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Wie Stalin zur
Macht kam |
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Am 21. Januar 1924 schloß
Waldimir Iljitsch Uljanow, der sich
Lenin nannte, im 54. Lebensjahre die Augen.
Er beugte zu Beginn seiner Erkrankung sich wohl über Statistiken und Berichte, er machte Aufzeichnungen, ermüdete aber rasch, und sein scharfer Verstand, der wie ein Seziermesser in die Probleme zu dringen pflegte, erfaßte kaum mehr die einfachsten Zusammenhänge. Die Ärzte, darunter große internationale Kapazitäten, stellten eine organische Verletzung des Gehirns fest. Man brachte ihn aus dem Kreml in die Stille einer Villa, die in Gorkji bei Moskau in einem schönen Garten lag. Zeitweilig erholte er sich wieder, konnte auch noch an Sitzungen teilnehmen oder auf Jagd fahren. Dann stellten sich Lähmungserscheinungen ein, er war an den Rollstuhl gefesselt und bald verlor er auch die Sprache. Mit seiner Frau, Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, die mit ihm die sibirische Verbannung und das trostlose Elend in der Schweizer Emigration geteilt hatte, konnte er nur noch durch Zettel verkehren. Der dämonische Geist dieses Mannes zerfiel, noch ehe der Körper ausgelitten hatte. Männer, die zum Schicksal
ihrer Völker geworden sind, kann
man nicht danach beurteilen, was sie gewollt, sondern nur danach, was
sie vollbracht haben.
Die Geschichte kennt wenig Beispiele dafür, daß eine einzelne Person soviel Unglück über die Menschheit gebracht hat wie dieses unansehnliche Männchen. Lenin zog seine Kraft nur aus dem Haß, war blind für das Leiden, für ihn waren die Menschen nicht mehr als die Meerschweinchen für den experimentierenden Arzt. Ein seltsamer Mann, der Todesurteile unterschrieb, ohne auch nur die Namen zu lesen, der aber gern mit Kindern spielte und im Privatleben keiner Fliege ein Leid tun mochte. Eine seiner Mitarbeiterinnen, Wera Sassulitsch, glaubte ihn zu loben, als sie von ihm sagte, daß er den tödlichen Biß habe. Und diesen Biß haben seine Freunde und seine Feinde zu spüren bekommen. Ein Mann ohne Herz, ein Mann ohne Vaterland, ein Mann ohne Mitleid. Ein geistiger Hochstapler, der sich anmaßte, nach chemischen Formeln die Grundgesetze menschlichen Zusammenlebens analysieren zu können. Ein Mann ohne persönlichen Mut, der sich in Heuschobern verkroch, wenn wirkliche Gefahr drohte, und der auch im Bürgerkrieg nie ein Schlachtfeld gesehen hatte. Dafür berauschte er sich an tollkühnen, größenwahnsinnigen Gedanken, entthronte Gott und den Zaren, fühlte sich selbst als Übermensch. Dabei mußte er während der Emigration erleben, daß seine weitschweifigen, langweilig und flüchtig geschriebenen Bücher keinen Verleger fanden oder nur in 300 Exemplaren verkauft wurden. Wohl selten ist ein Mensch so die Inkarnation des Bösen, des Verneinenden, des Zersetzenden gewesen wie dieser Lenin, der in der Sowjetunion zum Gott erhoben ist. Sein Leben ist schwer gewesen und sein blindwütiger Ehrgeiz hat ihn in bitterste Enttäuschungen gestürzt. Als Bruder eines Gehenkten, der an einem Attentat auf den Zaren beteiligt war, hatte er im alten Russland keinen Weg zum bürgerlichen Aufstieg. Elende Studienjahre als Externer gaben ihm den Haß gegen die Satten. Aber als er sich in Petersburg um eine Existenz als Anwalt bemühte und die Not der Fabrikarbeiter kennenlernte, wurde nicht etwa sein Herz, sondern nur sein Verstand berührt. "Der Hunger revolutioniert die Massen" erklärte er zynisch, "er wird mithelfen, den Zaren hinwegzufegen. Daher ist es sinnlos, ja ein Verbrechen, den Unglücklichen zu helfen. Lassen wir die Menschen nur hungern, dann werden sie grimmige