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Englischer
Imperialismus: die Einverleibung Indiens |
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Als
Händler der britischen Ost-Indien-Handelskompanie waren die
Engländer nach Indien gekommen, in Rivalität mit den
anderen seefahrenden Nationen Europas.
Bemerkenswert ist die Vorgeschichte der Gründung der Ost-Indien-Kompanie, von der S. A. Hassan Meerza in seiner Schrift "Die Weltwirtschaftsrenaissance" (1934) an Hand englischer Geheimurkunden erzählt. Gründung der Ost-Indien-Handelskompanie 1583 traten einige
Engländer als kaufmännische Angestellte
und Reisende bei russischen Kaufleuten in den Dienst, die den Handel
mit Indien betrieben haben. Auf diese Weise gelang es Ralph
Fitsch, James Newsberry, Leedes u.a. die Verhältnisse auf dem
indischen Markt zu erkunden und zugleich die Kontrolle des Seeweges,
die damals in den Händen der Portugiesen und der Holländer
lag, zu umgehen. Zwar gelang es der Konkurrenz, diese englischen
Geheimagenten für eine Weile unschädlich zu machen, indem sie
sie ins Gefängnis geworfen haben. Doch der Kaiser von Delhi
befreite die Gefangenen und bestrafte ihre Konkurrenten - hätte
Akbar gewußt, wem er diesen Dienst erwiesen und welche Pläne
die Briten mit Indien hatten, dann würde er den Geschädigten
niemals ein Hukum-Noma, einen Schutz- und Freibrief für Handels-
und Gewerbeausübung, als Entschädigung für das erlittene
Unrecht gegeben haben.
England zeigte sich einem Nachkommen dieses Wohltäters gegenüber dreihundert Jahre später erkenntlich - auf englische Weise, nämlich, indem der Major Hodson den indischen Erbprinzen im Jahre 1857 im Gefängnis erschoß. Die Nachkommen der Mogulendynastie waren danach, wie man sagte, Gemüsehändler und hielten ihre Abstammung geheim. Die englischen Geheimagenten wußten, die ihnen gewährte Freiheit zu nutzen. Ralph Fitsch, das Haupt dieser Organisation erforschte mit großem Erfolg Bengalen, Pegu, Siam, Malakka und Kolombo, während seine Unteragenten hauptsächlich den Markt und die Handelsweise der portugiesischen und holländischen Konkurrenz beobachteten. Die Berichte dieser Erkundungsreise wurden in England übrigens geheim gehalten. Interessant ist die Geschichte,
die Hassan Meerza wiedergibt, wie die
Holländer den Großmogul vor England und seinen Plänen
warnen wollten.
Der großmächtige Kaisar-i-Hind lachte natürlich überlegen, wenn Holländer und Portugiesen ihm die englische Gefahr schilderten. Was konnte ihm ein fernes kleines Inselvolk schon antun! Daraufhin zeichnete ein Holländer eine politische Karrikatur, in der er den britischen Grundsatz "divide et impera" bildlich darstellte. Der Rabe und die Katze erbeuteten gemeinsam ein Stück Käse, konnten aber über die Teilung nicht einig werden, worauf sich der Affe erbot, als Schiedsrichter dies Geschäft zu übernehmen. Er holte sich eine Waage herbei und biß jedesmal von dem schwereren Stück etwas ab - bis von dem Käse nichts übrig blieb, der Schiedsrichter sich aber weiter im Glorienschein der Gerechtigkeit sonnen durfte. Statt dem Warner zu danken, steckte ihn der Großmogul ins Gefängnis, weil die Darstellung von Menschen in Tiergestalt nach indischen religiösen Vorschriften verboten ist. Das Bild soll sich danach in Händen von Indern befunden haben, obgleich sich Lord Kitchener bemüht hätte, es in seinen Besitz zu bringen. Auf Grund der oben
erwähnten Erkundung wurde 1600 in London die
Ost-Indien-Handelsgesellschaft gegründet und mit königlichen
Privilegien ausgestattet. Es wurde ausdrücklich betont,
daß dies eine private Gesellschaft sei. Dabei bemühte
sich die englische Regierung (der Königin Elisabeth) um Anbahnung
des Geschäftsverkehrs dieser "privaten" Gesellschaft mit
Indien. Sie schloß im gleichen Jahre einen Vertrag mit dem
Kaiser Dschelal-ed-din Akbar ab, nach dem den Engländern
Handelserlaubnis erteilt wurde, unter der ausdrücklichen
Zusicherung von seiten dieser, daß sie gleich der indischen
Vaischyas-Kaste auf alle Rechte in diesem Lande verzichteten.
Gleichzeitig versicherte sich England vertraglich des
Niederlassungrechtes in Bengalen, und zwar wurde dieser Vertrag mit dem
Soba-e-Bengal und Orissa (dem indischen Governeur von Bengalen usw.)
abgeschlossen.
