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Die
Stedinger
Friesen |
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(Quelle: Buch - Kaiser Friedrich II, von Kurt Pfister, 1942) Die Stedinger und ihr unglückliches Schicksal In diesen Wochen (zwischen
Februar 1234 u. März 1234), da der
Konflikt zwischen Kaiser Friedrich II. und seinem Sohn König
Heinrich unaufhaltsam der Katastrophe zutrieb, vollendete sich das
Schicksal der Stedinger, eines Bauernstammes vorwiegend friesischer
Herkunft: ein freies Bauernvolk unterlag im Kampf gegen landesherrliche
Fürstengewalt, die ihren Machtanspruch mit allen Mitteln, selbst
dem des Religionskrieges, durchzusetzen gewillt und in der Lage
war.
Bis zur Bauernbewegung des Jahres 1525 kennt Deutschland keine ähnliche wuchtige Erhebung des Landvolkes. Weit über den lokalen Bereich hinaus griff sie in die große Reichspolitik über. Im Thronstreit zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV. treten die Stedinger in Aktion; Friedrich II. erwähnt dankbar die Unterstützung, die sie ihm bei Gelegenheit des Kreuzzuges gewährt haben; die römische Kurie wendet sich in heftigen Manifesten gegen sie; in dem Streit, den König Heinrich gegen den Vater durchkämpft, geht es auch um ihre Thesen. Ihre Niederlage war freilich schon entschieden, bevor der Sturz des jungen Staufers (König Heinrich) sich vollendete. Das Schicksal der Stedinger erweckte weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Aufsehen. Der dem englischen Hof nahestehende Matthäus von Paris, ein Mönch, der die Bewegung als ketzerisch verurteilte und die Stedinger neben den Albigensern nennt, schreibt im Jahr 1234 in seiner Chronik: "Der Herr verschloß sie in einer Sumpfgegend, in der sie Zuflucht zu finden hofften, da auf der andern Seite das Meer sie wie mit einem Riegel absperrte; und hier wurde von den Christen eine ungeheure Menge der gottlosen Ketzer erschlagen...." Der Bericht der Kölner Königschronik, obschon ebenfalls von einem Gegner niedergeschrieben, läßt im Gegensatz dazu eine gewisse Anteilnahme nicht verkennen. "Gegen die Stedinger", heißt es hier in einem Eintrag des Jahres 1234, "wird in Niederdeutschland und Flandern das Kreuz gepredigt. Nachdem das Heer der Kreuzfahrer sich versammelt hat, werden die Stedinger am Tag nach Himmelfahrt besiegt und in ihrem Land vollständig ausgerottet. Es waren aber die stedingischen Völker auf der Grenze von Friesland und Sachsen ansässig, umgeben von unwegsamen Flüssen und Sümpfen, und sie wurden, nachdem sie wegen ihrer Frevel und der Verweigerung des Zehnten (Anmerk. der WFG: was würden die Stedinger heute, im 21. Jahrhundert, zu den Abgaben sagen?) seit vielen Jahren dem Bann verfallen waren, als Verächter der Schlüsselgewalt der Kirche angesehen. Da sie wackere Männer waren, griffen sie mehrmals benachbarte Völkerschaften, sogar Grafen und Bischöfe an. häufig als Sieger, selten besiegt. Es wurde daher auf päpstliche Aufforderung in vielen Kirchensprengeln das Kreuz gegen sie gepredigt. In der erwähnten Schlacht kamen ihrer etwa zweitausend um, und nur wenige Überlebende flüchteten zu den benachbarten Friesen." Das Gebiet zu beiden Seiten der unteren Weser, in dem die Stedinger seit Beginn des 12. Jahrhunderts siedelten, war 1062 von Erzbischof Adalbert von Bremen erworben worden - vordem war es im Besitz der Grafen von Stade -, und die Herrschaftsrechte der Erzbischöfe von Bremen-Hamburg wurden in einer von Barbarossa 1158 in Frankfurt ausgefertigten Urkunde ausdrücklich bestätigt. Von den Erzbischöfen wurde das Land durch lehensrechtliche Verleihung teilweise an die Grafen von Oldenburg und andere Herren, teilweise an Klöster weitergegeben; doch mochte das Interesse an den unwirtlichen, von Mooren und Sümpfen durchzogenen Landstrichen gering sein, denn man kümmerte sich Jahrzehnte