Revolutionäre, dann wird um so eher die Selbstherrschaft des Zaren schwinden." Er wollte Rußlands Niederlage im Krieg, damit das Elend die Massen in seine Raubtierfänge treiben würde. Hat ihm wirklich je der Gedanke vorgeschwebt, das russische Volk glücklich zu machen oder ging es ihm nur um den Aberwitz des bolschewistischen Experiments? In seinem Gehirn brodelten die Gedanken unfaßlichen Verbrechertums, bis das Hirn selbst sich weigerte, als Retorte solchen Giftgases zu dienen. Man hat in Moskau den Begründer des Bolschewismus mit ungeheuren Ehren beigesetzt. An der Kremlmauer erhebt sich ein klassizistischer Tempel, in dem die einbalsamierte Leiche in einem Glassarg zur Schau gestellt wird. Tagtäglich zogen Arbeiter, Bauern und Soldaten mit abgezogener Kappe an diesem Sarg vorbei, den ein Meer von Tränen hätte umspülen müssen. Es gab fast kein Haus in der Sowjetunion, in dem nicht das Bildnis dieses Mannes mit tückischen, kalten Augen von der Wand starrte. In jeder Schule, in jedem Arbeiterklub war ein Leninwinkel geschaffen worden, in dem die Menschen den bolschewistischen Gott verehren sollten. Es gab kaum ein Städtchen in der Sowjetunion, wo nicht ein Lenindenkmal in agitatorischer Pose noch einen letzten Kampfruf in die Massen zu schleudern schien. Der bolschewistische Propagandakult hatte sich des toten Lenin bemächtigt, der zu seinen Lebzeiten von wenigen geliebt, aber von vielen gefürchtet wurde. Schon während der
Erkrankung Lenins war es ihm selber und den
internen Kreisen der Kommunistischen Partei klargeworden, daß ein
scharfer Kampf zwischen den beiden befähigtesten
Revolutionsgrößen um die Thronfolge entbrennen
würde. Lenin hatte noch in seinen letzten Tagen versucht,
Klarheit zu schaffen. Zwischen Stalin und Trotzki hatte er sich
für Trotzki entschieden, nicht weil seine Sympathien dem
intellektuellen, vom Ehrgeiz verzehrten Revolutionär
gehörten, sondern weil ihm die primitive Brutalität Stalins
die größere Gefahr für den Fortbestand seines
Lebenswerkes zu sein schien. Die Machtprobe zwischen diesen
beiden grundverschiedenen Menschen konnte um so verhängnisvoller
für den Bolschewismus werden, als hinter Trotzki der
militärische Faktor der Roten Armee stand, hinter Stalin aber die
kunstvolle Konstruktion der Kommunistischen Partei, die den
sowjetischen Staatsapparat vom Rat der Volksbeauftragten bis zum
letzten Dorfsowjet beherrschte. Der Gensek (Generalsekretär)
des Parteiapparates wurde um so mächtiger, je mehr die Kräfte
Lenins versagten. Trotzki hatte sich durch seine Erfolge als
Organisator, als geistiger Mensch von schillernder Vielseitigkeit und
durch die Selbständigkeit seiner politischen Vorstellungswelt als
Nachfolger zu legitimieren versucht, war aber auch oft mit dem
Diktator, der keine andere Meinung neben der seinen duldete, scharf
aneinandergeraten. Stalin empfahl sich als
Testamentsvollstrecker, indem er die Treue eines täppischen
Bernhardiners hervorkehrte und seinen listigen Augen verbot, die
abgründige Schlauheit des Orientalen zu verraten. Eine
Charakterisierung der beiden Duellanten wird das Verständnis des
dramatischen Kampfes erleichtern, der zwar auf politischer Ebene
ausgetragen wurde, letzten Endes aber persönlicher Natur war.
Leo Bronstein, der sich
später Trotzki nannte, wurde 1878 in dem
ukrainischen Dorf Janowka als Sohn eines jüdischen
Kleinbürgers geboren. Auf der Realschule des heiligen Paulus
in Odessa erwarb er sich das Reifezeugnis. Sein Interesse wandte
sich dem Theater und der Literatur zu, er versuchte, ein Drama zu
schreiben und kam erst auf der städtischen Hochschule von
Nikolajew in die politische Verschwöreratmosphäre.