Bengalen war seit je ein Mittelpunkt der indischen Kultur, des Handels und der Industrie namentlich der Textilindustrie, die zwar in Handbetrieb und als Heimindustrie betrieben wurde, jedoch die Hauptquelle des Reichstums des Landes bildete. Mit der Niederlassung der Ost-Indien-Kompanie in Kalkutta begann in Indien die Zeit der gemeinsten Intrigen der europäischen Handelsnationen untereinander und auch innerhalb der eingeborenen Bevölkerung. Nach indischer Meinung ist der Niedergang der Mogul-Dynastie und der Zerfall des Reiches ausschließlich auf die Ränke der Engländer zurückzuführen. Wer die Geschichte Indiens studiert wird feststellen, daß es nicht ganz so war. Immerhin, die Machenschaften der Ost-Indien-Kompanie haben den Verfall des Reiches zweifellos beschleunigt und die unglückliche Bevölkerung der Halbinsel viel Blut und Reichtum gekostet. Eroberung durch Zwiespalt Betrachtet man die Geschichte
der Eroberung Indiens durch die englische
Ost-Indien-Gesellschaft, so staunt man immer wieder über die
Tatsache, daß eine Handvoll Abenteuerer im Laufe von zweieinhalb
Jahrhunderten nicht nur den Wettbewerb anderer und mächtigerer
europäischer Nationen ausgeschaltet, sondern auch ein Land mit
vielen Millionen Einwohnern und schier unermeßlichen
wirtschaftlichen Reserven restlos unterworfen und beherrscht hat.
Wenn der Engländer angesichts solchen Erfolges die Hände faltet und unter frommen Augenaufschlag von einer besonderen Gunst Gottes spricht, so ist das nicht weiter verwunderlich. Zu groß war das Mißverhältnis der Kräfte zwischen dem Häuflein der Eroberer und der Masse der Unterworfenen. Die Überlegenheit der europäischen Waffen machte es nicht allein, sie hätte niemals das Verhältnis der Zahl ausgeglichen - Millionen und Abermillionen gegen ein paar Tausend! Die Moslems, die seinerzeit Indien erobert hatten, waren den Indern nicht in dem Maße zahlenmäßig unterlegen. Und sie waren ja auch noch da, als die Engländer mit ihrem Eroberungswerk begannen. Die Gunst des Gottes bestand jedoch lediglich in den Verhältnissen, die die Engländer in Indien vorgefunden hatten und die es ihnen ermöglichten, das Riesenland unter einem Minimum an Kraftentfaltung zu beherrschen. Es ist dies das vorgefundene Chaos der Stämme und Völker, das die Volkskraft des Landes zersetzt. Es ist das verhängnisvolle Kastenwesen, das das Volk in Ketten legte und eine Schicht von der anderen mit unüberwindlichen Mauern getrennt hatte. Und es ist vor allem die schicksalgläubige okkulte Religion, vielmehr die Unzahl solcher Religionen, die entweder durch das Karmagesetz jede Kampf und Abwehrkraft der Gläubigen lähmen oder ihren Willen in orgiastischen Kulten umnebeln, oder mit der Hoffnung auf ein besseres und schöneres Leben nach dem Tode dem Ungemach der Gegenwart gegenüber gleichgültig machen - oder alles dies zusammen bewirken. Alles dies machte eine Einheit, eine seelische Geschlossenheit der Bevölkerung Indiens unmöglich, und diese Geschlossenheit war eben unerläßliche Voraussetzung eines Freiheitskampfes. Jede Kaste, jede Sekte, jeder Stamm und schließlich jedes Dorf, darüber hinaus aber jeder einzelne Mensch unterwarf sich, empörte sich, kämpfte oder duldete für sich, allein, ohne Zusammenhang und ohne Verbindung mit dem Ganzen. Jeder Fürst ließ sich allein niederzwingen oder zu einer Bundesgenossenschaft bewegen. Sonderinteressen der kleinsten Gemeinschaften ließen es nicht zu, daß sich diese in die allgemeine Abwehrfront eingliederten. Man darf nicht vergessen, daß das Religiöse, der Glaube, das Leben eines Hindu viel mehr und restloser durchdringt, als es bei einem Europäer z.B. der Fall ist. In diese Umgebung drangen die
englischen Abenteuerer mit einem
rücksichtlosen und hemmungslosen Willen, zu herrschen, und
bewaffnet mit dem alten, bereits im römischen Imperium
bewährten Grundsatz "divide es
impera", teile und herrsche, ein.
Beseitigung der Konkurrenz Zunächst richteten sie ihr
Augenmerk darauf, die Konkurrenz
auszuschalten.
Dabei paktierten sie bald mit dem einen, bald mit dem anderen, spielten auch die eingeborenen Fürsten gegen ihre europäischen "Brüder" aus und schreckten vor keinem Gewaltmittel und Betrug zurück, um ihr Ziel zu erreichen. Es wäre nicht richtig, wenn man annehmen würde, die anderen Europäer hätten es anders gehalten. Aber sie waren die Unterlegenen, mithin waren sie weniger verlogen, pfiffig und gewalttätig als die Briten. Einer nach dem anderen verschwanden sie von der Halbinsel oder wurden in ihren Besitzungen derart eingeengt, daß sie das Monopol der Engländer nicht mehr gefährden konnten. Am gründlichsten räumten die Briten mit den Dänen, den Deutschen und den Holländern auf. Keines von diesen Völkern hatte später noch eine Niederlassung auf der ostindischen Halbinsel. Ein Blick auf die Kartenskizze zeigt, wie die Besitzungen der europäischen Völker gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Indien verteilt waren. ![]() Hundert Jahre später waren
es nur noch ein paar portugiesische und
französische Kolonien, deren Bedeutung nahezu gleich Null war.
