarten einigten sich die Männer auf den Plan, Südwestafrika ins Auge zu fassen, weil dort die klimatischen Zustände weitaus günstiger seien für dauernde Besiedelung durch Weiße; somit ging ihr Streben diesen Weg.  Lüderitz hatte bereits vor 1882 beim deutschen Reichskanzler von Bismarck angefragt, ob er für eine an der afrikanischen Westküste zu gründende Bremer Niederlassung auf den Schutz des Deutschen Reiches rechnen könne, und die Antwort erhalten, daß solches vorläufig abgelehnt werden müsse, daß man abwarte, was sich in der nächsten Zeit ereignen werde.

Adolf Lüderitz
Kaufmann Adolf Lüderitz

Nach den nun erfolgten festen Beschlußfassungen mit Vogelsang richtete Lüderitz nochmals eine Eingabe an das Auswärtige Amt in Berlin, daß er endgültig entschlossen sei, demnächst an der Südwestküste Afrikas Land für eine deutsche Niederlassung zu erwerben.  Es wurde ihm geantwortet, daß das Reich ihn und seinen Besitz schützen werde.

Ende 1882 kaufte Lüderitz eine 200 Tonnen fassende Brigg, die den Namen "Tilly" erhielt, und ließ sie unter seiner persönlichen Aufsicht für lange Fahrt ausrüsten.

Heinrich Vogelsang reiste unterdessen, mit Aufträgen und Vollmachten seines Chefs Lüderitz versehen, auf einem englischen Schiff nach Südafrika ab und langte im Februar 1883 in Kapstadt an.  Dort erfuhr er zuverlässig und zu seiner Freude, daß auf die einzige als Landeplatz in Frage kommende Bucht, Angra Pequena, bisher noch keine Macht, vor allem nicht England, die Hand gelegt habe.  Vogelsang traf Vorbereitungen für eine mit der bald zu erwartenden "Tilly" zu unternehmende Fahrt an der Küste entlang nach Norden.  Für Dienste bei seiner Expedition warb er vier Männer an: die beiden angeblich in Südwestafrika geborenen Brüder William und Louis Klisser, den Holländer De Jongh und den Rostocker Deutschen Lahnstein.

Am 31. März 1883 war die "Tilly" nach 82tägiger schwerer Seereise unter dem Kommando des Bremer Kapitäns Timpe vor Kapstadt Anker.  An Bord befanden sich noch die in Bremen angeworbenen Norddeutschen Francken und Wagner und der Schweizer von Pestalozzi. 
In Kapstadt wurden an Bord genommen: der angeschaffte Ochsenwagen mit der für südafrikanische Zwecke gebräuchlichen Reiseausrüstung, ein großes Zelt, Proviant und Trinkwasser.  Die von Vogelsang angeworbenen vier Männer gingen mit dem Expeditionsleiter am 4. April an Bord.  Am Tage darauf verließ die "Tilly" Kapstadt und steuerte nordwärts der Küste entlang, bis sie nach 4 1/2tägiger Fahrt das Land nördlich des Oranjeflusses erreichte und am 9. April auf der Außenreede Angra Pequenas Anker warf.

Um einen günstigen Anker- und Landeplatz zu finden, suchten am 10. April Kapitän Timpe, Vogelsang, Francken und William Klisser in einem kleinen Boot die Küste ab.  Sie stellten dabei fest, daß die vor dem Hafen liegenden kleinen Inseln Shark, Seal und Penguin Island von einigen englischen Seehundjägern bewohnt waren.  Auf der Rückkehr von dieser Suchfahrt nahmen die Bremer die Robbenfänger mit an Bord, damit sie am nächsten Tage das Schiff in den Hafen bugsieren könnten.  Dort blieb es am 11. April vor Anker liegen.

Am 12. April 1883 gingen in der Bucht von Angra Pequena unter Vorantritt des 21 jährigen Expeditionsführers Heinrich Vogelsang an Land: Kapitän Timpe, die Herren Francken, Wagner und von Pestalozzi, ferner De Jongh, Lahnstein und die Gebrüder Klisser.  Auf einer Anhöhe errichteten die Männer durch Aufstellen des Zeltes schnell eine Unterkunft.  Die erste Nachtwache mit geladenem Gewehr mußte nach Auslosung Herr von Pestalozzi übernehmen.  Vogelsang sagt im eigenen Bericht: "Am Abend unseres ersten Tages auf südwestafrikanischem Boden ließen wir die Becher kreisen und tranken auf das Wohl unseres Chefs und seiner Firma."