Schon bei seinen ersten Schritten auf dem glatten Boden
revolutionärer Agitation in der Arbeiterschaft wird er von der
Polizei geschnappt und eingesperrt. In der Muße der
Gefängniszellen in Nikolajew, Cherson und Odessa beschäftigt
er sich besonders mit der Freimaurerei und erprobt an diesem Thema sein
schriftstellerisches Talent. Auch ihn führt der Weg in die
sibirische Verbannung, die fast zur Voraussetzung für eine
revolutionäre Karriere wird. Dann muß er nach einem
Zwischenspiel in Samara ins Ausland fliehen und trifft nach vielen
Kreuzfahrten durch die europäischen Hauptstädte im Herbst
1902 mit Lenin in London zusammen. Die russischen
Sozialdemokraten hatten sich auf dem Londoner Kongreß gespalten,
auf dem der gemäßigte Martow und der fanatische radikale
Lenin scharf aufeinandergeprallt waren. Bei der Abstimmung
erhielt die von Lenin geführte Gruppe eine Mehrheit von 25:23
Stimmen. Die Radikalen nannten sich hinfort Bolschewiki
(Mehrheitler), die Gemäßigten Menschewiki (Minderheitler),
die ein Zusammengehen mit den bürgerlichen Parteien nicht
grundsätzlich ablehnten. Der Kampf zwischen den beiden
Richtungen dauerte bis zur Oktoberrevolution 1917, die Lenin an die
Macht brachte, obwohl die Menschewiki über eine Mehrheit in den
Sowjets verfügten. Für die bolschewistische Diktatur
war das ein Schönheitsfehler, für die Menschewiki das
politische und vielfach persönliche Todesurteil.
Bei der Spaltung in London hatte auch Trotzki seinen ersten Zusammenstoß mit Lenin, dem er erbittert den Bruch der sozialdemokratischen Einheit vorwarf. Seit dieser Zeit hatte Trotzki sich nie ganz von dem Verdacht reinigen können, ein verkappter Menschewiki zu sein. Während der Oktoberrevolution 1905 spielte Trotzki in Petersburg eine führende Rolle im Sowjet, und seine zündende Beredsamkeit sicherte ihm eine rasch wachsenden Anhang in der revolutionären Arbeiterschaft. Wieder wird er nach Sibirien verbannt, und wieder gelingt ihm die Flucht. Das Emigrantendasein treibt den unsteten Revolutionär von Stadt zu Stadt, auch in verschiedenen deutschen Städten tritt er als Agitator auf. Im Jahre 1911 sollte er auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Jena über die zaristische Vergewaltigung Finnlands referieren. Durch die Ermordung Stolypins wird aber Bebel das Auftreten des russischen Revolutionärs zu gefährlich, und Trotzki muß auf seinen Vortrag verzichten. Der Ausbruch des Weltkrieges überrascht ihn in Wien. Er flüchtet nach der Schweiz und agitiert von Zürich aus in Broschüren gegen den Krieg, die auch nach Deutschland eingeschmuggelt werden. Ende 1914 zieht er nach Paris, wird von dort aber als lästiger Ausländer ausgewiesen und lernt ein spanisches Gefängnis in Madrid kennen. Ende 1916 siedelt er nach New York über und macht dort gemeinsam mit dem Theoretiker des Bolschewismus, Bucharin, revolutionäre Propaganda in der neugegründeten Zeitung "Nowji-Mir". Die Kerenski-Revolution ermöglicht ihm die Rückkehr nach Petersburg, nachdem er Bekanntschaft mit einem kanadischen Konzentrationslager gemacht hatte. Der revolutionäre Literat sah seine große Stunde gekommen. ![]() Leo
Bronstein, der sich später Trotzki nannte.