Das Schicksal des holländischen Besitzes in Vorderindien entschied sich in Europa, wo der englische Piratenadmiral Blake die Flotte der Niederlande vernichtete. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts mußten sich die Holländer auf ihre Besitzungen im Insulinde zurückziehen. Die Deutschen Faktoreien in Koblon und Bankipur verschwanden ebenfalls in der Folge der Entwicklung in Europa. Kaiser Karl VI., der sie gegründet hatte, besaß nicht die Macht, sie aufrechtzuerhalten. Nachdem Prinz Eugen von Savoyen, der kaiserliche Heerführer, zweimal die Deutschen Besitzungen in Indien besucht hatte (1717 und 1718), begannen die Engländer mit dem bewährten Mittel der Propaganda zu arbeiten, um diesen neuen und erfolgreichen Konkurrenten auszuschalten. Schon damals kam das Schlagwort vom Deutschen Imperialismus auf, der sich nicht mit Handelsbeziehungen begnügte, sondern sich die Eroberung Asiens zum Ziel gesetzt hätte. Als Beweise wurde der Kreuzzug Friedrich Rotbarts angeführt, der nur durch seinen Tod daran verhindert worden sei, ganz Asien zu erobern. Doch als diese Propaganda bei dem Großmogul nicht fruchtete und auch die Beschuldigung, unmäßige Gewinne eingestrichen zu haben, nach einer Nachprüfung der Deutschen Handelsbücher durch bengalische Behörden zusammenbrach, wurde die Waffe des wirtschaftlichen Boykotts ins Feld geführt. Schließlich aber setzten es die britisch-französischen politischen Intrigen durch - hier wirkten die beiden größten Konkurrenten in Indien gemeinsam -, daß der indische Gouverneur von Bengalen die Reste der teilweise bereits geräumten Deutschen Faktoreien überfallen und die Deutschen vertreiben ließ, während die in der Nachbarschaft sitzenden Engländer - in Tschinsurah und Kalkutta - und Franzosen - in Tschandernagur - diesem Überfall tatenlos zusahen. Hassan Meerza behauptet freilich, daß der Überfall nicht von Indern, sondern von verkleideten und bemalten Franzosen ausgeführt worden wäre, doch dies ist unwesentlich. Die Deutsche Unternehmung in Ostindien brach damit zusammen. Es wird den wenigsten Deutschen bekannt sein, daß auch Friedrich der Große zwei Deutsche, vielmehr preußische Unternehmen, die den Handel mit Ostasien, auch mit Indien, zum Gegenstand hatten, gründete und beschirmte. Es war dies das Unternehmen "Embden" und die am 24.1.1753 gegründete Bengalische Handelsgesellschaft. Näheres darüber, vor allem über den Kampf der Briten gegen diese wiederauflebende Konkurrenz der Deutschen ist in dem Geheimbericht des Rates von Kalkutta an die Direktion der Königlichen (britischen) Ost-Indien-Gesellschaft vom September 1754 enthalten. Nach Hassan Meerza begünstigte ein indischer Fischer-Geheimbund die Handelsverbindungen mit den Deutschen, wohl aus Opposition gegen die Engländer. Der Führer dieser ursprünglich rein religiösen und kultischen Geheimbünde, die später politischen, anti-britischen Zielen dienten, war ein Pandit (Gelehrter) Nanda Komar, der später den Engländern verraten und von ihnen hingerichtet wurde. Die Hauptkampfzeit zwischen Engländern und Franzosen liegt in den Jahren von 1604 bis 1761, deren Brennpunkt aber 1751-1761. Auf französischer Seite traten Dupleix und Bussy als Führer in den Vordergrund. Auf englischer errangen Clive und Warren Hastings eine Berühmtheit- in jeder Beziehung. Sie waren beide zweifellos tüchtige Organisatoren und gewiegte Politiker, beide aber skrupellos in dem Gebrauch der Mittel und, wenn es die Belange der Ost-Indien-Gesellschaft erforderten, grausam und brutal. Interessant ist, daß beide von dem englischen Parlament wegen Übergriffen angeklagt wurden. Robert Clive endete 1774 durch Selbstmord, nachdem das Parlament ihn der Gewalttaten und Grausamkeiten für schuldig gesprochen hatte. Hastings gelang es (1792) einen Freispruch zu erwirken. Englische Machenschaften veranlaßten einen Nawab (indischen Fürsten), die Franzosen 1746 bei Madras anzugreifen. Immerhin konnten sich die Franzosen zuerst siegreich gegen die Engländer behaupten, bis sie in dem zehn Jahre dauernden Kriege endgültig geschlagen und aus der Mehrzahl ihrer Niederlassungen vertrieben wurden. Englischer Einfluß festigt sich Inzwischen gewannen die
Engländer immer mehr Einfluß und
Macht in Indien. Es darf dabei nicht vergessen werden, daß
die Europäer ursprünglich lediglich als Händler ins Land
kamen und sich Waren- und Lagerhäuser in gewissen, vertraglich
ihnen zugewiesenen Ortschaften, meist längs der Küste,
errichteten. Zwistigkeiten untereinander führten dazu,
daß diese friedlichen Niederlassungen festungsartig ausgebaut und
in diese Festungen oder Forts Besatzungen aus angeworbenen Truppen
gelegt wurden. Allmählich, für die Wachsamkeit der
indischen Machthaber fast unmerklich, wuchsen die Besatzungen zu
kleinen, gut geschulten und tadellos ausgerüsteten Armeen an, die,
wie wir es im Falle Dumas schon gesehen haben, entscheidend in die
inneren Kämpfe Indiens einzugreifen vermochten. Die
indischen Fürsten sahen solche Armeen, die ihnen im Falle eines
Krieges mit den Nachbarfürsten gewissermaßen als Leibgarde
dienen konnten, nicht ungern. Und der Großmogul in Delhi
war inzwischen zu einem machtlosen Oberherrscher geworden und vermochte
nicht, die Handlungen seiner Unterfürsten irgendwie zu
beeinflussen.