Während die Schiffsbesatzung und die an Land befindlichen Männer mit dem schwierigen Löschen der Ladung beschäftigt waren, schickte Vogelsang einen am Strande Fischfang treibenden Buschmann nach bestmöglicher Verständigung mit einem Brief an den im Inneren wohnenden Hottentottenhäuptling Josef Frederiks in Bethanien.  Er teilte ihm darin die erfolgte Landung mit und seinen Wunsch, dem Häuptling einen Besuch zu machen, damit er ihm den Zweck seines Hierseins erklären könne.  Da die deutschen Männer jedoch kein Fortbewegungsmittel besäßen, bäte Vogelsang, ihm Reittiere und möglichst auch geländekundige Männer zur Verfügung zu stellen.

Nach 12 Tagen brachte der Hottentott Daniels mit einem Begleiter, auf Pferden beritten und Handpferde mit sich führend, die zustimmende Antwort des Häuptlings, der Vogelsang zu einem Besuch einlud.

Am 26. April 1883 ritt der von waghalsigem Wikingergeist beseelte Heinrich Vogelsang mit zwei Männern seiner Expedition, De Jongh und von Pestalozzi, unter Führung der beiden Hottentotten nach Bethanien ab.  Sie legten die ungefähr 200 km lange Wegstrecke durch baum- und buschlose Wüste und trockene Steppe in 5 1/2tägigem Ritt zurück.

Der in Bethanien stationierte Rheinische Missionar Bam war auf einer Reise abwesend.  Schon beim ersten Zusammentreffen brachte der mutige Vogelsang beim Häuptling seine Absicht zur Erwerbung von Land zur Sprache.  Nach eingehenden Beratungen mit seinen Ältesten und Vorleuten gab der Häuptling am nächsten Tage Vogelsang seine Einwilligung bekannt, die zum Abschluß eines Verkaufsvertrages mit folgendem Inhalt führte:

"Heute am 1. Mai 1883 hat Josef Frederik, Kapitän von Bethanien, als der gegenwärtige Besitzer des Hafens von Angra Pequena und des umliegenden Landes den genannten Hafen und das angrenzende Land, 5 Meilen (5 geographische Meilen, zu je 7,4 km, ca. 37 km) nach allen Richtungen, an die Firma F.A.E. Lüderitz in Bremen in Deutschland für den Betrag von einhundert Pfund in Gold und 200 Gewehre mit Zubehör verkauft und abgetreten."

Mit dieser Landerwerbung war also der Grundstein für die erste deutsche Kolonie Deutsch-Südwestafrika gelegt. 

Josef Frederik
Kapitän Josef Frederiks von Bethanien

Nach Vogelsangs Rückkehr zur Niederlassung in Angra Pequena, die den Namen Fort Vogelsang erhalten hatte, unterrichtete er durch ein über Kapstadt gesandtes Kabelgramm in vorher verabredeter Sprache seinen Chef über das Geschehene.  In einem brieflichen Bericht vom 6. Mai fügte er die dringende Bitte hinzu, daß Lüderitz schnellstens das Nötige tun möge, für den erworbenen Besitz den Schutz des Vaterlandes zu erlangen.

Solange dieser in der Welt Aufsehen erregenden Tat eines blutjungen Deutschen die Rechtsgültigkeit durch Schutzerklärung des Reiches fehlte, wurde von seiten südlicher Nachbarn, sogar unter Beeinflussung des Häuptlings, alles versucht, ihm den Besitz streitig zu machen.  Auch englische Kaufleute in Kapstadt, in vorderster Linie Spence, meldeten sich plötzlich mit angeblich älteren Ansprüchen auf die Südwestküste, vor allem auf die der Bucht vorgelagerten Inseln, auf denen Spence bisher gewinnbringend Guano hatte schaufeln lassen.  Auch auf Teile des Festlandes erhoben die Leute Anspruch; Spence landete seine Güter, unbekümmert um den Einspruch Vogelsangs, auf Lüderitzschem Boden, und trotz früherer Abmachungen in Kapstadt verweigerte er durch gehässige Beeinflussung des Kapitäns die Abgabe von Trinkwasser von dem vor oder im Hafen liegenden englischen Schiff "Scarbird".  Nur ein zufällig fallender ergiebiger Regen ermöglichte den Deutschen ihre Versorgung mit Wasser und bewahrte sie vor größter Not.