Der Werdegang Stalins kennzeichnet demgegenüber den praktischen Gangster der Revolution, der sich nicht scheute, selbst die Dynamitbombe in eine unschuldige Menge zu schleudern. Joseph Wissarionowitsch Dschugaschwili, der von Lenin den Namen Stalin, d.h. der Mann aus Stahl erhielt, wurde 1879 als der Sohn eines Schuhmachers in der kleinen georgischen Stadt Gori im Gouvernement Tiflis geboren. Auf Wunsch seiner Mutter, die den kleinen Sosso für ein großes Kirchenlicht hielt, sollte er Pope werden. In dem orthodoxen Priesterseminar von Tiflis wußte er die alten Kirchenlieder mit so viel Inbrunst zu singen, daß er zum Solisten im bischöflichen Chor aufstieg. Aber auch in die Priesterseminare der damaligen Zeit war die revolutionäre Welle eingedrungen, und der junge Georgier wurde schon aus der nationalen Kampfstellung seines Volkes gegen die Petersburger Unterdrückung zu einem glühenden Hasser des Zaren. Er faßte bald Fuß in der Sozialdemokratischen Partei in Tiflis, ließ sich aber mit dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx, das er in seinem Bett versteckt hatte, erwischen und wurde von dem frommen Seminar ausgeschlossen, eine gute Gelegenheit für ihn, seine Kameraden zu verraten. Sein Weg als Berufsrevolutionär war damit vorgezeichnet. Schon mit 21 Jahren spielte er eine führende Rolle in der politischen Unterwelt von Tiflis, wo er sich für den revolutionären Marxismus Lenins begeisterte. Besonders die neuartige Technik des Kampfes in kleinen Gruppen von drei oder vier entschlossenen Verschwörern reizte den jungen Bombenwerfer. Als ihm der Boden in Tiflis zu heiß wurde, agitierte er in Batum und besonders in Baku, wo er aus den kläglich bezahlten Arbeitern der Ölmillionäre eine verläßliche Parteigarde bilden konnte. Seine Erfolge blieben den wachsamen Augen der Ochrana nicht verborgen, er wurde eingesperrt und auf drei Jahre nach Sibirien verbannt. Schon einen Monat später tauchte er nach abenteuerlicher Flucht wieder unter den verblüfften Parteigenossen in Tiflis auf. Im ganzen wurde er in der Folgezeit noch viermal nach Sibirien verbannt, aber jedesmal gelang dem ebenso schlauen wie verwegenen Abenteurer die Flucht. Sehr bald war Stalin die wichtigste und gehässigste Feder in der bolschewistischen Presse Transkaukasiens. Auf der allrussischen bolschewistischen Konferenz in Finnland lernte er 1905 Lenin kennen und wurde von der suggestiven Kraft dieses Mannes so gepackt, daß er zu einem blinden Werkzeug des "Meisters" wurde. Nach dem Mißerfolg der Revolution von 1905 war eine ernste Krise in der bolschewistischen Partei eingetreten, in der von der älteren Generation der Gedanke legaler Arbeit im Sinne der deutschen Sozialdemokratie propagiert wurde. Dazu waren die Parteikassen leer, und es mußte um jeden Preis Geld beschafft werden. In dieser Notlage erinnerte sich Lenin des jungen Georgiers, dessen kaltblütige Hemmungslosigkeit auf ihn Eindruck gemacht hatte. Die kriminellen Fähigkeiten Stalins waren richtig erkannt, und er lieferte ein Meisterstück revolutionärer Expropriation, wie es die amerikanischen Volkshelden, die für eigene kapitalistische Rechnung arbeitenden Gangster, nicht besser hätten machen können. Da war alles vorausbedacht, die Rollen waren genau verteilt und blitzschnell erfolgte die Aktion. Nach den gleichen Prinzipien verfuhr später der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Stalin, als er vom Kreml aus die absolute Diktatur kämpfte und die Köpfe seiner Mitarbeiter rollen ließ. Stalin hatte durch seine
Vertrauensleute festgestellt, daß am 13.
Juni 1907 ein Geldtransport von der Post an die Staatsbank in Tiflis
ausbezahlt werden sollte.