hindurch wenig um die Stedinger, die, ihrer Obrigkeit nur zehntpflichtig, unbehelligt das Land entwässerten, durch Deiche schützten und urbar machten. Diese Kolonisationstätigkeit wurde von zwei Generationen so tatkräftig gefördert, daß schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Chronisten die Gebiete als reich bevölkert und intensiv bebaut bezeichnen; zahlreiche Siedlungen, die in Ausdehnung und Bauweise fast Städten glichen, hätten sich allenthalben erhoben. Verfassung und Verwaltung zeigten ein Art von Autonomie, wie sie im damaligen Deutschland von den Städten erstrebt und teilweise erkämpft wurde. Es versteht sich, daß mit dem wachsenden Wohlstand auch das Interesse der Herren des Landes an den Stedingern wuchs. In den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen: in Nordstedingen nahmen die Bauern, um dem Übermut und den Übergriffen der gräflichen Dienstmannen zu begegnen, die vermutlich dem Grafen Moritz von Oldenburg gehörenden Burgen Linen und Lichtenberg mit stürmender Hand. Ähnlich gingen die Südstedinger gegen die Grafen Warfleth vor. Der Oberlehnsherr, Erzbischoff Hartwig von Bremen, sah diesen Vorgängen zunächst tatenlos zu. Erst drei Jahre später schickte er Truppen gegen die Stedinger, um die rückständigen Zehnten einzutreiben. Als diese bezahlt waren, zogen sich die bischöflichen Mannschaften wieder zurück. Hartwigs Nachfolger, Waldemar von Schleswig, ein Parteigänger des Staufers Philipp von Schwaben, suchte und fand im Kampf gegen den von den Welfen aufgestellten Gegenbischof, Gerhard von Osnabrück, Unterstützung bei den Stedingern. Die Ermordung Philipps und dann wieder die Bannung Kaiser Ottos verschob die Fronten der Gegner. Gerhard von Osnabrück stellte sich auf die päpstliche Seite, Waldemar und die Stedinger traten für Otto als den legalen Herrscher ein. In den Fehden dieser Jahre 1211, 1212 und 1213 kämpften die Stedinger mit wechselndem Erfolg auf Waldemars Seite. Erst 1216, als Friedrich II. in Aachen gekrönt worden und kaum mehr daran zu zweifeln war, daß er, und nicht Otto, nunmehr die Herrscherlegitimation besitze, gingen die Stedinger zu dem Staufer und dem von ihm geförderten Bischofskandidaten Gerhard über, der wenige Monate später in Bremen seinen Einzug hielt. Der aus seiner Residenz vertriebene Waldemar, der unverbrüchlich an seinem Kaiser Otto geschworenen Treueid festhielt, beschloß sein Leben als Zisterzienser im Kloster Loccum. Man kann den Stedingern nicht bestreiten, daß sie in der Wirrnis der Zeitläufe stets auf seiten der legitimen Reichsgewalt gestanden haben; daß diese öfters wechselte, war nicht ihre Schuld. Anderseits war das Bauernvolk im Verfolg der Kriegsläufe ein selbstbewußter Machtfaktor des Erzstiftes geworden; es machte geltend, daß es durch seinen Einsatz Autonomie und Freiheit von Zinsen und Zehnten zu Recht erworben habe. Der Osnabrücker Gerhard, auf dessen Zusicherungen die Stedinger sich beriefen, starb schon 1219. Ihm folgte Gerhard II. von Lippe, ein willenskräftiger und rücksichtsloser Prälat, der weitreichende Reformpläne durchzuführen gedachte, und im Sinn dieser Aufgabe die vollkommen zerrütteten Finanzverhältnisse des Erzstiftes neuzuordnen unternahm. Wahrscheinlich wäre bei beiderseitigem Verständigungswillen zu diesem Zeitpunkt eine Einigung der Partner zu erreichen gewesen. Aber wie die Stedinger schroff jede Abgabe verweigerten, so beharrte der Erzbischof auf seinem Standpunkt, daß das Vorgehen der Bauern rechtswidrig sei, und war entschlossen, seinen landesherrlichen Befugnissen mit allen Mitteln Geltung zu verschaffen. Ein erster Versuch, die Unterwerfung der Stedinger militärisch zu erzwingen, scheiterte: Hermann von Lippe, der Bruder des Erzbischofs, der ein starkes Ritterheer zusammengebracht hatte, wurde an den Grenzen des Marschenlandes am 25. Dezember 