Lüderitz setzte auf Grund der Berichterstattung Vogelsangs von Bremen aus das Auswärtige Amt in Berlin von dem Geschehenen in Kenntnis.  Auf seine dringende Bitte hin wies diese Behörde den Vertreter des Deutschen Reiches in Kapstadt, Konsul Lippert, an, der Lüderitzschen Niederlassung in Angra Pequena seinen konsularischen Schutz angedeihen zu lassen, soweit die Ansprüche nicht denen englischer Untertanen entgegenständen.  Am 4. August 1883 verkauften die Kapengländer George Evenson und H. W. C. Willmer ihre am 19. August 1882 vom Topnaar-Hottentottenhäuptling Piet Haibib in Rooibank bei Walvis Bay für die Dauer von 31 Jahren erhaltenen Minenkonzessionen für die Hope-Mine und am Kuiseb, an die deutschen Bergbauunternehmer Peter Scheidweiler und F. A. Hasenclever.

Am 15. August verlieh Jan Jonker Minenrechte an Scheidweiler.  Als Zeuge bei dem Abschluß des Vertrages zeichnete Guillermo Mertens.

Am 25. August schloß Heinrich Vogelsang einen zweiten Kaufvertrag mit dem Häuptling Josef Frederiks in Bethanien ab über den Küstenstreifen vom Oranjefluß nordwärts bis zum 26. Grad südlicher Breite, in einer von der Küste ab gerechneten Ausdehnung von 20 geographischen Meilen (rund 150 km), mit allen Häfen und für den Kaufpreis von 500 Pfund Sterling in Gold und 60 englischen Gewehren.  (Der Begriff der "geographischen Meile" - 15 Meilen gleich einem Breitengrad - wurde auch noch nachträglich festgelegt im Vertrag zwischen Ernst Hermann, als Vertreter der Deutschen Kolonial-Gesellschaft für Deutsch-Südwestafrika, und dem Bethanien-Kapitän.)

Über die Lage im Inneren des Landes um diese Zeit ist hier einzufügen, daß unter den sich ewig befehdenden Eingeborenen ein jahrzehntelang andauernder Kriegszustand herrschte.  Nach dem groß angelegten und für ewige Zeit gedachten Friedensschluß von 1870 hätte eigentlich auch Friede herrschen sollen.  Jedoch verhielten sich die an den Abmachungen beteiligten Häuptlinge, Vormänner und Führer fast ohne Ausnahme keineswegs friedlich, sondern setzten ihre gewohnten Räubereien, Überfälle und Morde weiter fort.  Weder bei den Herero von Okahandja oder des Ostens, noch bei den Hottentotten des Südens wurde die ihnen innewohnende Raubgier eingeschränkt.  Die blutigen Ereignisse des Jahres 1880, die den in Windhoek arbeitenden Rheinischen Missionaren die Zerstörung ihres Werkes gebracht hatten, leiteten wieder den offenen Krieg ein.  Durch diesen nur von wenigen Pausen unterbrochenen Kriegszustand wurden die unter den Eingeborenen tätigen Rheinischen Missionare, die kapenglischen Händler und Siedler ständig belästigt und in Leben und Eigentum bedroht.  Beschwerdeführend und hilfesuchend wandten sie sich an die Regierung des Kaplandes, weil diese sich unmißverständlich in Ausübung einer Art Landeshoheit betätigt hatte.