Um 10 Uhr vormittags erschienen zwei von Kosaken begleitete Wagen vor dem Postgebäude, dem Kassierer der Staatsbank und zwei Detektive entstiegen. Genossinnen, die dort unauffällig Posten gefaßt hatten, alarmierten den Stoßtrupp durch die telephonische Meldung, daß der gute Onkel eingetroffen sei. Stalin kletterte auf das Dach eines Palastes, an dem der Geldtransport auf dem Wege zur Staatsbank vorbei mußte. Als die Geldsäcke verladen waren, gab ein weiblicher Beobachter das vereinbarte Zeichen. Aus einer Nebenstraße erschien eine Droschke, in der ein junger Offizier, der verkleidete Bolschewist Petrosian saß. Die Droschke folgte dem Wagen der Kassierer in einigem Abstand. Da flog Stalins Bombe vom Dach des Palastes, weitere Bomben anderer Verschwörer folgten. Menschen und Pferde wälzten sich in ihrem Blute, aber gerade das Gespann, das den Geldsack mit sich führte, ging durch. Am Eriwanskajaplatz wurde den Pferden eine Bombe zwischen die Beine geworfen. Im Galopp kam die Droschke herangeprescht, der Offizier riß den Geldsack aus dem Trümmerhaufen und jagte mit seinem Wagen davon. Etwa fünfzig Personen, darunter Frauen und Kinder, lagen zerfetzt auf dem Straßenpflaster, aber Stalin hatte, völlig unberührt von dem Blutbad, 341 000 Rubel für die Partei erbeutet. Von den Tätern war keine Spur zu finden, und der brave Direktor der kaukasischen Sternwarte hatte keine Ahnung, daß er den Kriegsschatz der Bolschewisten bewachte, wenn er es sich auf seinem von Petrosian neugepolsterten Sofa bequem machte. Der erste Geldschein aus der blutigen Beute tauchte 1908 in Paris auf, als der später in Genf so umworbene Außenkommissar Litwinow-Finkelstein eine 500-Rubelnote wechseln wollte. Nach einem erneuten Gastspiel
in Sibirien verlegte Stalin seine
Tätigkeit nach Petersburg, wo er als Redakteur verschiedener
bolschewistischer Zeitungen im ständigen Kampf mit der Polizei
lebte und sich die Anerkennung Lenins holte, der aus der sicheren
Schweiz den bolschewistischen Apparat dirigierte. Damals warf
Lenin seinem späteren Freunde Trotzki schwere Verfehlungen
vor. Er betrüge die Arbeiter, und niemand dürfe ihn
unterstützen. Im Herbst 1912 wurde die bald erfolgreiche
"Prawda" gegründet, deren Chefredakteur Stalin wurde. Im
Frühjahr 1913 wurde er erneut verhaftet und zum fünften Male
nach Sibirien verbannt. Der Ochranaagent Tschernomatow, der sich
in das Vertrauen Lenins eingeschlichen hatte, wurde sein
Nachfolger. Diesmal blieb Stalin bis zum Ausbruch der
Kerenski-revolution in der Verbannung.
Als er nach Petersburg zurückkehrte, wurde er nicht feierlich eingeholt wie Lenin oder Trotzki, deren Namen schon eine traurige Weltberühmtheit erlangt hatten. Stalin war innerhalb der Berufsrevolutionäre wohl bekannt und wegen seiner brutalen Zügellosigkeit gefürchtet, aber er gehörte keineswegs zu den Leuten, denen man auf Grund ihrer geistigen Fähigkeiten eine große Zukunft voraussagen konnte. Er übernahm wieder die Leitung der "Prawda", verfaßte in seiner harten, aber dem Muschik verständlichen Sprache Leitartikel und Aufrufe am laufenden Bande. Er verstand es geschickt, seinen Meister Lenin zu verteidigen, als der Kerenskische Justizminister Perewersew zu einem gefährlichen Hieb ausholte, indem er Lenin für einen im deutschen Solde arbeitenden Spion erklärte. Truppen, die schon bereit zum Übergang in das bolschewistische Lager waren, hatten sich daraufhin eines Besseren besonnen. Stalin, der langsam denkende,
verschlossene und hinterhältige
Streber, mochte von Anfang an den schillernden Trotzki nicht leiden,
der mit virtuoser Leichtigkeit Gedanken zu Papier brachte, die der
Georgier als eitle Schaumschlägerei ablehnte. Vielleicht wurde er
innerlich den Verdacht nie los, daß Trotzki genau wie ihm die
persönliche Macht viel wichtiger war als die Vollendung der
bolschewistischen Revolution. Es mag auch sein, daß bei
Stalin Eifersucht auf die Gunst des so unberechenbaren Lenin im Spiele
war, zu dem er bewundernd aufblickte, weil in ihm die kalte Intelligenz
Trotzkis mit seinem eigenen brutalen Fanatismus vereinigt waren.