1229 geschlagen. Hermann fiel in der Schlacht, seine Scharen zerstreuten sich. Nun griff Gerhard zu schärferen Waffen. Auf einer Synode, die er im März 1230 nach Bremen einberief, ließ er die Stedinger als Ketzer erklären und verurteilen, weil es offenkundig sei, daß sie "die Schlüsselgewalt der Kirche und ihre Sakramente verachten, die Lehre der Kirche gering schätzen, Geistliche überfallen und töten, Klöster und Kirchen durch Raub und Brand verwüsten, Schwüre brechen, mit dem Leib des Herrn abscheulicher verfahren als man aussprechen kann, von bösen Geistern Auskunft erholen, wächserne Bilder von ihnen anfertigen, von wahrsagenden Frauen sich beraten lassen, und ähnliche verabscheuenswerte Werke der Finsternis betreiben...." Inwieweit diese Anklagen, die in den folgenden Jahren oft wiederholt werden, auf tatsächlichen Geschehnissen beruhten, muß dahinstehen. In den kriegerischen Zusammenstößen werden - auf beiden Seiten - viele Gewalttaten verübt worden sein, der eine und andere Vorwurf mag mit alten Volksbräuchen zusammenhängen, die der Gegner bewußt oder unbewußt als Ketzerei deutete. Es dauerte aber geraume Zeit, bis es dem Erzbischof gelang, Papst Gregor IX. zum Einschreiten zu bewegen. Erst am 26. Juli 1231 unterzeichnete der Papst in Rieti eine Bulle, die, allerdings unter der Voraussetzung, daß "die Berichte, die Uns über die Stedinger zugegangen sind, Wahrheit enthalten", die "Ausrottung der Ungläubigkeit" fordert. Eine Erlaubnis zur Kreuzzugspredigt gegen die Stedinger ist hier noch nicht enthalten, vielmehr wird eine neue Untersuchung angeordnet, die in die Hände der Bischöfe von Lübeck, Ratzeburg und Minden gelegt wird. Bevor die Kurie ihre endgültige Entscheidung traf, hatte Kaiser Friedrich II., der ja im März 1232 in Ravenna neue verschärfte Ketzergesetze erlassen und ihre Geltung auch für Deutschland angeordnet hatte, eingegriffen. In einer im gleichen Monat ausgefertigten, an Bremen gerichteten Urkunde beauftragt der Staufer die Dominikaner, wie auch an anderen Orten, so in Bremen im Namen der Reichsgewalt die Ketzer aufzuspüren und zu verfolgen: ".... So verkünden Wir Allen, daß Prior und Brüder des Predigerordens in Bremen, Unsere Getreuen, die für die Sache des Glaubens wider die Ketzer in deutschen Landen bestellt sind, unter Unserem und des Reiches besonderem Schutz stehen, und daß sie, von den Gläubigen unterstützt, im Reich von jedermann unangetastet bleiben." Das Urkundenbuch Friedrichs führt die kraft kaiserlicher Autorität verhängte Reichsacht ausdrücklich auf. Erst einige Monate später, am 29. Oktober 1232, erging eine Bulle Gregors IX., die auf Grund der Berichte der drei zur Untersuchung bestellten Prälaten die Kreuzzugspredigt gegen die Stedinger gestattete. Die Bauern waren freilich inzwischen nicht müßig gewesen. Gefährdete Gebiete befestigten sie durch Damm und Graben, der Übergang über die Oechte wurde durch eine stark bewehrte Brücke gesichert, im Hemelskamperwald Verteidigungsstellen angelegt. Mühelos schlugen sie im Winter 1232/33 ein erstes Kreuzheer zurück, während freilich ein gegen das ungeschützte Oststedingen unternommener Zug diesen Teil der Weserflußmarschen mit Feuer und Schwert verheeren konnte. Im Januar und Juni 1233 ergingen neue päpstliche Aufrufe gegen die Ketzerei der Stedinger. Allerdings sich auch sie wiederum mit dem Vorbehalt versehen, daß die erhobenen Anklagen wirklich erwiesen seien. Erneute Unternehmungen des Erzbischofs Gerhard mißglückten. Das Kreuzheer Graf Burchards von Oldenburg, das in Weststedingen eingedrungen war, wurde im Hemelskamperwald geschlagen, der Graf und zweihundert Ritter blieben auf der Walstatt. Auch die Absicht, durch ein Durchstechen der Deiche die Widerstandskraft der Bauern zu brechen, scheiterte an der Wachsamkeit der Stedinger. Vom Erzstift wurden nun