Die vier "G" Ein altes persisches Sprichwort
besagt, daß dem Engländer
beim Eindringen in ein neues Land vier "G" voranzugehen pflegen: Gospel (Evangelium), Grog (Alkohol), Girl (Mädchen) und Gun (Kanonen).
So verfuhren sie auch in Indien. Die "gospel" benutzten sie allerdings nicht allein. Das taten alle Europäer gern, um ihrer Volksausraubung in Übersee oder sonstwo in nichtchristlichen Ländern eine gewisse Heiligkeit zu verleihen. Der "grog" spielte in den Machenschaften der Engländer eine wichtige Rolle, namentlich in Verbindung mit dem dritten "G", "girl", dem Mädchen. Englische Agenten freundeten sich mit Vorliebe mit den jungen und lebenshungrigen Fürstensöhnen an, bis es ihnen gelungen war, sie zum Weintrinken zu verführen. Damit hatten sie sie in der Hand, denn Weintrinken war für einen Moslem eine Todsünde. Die derartig Verführten waren nun von der Verschwiegenheit ihrer Verführer abhängig. Welche schriftlichen Zugeständnisse und Versprechen ihnen bei solchen heimlichen Kneipereien unter Alkoholrausch abgelockt wurden, kann man sich schon denken. Hassan Meerza schreibt, daß sich solche im Lande herumreisenden englischen Handelsagenten besonders auf Heiratsvermittlung gelegt hatten. Im Rausch veranlaßten sie den jungen Fürstensohn zu einem Heiratversprechen, namentlich wenn sie wußten, daß sein Vater gegen eine solche Verbindung sein würde. Dadurch und durch mancherlei andere Machenschaften trieben sie einen Keil zwischen die alte und die junge Generation, spielten sich dann als Freunde und Helfer des einen Teils auf, um dann die Rechnung an die Dankbarkeit des Betroffenen vorlegen zu können. (Diese "Heiratsvermittlung" hat aber noch eine andere Bedeutung. Die "vermittelten" Bräute gehörten ausschließlich den kleinen und zum Teil verarmten Radschputen-Fürstengeschlechtern an, die froh waren, ihre Töchter an reiche Radschas zu verschachern und deshalb die eigenartige "Geschäftsverbindung" mit den Engländern gern unterhielten. Nach indischer Sitte bekamen sie ja auch einen ansehnlichen "Kaufpreis" für die Braut. Die Verantwortlichen an diesem "Brauthandel" waren immerhin die Engländer, die außer einer Vermittlervergütung noch politische Geschäfte damit machten. Später aber verbreiteten sie, wie z.B. der Deutschenhasser Rudyard Kipling, die Radschputenradschas trieben gewerbsmäßigen Mädchenhandel, indem sie ihre Töchter an die Radschas von Oudh und an die Semindars (Gutsbesitzer) im Süden verkauften.) ![]() Warrren Hastings (1733-1818)
Der Nachfolger Lord Clives als Generalgouverneur von Indien erweiterte das britische Herrschaftsgebiet mit allen Mitteln Solche heimlichen Kneipereien
brachten manch einen Hindufürsten
auf den Geschmack des Weins. Ja, sogar der Kaiser Dschehangir
wurde zur Auffassung verlockt, Weintrinken sei keine Sünde, und
veranstaltete häufig regelrechte Gelage, ohne dabei allerdings
seine Pflichten als Regent zu vernachlässigen. Englische
Missionare halfen dabei, indem sie Schriften zur Verteidigung des
Weingenusses verfaßten, im Volke aber ausstreuten, der Kaiser
habe die Vorschriften der Religion verletzt, indem er und sein Hof Wein
tränken.
Unruhen auf den Bazaren veranlaßten den Kaiser, ein Verbot des Weintrinkens und - der "Heiratvermittlung" zu erlassen. Immerhin wurde durch englische Manöver die Stellung des Großmoguls in den Augen des Volkes erschüttert, das das Schwinden der kaiserlichen Macht als direkte Folge seines Lebenswandels ansah. Interessant ist, daß die Engländer sich auch hier von jeder Verantwortlichkeit reinzuwaschen verstanden. Aus der Tatsache, daß bei den Kneipereien der indischen Fürsten französischer Champagner getrunken wurde, konstruierten sie eine Schuld der Franzosen an der Verseuchung der sittenstrengen Moslemin mit ihrem Wein. Auch der Krieg zwischen Dschehangir und Dschehan Schah, seinem Sohn und Thronfolger, wird als eine Folge englischer Machenschaften angesprochen. Das Verbot des "Brauthandels" verärgerte außerdem nicht nur die jungen Fürsten, denen dadurch die schönen Radschput-Mädchen entgingen, sondern auch die vielen kleinen Radschas, die um das Brautgeld betrogenen Schwiegereltern. Es kam auch zu einer ganzen Reihe von Kriegen zwischen diesen und dem Kaiser. Die Waffen dazu lieferten die Briten - den beiden Seiten. Auf diese Weise
begünstigten die Engländer durch ihre Agenten
die fortschreitende Zersplitterung der indischen Zentralgewalt.