Die Kapregierung sah sich nach einem Manne um, der durch gründliche Kenntnis des Landes, seiner Einwohner, deren Sprachen und Gebräuchen die Befähigung besaß, als ihr Beauftragter günstig auf die Einstellung solcher unhaltbaren Zustände einzuwirken.  In dem bei der deutschen evangelischen Gemeinde in Kapstadt als Pastor tätigen Dr. Hugo Hahn wurde der rechte Mann gefunden; seine langjährige Tätigkeit in Südwest machte ihn zum geeigneten Vermittler.  Er war für diese wahrhaft nicht leichte Aufgabe gewonnen worden und bereits Anfang 1882 nach Walvis Bay abgereist.  Unterdessen waren aber auch die in Südwest arbeitenden Rheinischen Missionare nicht untätig gewesen.  Seitens der Rheinischen Mission war der in Stellenbosch amtierende Missionar Krönlein herbeigerufen worden.  Er galt auf Grund seiner in früherer Tätigkeit unter den Nama erworbenen Kenntnisse der Nama und ihrer Gebräuche ebenfalls als einer der besten Kenner dieser Leute.  Gemeinsam mit dem Bersebaner Rheinischen Missionar Hegner begab sich Krönlein nach Rehoboth, wo Missionar Heidmann für die Bastards sorgte und für diese bei den beabsichtigten Friedensverhandlungen einzutreten bereit war.  Krönlein und Hegner unternahmen sogar unerschrocken die nicht ungefährliche Reise zu dem am Gamsberge in einer Felsenburg hausenden Jan Jonker und bewogen ihn, auch an den Friedensverhandlungen teilzunehmen.  Dabei waren auf seiten der Herero die unter ihnen arbeitenden Rheinischen Missionare Diehl und Eich tätig.  In dem im Juni abgeschlossenen Friedensvertrag in Rehoboth wurden auch Grenzregulierungen vorgesehen.  Aber wie üblich, hatte dieser Friedensvertrag auch keine lange Dauer.

Dr. Hugo Hahn
Dr. Karl Hugo Hahn, rheinischer Missionar

Dr. Hahn erreichte nach langwierigen Verhandlungen als erstes den Abschluß eines Sonderfriedens zwischen den Herero und den in der Namib hausenden Swartbooi- und Topnaar-Hottentotten.
Nach Bereinigung der Angelegenheiten der Bastards, denen endlich die feste Übereignung Rehoboths von den Swartboois gesichert werden konnte, wurde den genannten Hottentotten ernstlich nahegelegt, die ihnen von den Herero zugewiesenen Gebiete von Fransfontein und Sesfontein (westlich Outjos) zu beziehen und dort endgültig ansässig zu bleiben.  Die Hottentotten des Südens waren untereinander und gegen die Herero wieder in vollem Kriegsbetriebe.  Andererseits sah es bei den auch immer unruhigen Herero nicht besser aus.  Die Okahandja-Herero zogen, trotz früherer Vereinbarungen, mit großen Volksteilen und Rinderherden wieder über die Grenzen ihrer Weidelandgebiete bis Rehoboth, wurden dort natürlich von den sich gegen die immerfort wiederholten Übergriffe wehrenden Jonker-Leuten und anderen Nama angegriffen; in den Kämpfen floß das Blut in Strömen.  Am 19. November verkaufte der Häuptling der Topnaar-Hottentotten, Piet Haibib in Rooibank bei Walvis Bay, an die Prospektoren Evenson und Willmer ein Stück Land um die Naramas-Mine in der Größe von 16 englischen Quadratmeilen, ferner am 26. November die Ubib-Mine.

Ende 1883 besuchte Lüderitz selbst seine durch seine Vertreter Vogelsang erworbenen Besitzungen und Niederlassungen in und um Angra Pequena und reiste bald in das Binnenland.  Lüderitz nahm energisch die Klärung der Rechtlichkeit der angeblich älteren Ansprüche Kapstädter Kaufleute auf die Südwestküste in die Hand und stellte nach gründlichen Nachforschungen einwandfrei fest, daß keinerlei Verkäufe von Land in und um Angra Pequena erfolgt waren, sondern nur einige Verpachtungen.

Das Deutsche Auswärtige Amt fragte beim englischen Kolonialamt an, ob England Ansprüche auf Südwestafrika mache, und wenn ja, möge man mitteilen, auf welche Rechtstitel es solche Ansprüche begründe.  Während England die Antwort hinzögerte, gab schließlich doch die Kapregierung ihr Zuspätkommen zu erkennen.

Im Dezember 1883 reiste Heinrich Vogelsang in geschäftlichen Angelegenheiten nach Deutschland.

Am 17. Dezember 1883 verlieh der Häuptling der Swartbooi-Hottentotten in Fransfontein, Abraham Swartbooi, an den Minenunternehmer Scheidweiler Schürf- und Minenrechte an der Namibküste vom Swakopfluß ab nordwärts bis ins Kaokofeld.