Sicher war es ein harter Schlag für Stalin, daß "der Alte",
wie Lenin im bolschewistischen Lager bald genannt wurde, Trotzki den
Vorsitz im Rat der Volkskommissare, nach westlichen Begriffen die
Ministerpräsidentschaft anbot, während er selbst mit dem
unwichtigen Volkskommissariat für die Nationalitäten
abgespeist wurde. Aufschlußreich ist aber die Inkonsequenz
Stalins in der Nationalitätenpolitik des Bolschewismus. Im
April 1917 hatte er vor dem allrussischen Arbeiter- und Soldatenrat
erklärt: "Ich persönlich
wäre gegen eine Lostrennung Transkaukasiens. Wenn jedoch die
Völker des Kaukasus die Lostrennung verlangten, so könnten
sie dies auch durchsetzen und hätten keinen Widerstand
unsererseits zu erwarten". In der späteren Praxis
haben diese Völker ganz andere Erfahrungen teuer erkaufen
müssen.
Während des
Bürgerkrieges, der die beiden Todfeinde vor
militärische Aufgaben stellte, herrschte durchgehend eine
explosive Stimmung zwischen Stalin und Trotzki. Obwohl Trotzki
Oberbefehlshaber der Roten Armee war, verkehrte Stalin
ausschließlich mit Lenin, und fast jeder seiner Berichte war eine
Denunziation. Der erste Krach begann mit der ersten
militärischen Mission Stalins, der an der unteren Wolga Ordnung
schaffen sollte und in Zarizyn, dem späteren Stalingrad, mit Hilfe
der GPU. ein Schreckensregiment gegen die Reste des Bürgertums
führte, aber auch im Sinne seines Auftraggebers den "Stall
ausmistete". Der damalige Befehlshaber der 10. Armee in Zarizyn,
Woroschilow, stellte den militärischen Fähigkeiten Stalins
ein sehr schmeichelhaftes Zeugnis aus. Ohne diese kluge
Vorausschau wäre er wohl kaum zu Anfang Höchstkommandierender
der sowjetischen Armee im Kampf gegen Deutschland geworden.
Trotzki aber verlangte im Herbst 1918 kategorisch die Abberufung
Stalins. Lenin, der rücksichtslose Autokrat, mußte
seine diplomatischen Talente erproben, um einen offenen Bruch zwischen
den beiden unentbehrlichen Männern zu verhindern. Aber am
11. Januar 1919 telegraphierte Trotzki an Lenin: "Ich betrachte die Stalinsche
Begünstigung der Zarizyner Strömungen als eine ganz
gefährliche Beule, schlimmer als jeder Verrat der
Kriegsspezialisten" (der auf bolschewistischer Seite
kämpfenden höheren Zarenoffiziere). Es ist aber nicht
zu bestreiten, daß die Arbeit Stalins an den verschiedenen
Fronten des Bürgerkrieges häufig erfolgreicher war als die
Trotzkis. Stalin sah keine Probleme, sondern ließ
unbekümmert alle Mittel rücksichtslosen Terrors
spielen. Er hat sich damals schon den Ruf verschafft, daß
ihm kein Verbrechen zu niedrig war, wenn er glaubte, sich damit selbst
nützen zu können.