Der Maratthenaufstand und die damit verbundene Teilung der Halbinsel in
zwei große Teile war nicht ohne ihr Zutun erfolgt. Nachher,
als der Thron von Dehli infolge des Vorgehens der Maratthen nur noch
ein Schemen war, erschienen die Engländer als Retter, festigten
die Macht des neuen, von ihnen eingesetzten Großmoguls und
verhinderten das weitere Vorgehen der Maratthen, die sich der
britischen Oberherrschaft nicht unterwerfen wollten. So kam auch
das vierte G, gun, zur Geltung. Die danach erfolgte Spaltung des
Maratthenreiches in mehrere unabhängige und einander befehdende
Königreiche ist eine Folge des englischen politischen Spieles
gewesen.
Ausplünderung der Inder Als die Fürsten von
Bengalen und Oudh sich gegen das Vorgehen der
Ost-Indien-Gesellschaft wandten und gegen die Engländer mit
bewaffneter Macht vorgingen, wurden sie bei Plessey (1757) und Buxar
(1764) vernichtend geschlagen. Nunmehr waren das reiche Bengalen
und Oudh in englischer Macht.
Die Ost-Indische-Gesellschaft, die ursprünglich mit Pfeffer, Tee und Textilwaren handelte, hatte nun mit königlichen und Fürstentümern zu tun, die ihrer Gewalt unterworfen waren. Sie erhob Steuern von riesigen Gebieten, legte Strafen für wirklichen oder eingebildeten Ungehorsam auf und konnte nun die zahllosen Völker und Stämme nach Belieben aussaugen und bedrücken. Daß es dabei nicht ohne übelste Übergriffe und blutigste Unterdrückung der Unterworfenen abging, ist klar. Eine Privatgesellschaft und deren Privatangestellte, -beamte und -generale waren ja eigentlich keiner Überwachung und keiner oberen Behörde unterstellt. Sie fühlten sich und waren auch in der Tat unabhängig und niemandem eine Rechenschaft für ihre Taten schuldig. Der Umstand, daß die Gesellschaft mit königlichen Privilegien ausgestattet war und ihre führenden Männer ab und zu einmal sich vor dem Parlament zu verantworten hatten, wie Clive und Hastings, änderte an dieser Tatsache nicht viel. Abenteuer Afghanistan Doch wenn die Londoner
Herrscher gemeint hatten, jetzt seien sie in der
Ausbeutung Indiens ungestört, so hatten sie sich
getäuscht. Die Zeiten, da man nur auf indischem Boden mit
Indern gegen Inder um Indien zu kämpfen brauchte, waren
unwiederbringlich vorbei. Wollte England jetzt Indiens sicher
bleiben, so mußte es danach streben, die Wege nach Indien in
seine Hand zu bekommen.
Rußland war inzwischen nicht untätig gewesen. Es begann, nach Persien und nach Turkestan hinüberzugreifen, weil es dem Gesetz seines Wachstums folgte. Nur die englisch-kapitalistische Angstpsychose in London schob Rußland Angriffspläne gegen Indien unter. Dem Verlangen, Rußland zurvorzukommen, entsprangen nämlich die englischen Versuche, sich Afghanistans zu bemächtigen. An sich wäre dieses Land, das von riesigen Bergwällen als von einer natürlichen Festung umgeben ist, wohl kaum so bald in den Bereich der britischen Interessen gerückt. So aber setzte es sich die Ost-Indische-Gesellschaft in den Kopf, durch englandhörige Fürsten aus Afghanistan einen Wall gegen das weitere Vordringen Rußlands zu machen. Den Vorwand dazu gab ein persischer Angriff auf Herat (1837), bei dem russische Instruktionsoffiziere mitwirkten. Zwar hoben die Perser auf die englischen Vorstellungen hin nach kurzer Zeit die Belagerung wieder auf; aber das änderte nichts. Man war in Kalkutta nun entschlossen, aus Afghanistan einen unter englischer Vormundschaft stehenden Pufferstaat zu machen. Das Unternehmen endete mit
einer Katastrophe. Zwar gelang es den
englischen Truppen, zum größten Teil indischen Sipoys,
Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, zu nehmen und den englischen
Thronkandidaten einzusetzen (1839). Aber es war nur ein
Scheinsieg. Die freiheitsliebenden Afghanen waren nicht gesonnen,
sich durch fremde Gewalt einen ihnen unliebsamen und überdies
unfähigen Herrscher aufzwingen zu lassen, und empörten sich
nach wenigen Jahren. Die britischen Besatzungstruppen und Beamten
wurden gezwungen, das Land zu verlassen, gerieten auf dem Marsch
über den Khaiber-Paß in einen Hinterhalt der Afghanen und
fanden hier alle den Tod. Nur ein einziger, ein Arzt, kam
zurück, um die schreckliche Kunde nach Indien zu bringen.
Die Rückwirkung dieser
Katastrophe auf Indien war gewaltig.
Das Ansehen der englischen Herrschaft war schwer erschüttert, und
die Generalgouverneure wußten nur ein Mittel, es
wiederherzustellen: neue kriegerische Aktionenen. Wo aber den
Anlaß zu solchen hernehmen? Zuerst versuchte man es mit
einer Art Strafexpedition gegen Afghanistan. Der große
Markt in Kabul wurde von britischen Truppen zerstört, die nach
dieser Demonstration ihrer "Stärke" das Land schleunigst wieder
verließen. Doch es half dem Generalgouverneur wenig,
daß er einige bei dieser Gelegenheit angeblich erbeutete (in
Wirklichkeit aber unechte) Tempeltore im Triumph durch Indien
führen und eine Denkmünze auf die "Wiederherstellung des
Friedens in Asien" prägen ließ; der Sieg war zu billig
erfochten, als daß er die Zweifel der Inder an der
Unbesieglichkeit Englands hätte niederschlagen können.