Am 31. Dezember 1883 verlieh Jan Jonker Afrikaner an Scheidweiler Minenrechte südöstlich Walvis Bay am Kuiseb.

Im Lauf des Jahres 1883 wanderten ein: Josef Sichel, Guillermo Mertens, Peter Scheidweiler, F.A. Hasenclever und Dr. Pechuel-Loesche, ein Forscher und Botaniker.


1884

Am 1. Januar wurde in Berlin die erste Deutsche Kolonial-Zeitung gegründet.

Am 13. Januar 1884 traf der deutsche Kreuzer "Nautilus" unter dem Kommando des Kapitäns zur See Aschenborn vor Kapstadt ein, verließ diesen Hafen am 20., um nach der südwestafrikanischen Küste weiterzufahren.  Ankunft vor Angra Pequena: 24. Januar 1884.
Kapitän Aschenborn hatte von der Deutschen Reichsregierung den Befehl erhalten, sich in Angra Pequena über alle Ereignisse und Vorgänge bei den ersten Landerwerbungen seitens Heinrich Vogelsangs, als Vertreter Lüderitz, genaue Kenntnisse zu verschaffen und darüber an den Reichskanzler zu berichten.  Am ersten Tage nach Ankunft des Schiffes erschien der seit kurzem in Angra Pequena anwesende Adolf Lüderitz an Bord und legte dem Kommandanten die von seinem Vertreter mit dem Hottentotten-Häuptling in Bethanien abgeschlossenen Verträge zur amtlichen Kenntnisnahme vor.  Kapitän Aschenborn überzeugte sich in wochenlanger gründlicher Aufnahme aller Vorgänge von der einwandfreien Rechtmäßigkeit der Vertragsabschlüsse und der Besitzrechte und ließ auf dem höchsten Hügel an der schönen Bucht ein weiß angestrichenes hölzernes Kreuz errichten, als wichtigste amtliche Landmarke, und gab dieser Stelle den Namen "Nautilusspitze".

Am 26. Februar trat das Schiff die Fahrt nach Kapstadt an, von wo aus Kapitän Aschenborn eingehenden Bericht nach Berlin sandte.

März 1884: Während Heinrich Vogelsang in geschäftlichen Angelegenheiten in Deutschland weilte, reiste Adolf Lüderitz von Angra Pequena aus in die Heimat und traf am 14. März in Bremen ein.  Schon vom 14. bis 17. März verhandelte er in Berlin mit dem Chef der Admiralität, von Caprivi, über seinen Vorschlag, in Angra Pequena eine deutsche Kohlenstation zu errichten.  Die Durchführung eines solchen Planes wurde jedoch wegen des vorläufigen Fehlens einer Wasserstelle zur Versorgung der Schiffe mit Süßwasser unmöglich gemacht.

Am 3. April gründete Dr. Carl Peters gemeinsam mit dem Grafen Felix von Behr-Bandelin in Berlin die "Gesellschaft für Deutsche Kolonisation".

Im April 1884 kehrte Heinrich Vogelsang wieder nach Angra Pequena zurück.

Um diese Zeit erschien im Hafen von Angra Pequena ein englisches Kriegsschiff, dessen Kapitän die seit einem Jahr auf dem Fort Vogelsang wehende deutsche Flagge herunterholen und an deren Stelle, trotz Protestes der Deutschen, die englische Flagge aufziehen ließ.

Unentwegt tätig für den deutschen Kolonialgedanken, war Lüderitz schon nach kurzer Zeit wieder in Berlin zu Besprechungen mit dem Reichskanzler Fürst Bismarck, am 19. April und in den folgenden Tagen.  Im Laufe der Verhandlungen, die sich in der Hauptsache um Gewährung des Reichsschutzes drehten, wurde ihm empfohlen, eine Eingabe an den Kaiser zu machen mit der Bitte, er möge das neuerworbene Angra Pequena-Land in kaiserlichen Besitz nehmen und es dann Lüderitz zum Lehen übertragen.  Dadurch werde Lüderitz Souveränitätsrechte erhalten.  Zur gleichen Zeit berichtete Lüderitz dem Auswärtigen Amt, daß nach Mitteilungen seiner Agenten in Kapstadt dort Schwierigkeiten gemacht würden betreffs seiner Besitzrechte in Angra Pequena.
Diese nachträglichen Einsprüche würden andauern, solange nicht die Deutsche Regierung offiziell bekanntmache, daß die Lüderitzschen Besitzungen unter dem Schutz des Deutschen Reiches ständen.
Ferner brachte Lüderitz den Vorschlag ein, seinen Vertreter Heinrich Vogelsang zum deutschen Konsul für Angra Pequena, Nama- und Damaraland zu ernennen.