Nach Beendigung des
Bürgerkrieges platzten Stalin und Trotzki im
Politbüro aufeinander, dem aus acht Kommunisten bestehenden
höchsten Gremium der Partei, dessen Weisungen für
sämtliche Regierungstellen unabänderliche Befehle
darstellten. Im Hintergrund aber herrschte "der Alte", solange
sein krankes Gehirn ihm noch eine Einwirkung auf die Staats- und
Parteigeschäfte gestattete. In Stalin hatte er einen
Mitarbeiter, der nie anderer Meinung war, dessen Härte und
praktischen Verstand er schätzte. In Trotzki hatte er einen
viel gescheiteren Berater, der aber durch seine Eigenwilligkeit immer
neue Zusammenstöße hervorrief. Der von seiner
Genialität überzeugte Trotzki hat Stalin "die hervorragendste
Mittelmäßigkeit unserer Partei" genannt. Zweifellos
war es ihm gelungen, Lenin kurz vor seinem Tode mit Unterstützung
der Krupskaja, der Frau Lenins, stark gegen Stalin einzunehmen.
Für Stalin war "der Alte" gerade noch rechtzeitig gestorben.
Unter dem Druck der Sorgen, die sich Lenin angesichts des noch zu seinen Lebzeiten ausgebrochenen Kampfes zwischen Stalin und Trotzki um seine Nachfolge machen mußte, schrieb er im Dezember 1922 einen Brief an den Parteikongreß, der für Stalin keineswegs schmeichelhaft war, soweit man Veröffentlichungen Trotzkis gegen seinen Todfeind eine gewisse Beweiskraft zubilligen kann. Danach soll Lenin darauf hingewiesen haben, daß Stalin als Generalsekretär der Kommunistischen Partei eine gewaltige Machtfülle in seiner Hand vereinigt habe, daß aber keine Gewähr für die Nutzung dieser Macht mit der gebotenen Behutsamkeit bestände. Trotzki wird dagegen nach seinen Angaben als "der bestimmt befähigste Mann im jetzigen Zentralkomitee" bezeichnet, wenn er auch ein zu weitreichendes Selbstbewußtsein habe. In einer Nachschrift vom Januar 1923 wird Lenin noch deutlicher, in der er - nach Trotzki - die Entfernung Stalins von seinem Posten als Generalsekretär fordert. Stalin wird vor allem seine Rücksichtslosigkeit vorgeworfen, und Lenin wünscht einen Nachfolger, der sich von Stalin nur dadurch unterscheiden soll, daß er geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen Genossen und nicht so launisch ist. Trotzki spricht von einem "Testament Lenins". Die eingeweihten Stalinisten wollen in dem unveröffentlichten Dokument den Ausfluß von Intrigen sehen, die Trotzki und die ihm wohlgesinnte Krupskaja gegen den ihnen gemeinsam verhaßten Stalin gesponnen haben, als "der Alte" mit seinem absterbenden Verstand schon Wachs in den Händen seiner näheren Umgebung war. Diese Auffassung wird dadurch glaubhaft, daß der formlose, unliebenswürdige und knotige Stalin die Krupskaja persönlich sehr gekränkt hatte. Nach Mitteilungen, die Kamenew seinem Freunde Trotzki am Abend des Tages machte, als Lenin ihm die Vertretung der georgischen Frage im Zentralkomitee aus Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit Stalins in einem schmeichelhaften Brief übertragen hatte, war Stalin vom "Alten" fallen gelassen. Lenin hatte seiner Sekretärin einen persönlichen Brief an Stalin ins Stenogramm diktiert, in dem er den Bruch aussprach. Trotzki konnte in seinen kühnsten Träumen nicht hoffen, daß ihm das Schicksal ein solch erdrückendes Material gegen seinen Feind in die Hände spielen würde. Er hat aus Feigheit nicht den Entschluß zu offenem Angriff finden können. Ein Feldherr aber, der nicht losschlägt, wenn alle Trümpfe auf seiner Seite sind, verliert die Schlacht. Man muß es Stalin lassen,
daß er seinen gefährlichsten
Feind mit fachmännischem Können abgewürgt hat.