So beschloß denn der Gouverneur, die Inder selbst für die
Niederlage büßen zu lassen.
Eroberung des Landes Sind Sind, das Land am Unterlauf des
Indus, war ein Fürstentum, dessen
Unabhängigkeit England wiederholt, zuletzt 1832, in feierlichen
Verträgen anerkannt hatte.
England hatte schon vertragswidrig gehandelt, als es Sind zum Aufmarschgebiet gegen Afghanistan machte; denn die Verträge untersagten englischen Truppen den Aufenthalt im Lande. Vollends vertragswidrig aber war, daß Kalkutta nun ein Expeditionskorps nach Sind schickte, um von den Fürsten den angeblichen rückständigen Tribut für die englische Puppe auf dem Throne Afghanistans einzutreiben. Der Forderung fehlte jede Rechtsgrundlage, und darum mußte der Versuch, sie mit Gewalt durchzusetzen, auf heftigen Widerstand stoßen. Mit solchem Widerstand hatte der englische Resident in Haiderabad, Sir Charles Napier, von vornherein gerechnet - er gehörte zu seinem Programm. Tatsächlich empörten sich denn auch die fürstlichen Garden, als man sie entwaffnen wollte, um britisch-indische Truppen an ihre Stelle zu setzen. Der Vorwand zum Kriege war da. Die überlegene Bewaffnung der europäisch geschulten Eindringlinge entschied den Kampf bald zu ihren Gunsten. Sind wurde dem Besitz der Ost-Indischen-Gesellschaft einverleibt. Es war ein Stück Raubpolitik. ![]() Die
Schlacht bei Miani
Der
Einfall in den Staat Sind am Unterlaufe des Indus (1843) gehört zu
den Völkerrechtsbrüchen der britischen Kolonialgeschichte.
Die Engländer hatten die Unabhängigkeit des Staates feierlich anerkannt und benutzten lächerliche Vorwände, das tapfere Volk der Belutschis trotzdem zu unterjochen. - Gemälde von Armitage. Absetzung des Kaisers Zur Wiederherstellung des
Respekts vor der Unwiderstehlichkeit der
britischen Macht genügte allerdings auch der folgende
Gewaltstreich nicht.
Die wehrhafte religiöse Sekte der Sikhs, der im Fünfstromlande, dem Panjab, die Führung zugefallen war, trotzte den Engländern und rückte im Dezember 1845 in das Gebiet der Ost-Indien-Kompanie ein. Erst nach langen Kämpfen und schweren Verlusten gelang es den britischen Truppen, die tapferen und europäisch geschulten Sikhs niederzuringen und damit auch das Fünfstromland dem indischen Reich einzuverleiben. Durch diese Erfolge nun wurde
die Verwaltung in Kalkutta siegestrunken
und fühlte sich stark genug, die Abrundung des britischen Besitzes
mit denselben brutalen Mitteln fortzuführen. Als sei er
nicht der Beamte einer Aktiengesellschaft, sondern der Kaiser von
Indien selbst, verfügte der Generalgouverneur willkürlich
nach indischem Lehnsrecht und zog Fürstentümer ein, die durch
Mangel an Erben angeblich "verfallen" waren. Auch wurde der
indische König abgesetzt und sein Land Oudh als Provinz
Britisch-Indiens einverleibt.
Doch noch fehlte dem Werke die
Krönung, noch gab es nämlich
in Dehli den Kaiser von Indien, den Nachfahren der Großmoguln,
der dem Rechte nach der Oberherr aller indischen Fürsten und somit
auch der Ost-Indischen-Gesellschaft war. Mochte auch die
tatsächliche Macht der letzten Kaiser noch so schattenhaft sein,
es konnte doch geschehen, daß sie eines Tages wieder
emporstieg. Bisher hatte man es nicht gewagt, die Träger des
ehrwürdigen Titels anzutasten, ja bis 1835 hatten die Münzen
der Gesellschaft noch das kaiserliche Hoheitszeichen gezeigt.
Jetzt aber fühlte man sich stark genug, die Maske der Unterordnung
fallen zu lassen. Ja, der Generalgouverneur Lord Canning wartete
nicht einmal den Tod des fast neunzigjährigen Kaisers Bahadur
Schah ab, sondern verfügte 1856, daß mit dessen Ableben der
Kaisertitel als erloschen zu gelten und die kaiserliche Familie den
Palast in Dehli zu verlassen habe.
Unruhe und Empörung macht sich breit Treu und Glauben verletzen,
beschworene Verträge brechen und dabei
doch von den Indern Treue verlangen - das war also jetzt die englische
Politik in Indien.