In seinem Briefe vom 21. April 1884 aus Berlin berichtete Lüderitz an Vogelsang über den Verlauf seiner Verhandlungen mit den amtlichen Stellen: "Alles geht nach Wunsch, mir wird ausgedehnter Schutz zugesichert."  Er kündigte auch den bald erfolgenden Besuch des deutschen Reichskommissars Generalkonsul Dr. Gustav Nachtigal, in Angra Pequena an, der zur Zeit an der afrikanischen Westküste tätig ist.  Dieser würde weitgehendste Vollmachten vom Reichskanzler mitbringen, um Verträge abzuschließen und eine klare Lage zu schaffen.  Vogelsang erhielt schon jetzt nähere Anweisungen und Vorschläge, um den Reichskommissar und seine Begleiter würdig zu empfangen und ihnen jegliche Hilfe und Unterstützung zuteil werden zu lassen, hauptsächlich für ihre Reise ins Innere.

Am 24. April 1884 erfolgte der erste amtliche Akt der Deutschen Regierung, indem der Reichskanzler an den deutschen Generalkonsul Lippert in Kapstadt ein Kabel folgenden Inhalts sandte: "Nach Mitteilungen des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden, ob seine Erwerbungen nördlich des Oranjestromes auf deutschen Schutz Anspruch haben.  Sie wollen amtlich erklären, daß er und seine Niederlassung unter dem Schutz des Reiches stehen."  Durch diese amtliche Erklärung hatte sich das Deutsche Reich endlich in die Reihe der Kolonialmächte eingeschaltet.

Eine Bergbauexpedition stellte Lüderitz im April in Bremen zusammen, die unter der Leitung des Mineningenieurs Dr. Höpfner im erworbenen Neulande arbeiten sollte.  Ihr gehörten an: die Mineningenieure und Geologen Dr. Waldemar Bleck, Mertens, Prescher und Sprengler mit seinem Gehilfen Wiesel, der Mineraloge Dr. A. Schenk, Lüderitz' Bruder August, der Botaniker Direktor Hermann Pohle, Ludwig Conradt, F. Münzenberg und S. Israel.  Die Angehörigen dieser Expedition fuhren am 20. April 1884 auf dem Hamburger Dampfer "Trojan" ab.  Dr. Höpfner hatte Lüderitz seinen Wahlspruch mit auf die große Reise gegeben: "Keine Schwierigkeiten schrecken, sondern auf rauhem Pfade zum Ziel."

Auf dem genannten Schiff reiste auch Dr. Schinz nach Südwest aus, um in amtlichen Auftrage die Flora und die Kulturfähigkeit des deutschen Neulandes zu erforschen.  Er blieb damit bis 1886 beschäftigt.

Am 14. Juni 1884 trat in Rehoboth Hendrik Witbooi, der Sohn des Hottentottenkapitäns Moses Witbooi, als "Gottbegnadeter Gesandter des Herrn" auf.  In seinem Bestreben zur Selbständigkeit zog er mit seinen 270 Getreuen, die als die "guten Witboois" unter dem Zeichen des weißen Hutbandes als die ersten Kämpfer für das Licht der Gerechtigkeit anzusehen seien, gegen die Ovaherero ins Feld.  Er bezeichnete die Anhänger seines Vaters als "Swartkamms", die sündige Viehräuber seien.

Am 24. Juni 1884 griffen die Ovaherero unter ihrem Oberhäuptling den mit einer starken Macht anmarschierenden Hendrik Witbooi bei Inguheva, südlich Aris, an.  Nach drei Tagen war Friedensschluß.  Maharero kehrte zurück nach Windhoek und nahm bald wieder seinen Wohnsitz in Okahandja.  Auch Hendrik Witbooi zog sich wieder zurück.