umfassende diplomatische und militärische Vorbereitungen für das Jahr 1234 getroffen. Durch die Verleihung von reichen Privilegien und die Zusicherung eines Anteils an der zu erwartenden Beute gewann Gerhard die Bremer Bürgerschaft für das Unternehmen. Der Welfe Otto von Lüneburg, der Enkel Heinrichs des Löwen, der bisher die Stedinger unterstützt hatte, wurde dadurch in die Enge getrieben, daß man gegen ihn die Anklage auf Ketzerei erhob. Um sich vom Verdacht zu reinigen, nahm er das Kreuz. Er beteiligte sich allerdings nicht an den Kämpfen, sah aber auch von einer Hilfeleistung zugunsten seiner bisherigen Verbündeten ab. In den Rheinlanden, in Brabant und Flandern wurde eine wirksame Agitation entfacht, so daß sich allmählich ein Kreuzheer sammelte, das ma auf 40 000 Streiter schätzte. Zwei Ereignisse schienen in letzter Stunde die drohende Katastrophe abzuwenden. Auf dem Frankfurter Hoftag im Februar 1234 hatte König Heinrich die Mißbräuche der Ketzergerichte bekämpft und eine Milderung der Rechtsnormen durchgesetzt. Aber der geschickten Taktik Erzbischof Gerhards gelang es, zu verhindern, daß die Stedinger Frage erörtert wurde. Papst Gregor IX. seinerseits schickte am 18. März 1234 an seinen deutschen Legaten Wilhelm eine Instruktion, in der er ihm die neuerliche Untersuchung der Stedinger Angelegenheit anbefahl. Er solle "in jener Sache einen Vergleich unter den Beteiligten zustande bringen, indem er sie gemäß der ihm von Gott verliehenen Weisheit mit heilsamen Ermahnungen und heilbringenden Ratschlägen dazu vermöge... " Solche Anweisungen kamen zu spät. Im April 1234 versammelten sich die Kreuzfahrer in Bremen unter dem Befehl des Herzogs von Brabant, der Grafen von Holland, Geldern, Lippe und Kleve. Sie umgingen die Befestigungswerke der Oechte-Brücke und des Hasberger Passes und schlugen mit Hilfe bremischer Fahrzeuge eine Schiffsbrücke über den Fluß. In der Ebene bei Altenesch kam es am 27. Mai zur Schlacht. "Die Stedinger", berichtet der Chronist Albert von Stade, "gleichsam rasend geworden und von einer gewissen Tollheit erfaßt, fürchteten nicht die Menge der Kreuzfahrer, nicht die Gewalt des geistlichen und weltlichen Schwertes, sondern stürzten sich in geordneter Schlachtreihe, aber ungeordneten Geistes, gleich tollen Hunden den Pilgern entgegen. Der Herzog von Brabant und der Graf von Holland griffen beim ersten Anlauf jene Verpesteten bei dem Feld Altenesch, wo sie sich versammelt hatten, mannhaft an, aber sie verteidigten sich mit höchster Ausdauer. Sofort brach der Graf von Kleve mit den Seinen von der Seite über sie her und zerstreute ihre Schlachtreihe. Die Geistlichkeit, die in der Ferne stand und den Ausgang der Sache erwartete, sang: 'Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen' und andere Hymnen und betete für den Sieg des Kreuzes ... Und so stark kam die Hand des Herrn über sie, daß in kurzer Zeit 6000 von ihnen zu Grunde gingen. Die Mehrzahl von ihnen kam, als sie ihr Heil in der Flucht suchte, in einer nahen Grube und in der Weser um. Diejenigen aber, die etwa entkamen, wurden in alle Winde zerstreut." Das durch Zahl und Bewaffnung überlegene Ritterheer hatte die tapferen Bauernhaufen vernichtend geschlagen. Die Überlebenden flüchteten zu den benachbarten Friesen, andere wanderten nach Hamburg, Lübeck, Wismar, Rügen und Dorpat aus. Mit Feuer und Schwert wüteten die Sieger im Stedinger Land. Zwingfesten wurden erbaut, die Höfe der Erschlagenen und Geflüchteten an Anhänger des Erstiftes vergeben. Aufstandsbewegungen, die mit friesischer Hilfe in den fünfziger Jahren, und dann nochmals gegen Ende des Jahrhunderts, unternommen wurden, brachen zusammen. Länger als zwei Jahrhunderte hat es gedauert, bis neue Gärungen zum revolutionären Aufbruch des Jahres 1525 führten. |
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