Dabei bemerkten die leitenden Stellen in Kalkutta gar nicht, daß sie im Begriff waren, den Bogen zu überspannen. Die Einziehung der Fürstentümer hatte viele, die früher zu den Besitzenden gehörten, hart getroffen; englische Beamte schoben sie aus den Verwaltungstellen; mancher Besitztitel auf Grund und Boden wurde von den neuen Herren nicht anerkannt; entlassene eingeborene Soldaten mußten betteln gehen; gerade die höheren, stolzen Kasten der Hindus wurden durch das rigorose Vorgehen der Engländer in Armut gestürzt. Und dazu kam der Unwille über die Abschaffung vieler religiöser Gebräuche, von denen gewiß manche, wie die Witwenverbrennung oder die Ertränkung von Kindern im Ganges, für europäische Begriffe etwas unheimlich Barbarisches hatten, die aber doch durch jahrtausendelange Übung geheiligt waren. Früher hatte man, an mancherlei Fremdherrschaft gewohnt, auch die Engländer mit Ergebenheit hingenommen; jetzt aber begann man zu fragen, ob diese Weißen nicht mit bösen Geistern im Bunde seien, um so mehr, als sie bei allen ihren befremdlichen Maßnahmen geflissentlich über die Empfindungen der Bevölkerung hinweggingen; sie sahen von der Höhe ihrer Zivilisation verächtlich auf sie herab. In diese Stimmung des wachsenden Mißtrauens kamen die Nachrichten vom Krimkrieg. Sie liefen von Mund zu Mund durch Indien. Die englischen Truppen konnten vor Sebastopol keine Erfolge erringen: Krankheiten hatten gewütet, der Sanitätsdienst versagt. Wieder einmal also hatte sich erwiesen, daß England nicht unverwundbar war! Und jetzt die Absetzung des Kaisers! Sie mußte vor allem die Mohammedaner empören; denn mit ihr war die letzte Erinnerung an die großen Zeiten des Islam in Indien ausgetilgt. Aber die Regierung in Kalkutta
merkte nichts von dem Bedrohlichen, das
sich gegen sie vorbereitete. Sie wußte nicht, daß
Prophezeiungen im Volke umliefen, die englische Herrschaft würde
nur hundert Jahre währen, müsse also, da sie mit der Schlacht
bei Plassey 1757 begonnen hatte, im Jahre 1857 ein Ende finden.
Sie achtete nicht auf die Sturmzeichen, die unverkennbar am Himmel
standen.
Bengalische Regimenter weigerten sich, zu Schiff in eine andere Garnison zu gehen, weil ihre Kastenvorschriften ihnen die Seereise verboten. Kalkutta forderte darauf von jedem Rekruten eine Erklärung, nach der er sich verpflichten mußte, auch jenseits des Meeres zu dienen. Ein neuer Beweis, wie wenig die Engländer, die die Gottesfurcht ständig im Munde führten, bereit waren, auf die Gottesfurcht anderer Völker Rücksicht zu nehmen. Begreiflich genug, daß sich nun unter den den höheren Kasten angehörigen Soldaten die Sorge verbreitete, die Regierung wolle sie ihrer Kaste berauben. Unter solchen Umständen bedurfte es nur noch eines geringfügigen Anlasses, das Gewitter zur Entladung zu bringen. Die kleinste Unachtsamkeit gegenüber den religiösen Vorstellungen der Inder mußte die gewaltigsten Folgen nach sich ziehen. Nun hatte man vor kurzem in der
britisch-indischen Armee ein neues
Gewehrmodell eingeführt, das Enfield-Gewehr. Es hatte die
Eigentümlichkeit, daß beim Laden ein Stück der
Patronenhülse weggerissen werden mußte, was am schnellsten
ging, wenn die Soldaten die Zähne dazu benutzten. Da die
Patronen eingeschmiert waren, kamen also die Lippen der Soldaten bei
diesem Vorgang mit Fett in Berührung. Ob nun wirklich die
Militärverwaltung in der Munitionsfabrik von Dum-Dum bei Kalkutta
zur Einfettung der Patronen Rinder- und Schweinefett benutzte oder ob
sie nur verabsäumte, die Soldaten ausdrücklich davon in
Kenntnis zu setzen, daß weder Rinder- noch Schweinefett benutzt
wurde, läßt sich nicht mehr feststellen; in beiden
Fällen hatte sie sich jedenfalls der Achtlosigkeit gegenüber
den religiösen Gefühlen der Sepoys schuldig gemacht, und
somit trug sie die Verantwortung für alles, was nun geschah.
Der Sepoy-Aufstand von 1857 und die Folgen Das Schichsalsjahr 1857 hatte
eben begonnen, als es sich begab,
daß ein Soldat, der der Brahmanenkaste angehörte, einem
Munitionsarbeiter, der ein Paria war, einen Trunk Wasser
verweigerte. Höhnisch erwiderte ihm der Paria: sie alle
würden nun bald Parias sein; denn ihre Lippen seien beim Laden der
neuen Gewehre mit Rinder- und Schweinefett in Berührung
gekommen!
Mochte nun das, was der Paria sagte, der Wahrheit entsprechen oder nicht - mit unheimlicher Geschwindigkeit verbreitete sich die Kunde von diesem neuen Sakrileg der Engländer unter den eingeborenen Soldaten und mit ihm Entsetzen und Empörung - auch bei den Mohammedanern; denn ihnen war Schweinefett ein Greuel. Aber noch immer tat die
Regierung in Kalkutta nichts, um den
aufziehenden Sturm zu beschwichtigen. Sie hielt es nicht einmal
für nötig, das Gerücht (wenn es eins war) zu
dementieren. Als sich dann aber bei einer Schießübung
eine ganze Formation, neunzig Mann, weigerte, die Patronen zu
berühren, wurden sie vor ein Kriegsgericht gestellt und zu zehn
Jahren Gefängnis verurteilt. Das geschah zu Mirat unweit
Dehli, der stärksten Garnison des Nordwestens. Am
nächsten Tage schon meuterte die gesamte Garnison, befreite die
Gefangenen, tötete ihre englischen Offiziere und marschierte nach
Dehli, wo sich ihr die mohammedanische Bevölkerung
anschloß. Der neunzigjährige Kaiser Bahadur Schah
wurde zum Herrscher Indiens ausgerufen....