Die deutschen Mineningenieure betätigten sich folgendermaßen:
der Geologe und Mineningenieur Dr. Waldemar Belck und der Bergingenieur Mertens reisten von Angra Pequena aus in das Kaokofeld zur Erforschung etwaiger Bodenschätze. 
Bergingenieur Dr. Höpfner unternahm eine Reise in das Hererogebiet, auch mit dem Zweck, den Oberhäuptling zum Abschluß eines Freundschaftsvertrages zu bewegen.  Der Bergingenieur Spengler reiste mit seinem Gehilfen Wiesel in das Gebiet der Rehobother Bastards.

Am  22. Juni 1884 gab England endlich seinen Widerstand auf und erkannte die deutsche Oberhoheit und Schutzherrschaft über Angra Pequena, die Südwestküste und das Hinterland an, mit Ausnahme der Walfisch Bai, die es mit einem kleinen Stück Namib 1878 in Besitz genommen hatte.

Grenztafel
Das spätere Grenzschild zwischen dem englischen Gebiet Walvis Bay und Deutsch Südwestafrika

In den letzten Tagen des Juli warf das deutsche Seekadettenschulschiff, Fregatte "Leipzig", unter dem Kommando des Kapitäns zur See Herbig in der natürlichen Bucht von Angra Pequena Anker. 
Am 6. August 1884 erschien auch die deutsche Korvette "Elisabeth".  Kommandant Kapitän zur See Schering fuhr unter den Klängen des Preußenmarsches in den Hafen ein und ging neben der "Leipzig" vor Anker.  Nach altem Marinebrauch erfolgte die beiderseitige Begrüßung mit dreifachem "Hurra".

Lüderitzbuch
Flaggenhissung in Angra Pequena am 7. August 1884

Am 7. August 1884 fuhren in 12 großen Booten Offiziere und Mannschaften beider Schiffe im Paradeanzug an Land und marschierten mit voller Musik die Anhöhe zum Fort Vogelsang hinauf.  An der Nord- und Südseite der Fahnenstange nahmen die Matrosen Aufstellung, während dahinter mit der Front zum Meer Kapitän zur See Herbig seinen Platz einnahm.  Ihm zur Seite standen außer den Offizieren die Angehörigen der Firma Lüderitz unter Führung von Heinrich Vogelsang sowie der Hottentottenhäuptling von Bethanien mit seinen Ratsleuten.  Da der eigentlich von Kaiser Wilhelm I. mit der Vornahme der feierlichen Handlung beauftragte Kommandant der "Elisabeth", Kapitän Schering, erkrankt war, mußte Kapitän Herbig den Auftrag übernehmen.  Die Marinemannschaften präsentierten das Gewehr, die Offiziere senkten ihre Degen, und unter lautloser Stille verlas Kapitän Herbig den Befehl des Kaisers, "das Herrn Lüderitz gehörige Territorium in Angra Pequena unter den direkten Schutz seiner Majestät zu stellen ...  Der Flächeninhalt des Territoriums erstreckt sich vom Nordufer des Oranjeflusses bis zum 26. Grad südlicher Breite, 20 geographische Meilen landeinwärts, einschließlich der nach dem Völkerrecht dazugehörigen Inseln."  Als äußeres Zeichen der Besitzergreifung und der Inschutznahme durch das Deutsche Reich wurde unter dreifachem "Hurra", den Klängen der deutschen Nationalhymne und dem Salutschießen der beiden Schiffe die deutsche Flagge gehißt.  In der Front der Seekadetten nahmen an der Feier teil die späteren Admirale Wilhelm Souchon und der durch Führung der deutschen Flotte in der Skagerrakschlacht 1916 bekanntgewordene Franz Hipper.  Eine Tafel wurde aufgestellt mit der Aufschrift: "Territorium Lüderitz - nördlich vom Oranjefluß bis zum 26. Grad südlicher Breite unter Protektorat des Kaiserlichen Deutschen Reiches.  7. August 1884."  - Dem Hafen von Angra Pequena wurde amtlich der Name "Lüderitzbucht" gegeben.  Kurz danach wurde die deutsche Flagge gehißt in Sandfischhafen, Tsaochaubmund (später verdeutscht in Swakopmund) und am Kreuzkap (Cape Cross).

Deutsch-Südwestafrika
(Kartenquelle: Kolonialatlas von 1899)
Das erste deutsche Schutzgebiet und Kolonie Deutsch-Südwestafrika