Entsetzlich rächten sich
nun die Sünden der britischen
Verwaltung. Die Landschaft um Dehli, ganz Oudh und große
Teile Mittelindiens standen in offenem Aufruhr. Es gab Orte, wo
die gesamte weiße Bevölkerung den Tod erleiden mußte,
und die Verluste der englischen Truppen gingen in die Zehntausende.
Wenn es der Regierung trotzdem gelang, des Brandes Herr zu werden, so nur deshalb, weil sie auch jetzt wieder sich der inneren Gegensätze in Indien bedienen konnte. Noch wurzelten in manchen Gebieten die uralten Feindschaften tiefer als der Haß gegen England. Die Panjabi, eine der wehrhaften Gemeinschaften im Fünfstromlande, verabscheuten die Hindus, die Sikhs die Mohammedaner von Dehli - beide wurden von den Engländern als Verbündete gewonnen, und so verhalfen noch einmal indische Truppen England zur Herrschaft über Indien. ![]() Dieses Photo von 1857 wurde 1939 von der englischen Zeitschrift "Picture Post" veröffentlicht. Es zeigt die Methoden, mit denen die englischen Behörden nach der Niederwerfung des Sepoys-Aufstandes vorgingen. Wild und unbarmherzig war der
Kampf geführt worden, und es
wäre zu begreifen gewesen, wenn die Engländer gegen die
unterlegenen Aufständischen ein strenges Gericht hätten
ergehen lassen. Aber was sie, wieder im Besitz der Macht
übten, war mehr als Strenge - es war grausame Lust an der Rache.
Sie, die angeblich nach Indien gekommen waren, um dort die Segnungen der Zivilisation und der Humanität zu verbreiten, boten jetzt dem indischen Volke das Schauspiel blutrünstigster Barbarei. Unschuldige wie Schuldige verfielen der hemmungslosen Vergeltungswut. Dörfer wurden angezündet, die Bewohner ohne Gerichtsverfahren an den Bäumen der Straße erhängt, Frauen und Kinder hingemordet, und für die aufständischen Sepoys wurde eine neue Art der Todesstrafe ersonnen: sie banden sie an die Mündungen der Geschütze und ließen sie mit Kanonenschüssen in Stücke reißen. (Das Vorbinden vor die Kanonen pflegten allerdings bereits die Portugiesen bei ihren "Auseinandersetzungen" mit den Eingeborenen anzuwenden. Es muß also der Gerechtigkeit wegen vermerkt werden, daß dies keine britische Erfindung ist.) ![]() Hinrichtung aufständischer Sepoys. Die Verurteilten wurden vor Kanonen gebunden und so "in die Luft geblasen". Gemälde des russischen Malers Wassilij Wereschtschagin Sie ertränkten die Aufständischen zu Tausenden. Sie unterwarfen bei dieser Gelegenheit eine ganze Reihe kleinerer Staaten gänzlich ihrer Gewalt und beseitigten alle Radschas, die irgendwie der Sympathie mit den Aufständischen verdächtig waren. Der Aufstand versickerte nach und nach zu einem Buschkrieg um Oudh. ![]() Das "Kaiserreich Indien" in damaliger französischer Beleuchtung. Das ausgemergelte Volk als "Motiv" für die Kamera der reisenden Lady, neben der ein englischer Feldwebel Wache halten muß. Denn selbst vor Hunger zu Tode erschöpft, könnten die Inder noch aufbegehren.... - aus der französischen Wochenschrift "Le Rire". Allein in den Jahren 1860-1909 starben 30 Millionen Menschen in Indien den Hungertod, trotz z.B. der hohen Dividenden an den indischen Baumwollspinnereien. Eins hatte der gescheiterte
Aufstand jedenfalls erreicht: England
ließ die Maske vollends fallen und übernahm das
berüchtigte Erbe der Ost-Indien-Gesellschaft.
Durch die Parlamentsakte "Zwecks Schaffung einer besseren Regierung für Indien" wurde das Kaiserreich Indien in den britischen Staatsverband übernommen. Der ehemalige Generalgouverneur wurde Vizekönig und Stellvertreter des "Kaisar-i-Hind", dessen Titel seit 1877 der englische König(in) trug. Die Rolle der Direktion der Ost-Indien-Gesellschaft aber wurde einem Staatssekretär (Minister) übergeben, der dem englischen Parlament verantwortlich war. Es ist allerdings eine Frage, ob die Akte eine bessere Regierung für Indien geschaffen hatte. ![]() Um den Indern die Macht des "unbesiegbaren" Englands deutlich zu machen, wurde das Kaiserreich Indien 1877, in den britischen Staatenverband übernommen. Unter unsäglichem Leid
sollte
es noch weitere Jahrzehnte dauern, bis
Indien im Jahre 1947 seine Freiheit wiedererlangte - und dies nur, weil
Englands imperiale Macht als Folge des Zweiten Weltkrieges
auseinanderbrach.
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