Trotzki neigte wie viele Intellektuelle dazu, die Macht seiner
verletzenden Feder mit einem Dolch zu verwechseln, der
tötet. Er entfachte in der Presse einen Kleinkrieg gegen
Stalin, er wetterte gegen die Bürokratie des Parteiapparates und
gegen die Hierarchie seiner Sekretäre. Stalin antwortete
zunächst mit leichter Hand. Trotzki greife die alte Garde an
und hetze die Jugend auf. Sinowjew feuerte dann in Stalins
Auftrag das schwere Geschütz ab und bezeichnete Trotzki offen als
Menschewisten, für damalige Zeiten eine ebenso schwere Beleidigung
für einen Kommunisten wie später die Bezeichnung "Trotzkist",
die sogar aus Mangel an schlimmeren Schimpfwörtern im Zweiten
Weltkrieg auf die deutschen Soldaten angewendet wurde. Stalin
startete über den gesamten Parteiapparat eine konzentrische
Offensive gegen Trotzki, die ihre Wirkung gegen den nach Lenin in den
Massen, vor allem aber in der bolschewistischen Intelligenz
populärsten Mann nicht verfehlen konnte. Sehr geschickt
konstruierte er den Gegensatz zwischen Trotzkismus und Leninismus,
wobei er sich als den legitimen Testamentsvollstrecker Lenins empfahl,
noch ehe "der Alte" seine unbequem lange Agonie überstanden hatte.
Auf der ersten Sitzung des
allrussischen Zentralkomitees nach Lenins
Tod kam das "Testament" zur Verlesung, das die Krupskaja vollkommen
geheimgehalten hatte, um ihre Rache an Stalin mit Genuß auskosten
zu können. Es wurde mehr eine peinliche als eine dramatische
Sitzung. Eisiges Schweigen der Versammlung folgte der
Verlesung. Sinowjew und Kamenew beeilten sich zu erklären,
daß die von Lenin geäußerten Befürchtungen
glücklicherweise nicht eingetreten seien, obwohl alle Anwesenden
dem prophetischen "Alten" innerlich recht geben mußten.
Stalin verzog keine Miene. Alles blickte auf Trotzki, der
hätte spüren müssen, daß die entscheidende Minute
seines Lebens gekommen war. Trotzki schwieg.
Damit hatte Stalin das Duell gewonnen. Es wurde gegen den Willen der Krupskaja beschlossen, das Testament nicht zur öffentlichen Diskussion in der Partei zu stellen. Danach wußte nur Stalin, wo sich dieses wichtige Dokument befunden hat - wenn es überhaupt noch existierte. Stalin bereitete in aller Ruhe
die Verfolgung des geschlagenen Feindes
vor. Mit seinen Werkzeugen, Rosenfeld und Apfelbaum, die sich
Kamenew und Sinowjew zu nennen vorzogen, hatte er die unbestrittene
Macht im Politbüro, über Sinowjew auch in der Kommunistischen
Internationale (Komintern), die später von dem bulgarischen
Emigranten Dimitroff geleitet wurde. Die Zentralkommission, die
nicht nur die höchsten Spitzen der Partei, sondern auch sogar die
GPU, kontrollierte, besetzte Stalin mit seinem ergebenen Landsmann
Ordschonikidse. Bei Neuaufnahmen in die Partei sorgte er
dafür, daß keine Trotzkisten sich einschleichen konnten und
bevorzugte die Arbeiter vor den Intellektuellen. Dann war er
darauf bedacht, Trotzki im Kriegskommissariat mit seinen
Vertrauensleuten zu umstellen, denn das Instrument der Roten Armee
mußte dem immer noch gefährlichen Gegner so behutsam
entwunden werden, daß er nicht den Absprung zu einer letzten
Machtprobe finden konnte.
Trotzki machte einen
entscheidenden Fehler in absoluter
Unterschätzung der realen Macht, die sich für Stalin aus der
Beherrschung des Parteiapparates ergab. In dem Vorwort zu einem
neuen Band seiner Werke bezeichnete er nun seinerseits Stalin und seine
beiden Trabanten als Menschewisten und stellte sie als Verräter
während der wichtigsten Tage des Machtkampfes dar. Stalin
antwortete damit, daß er Trotzki als Chef der Roten Armee mit der
Feststellung traf:
"Es ging immer erst gut auf einer Front, wenn Trotzki weg war." So ganz allmählich verschwanden die Bilder Trotzkis aus allen öffentlichen Gebäuden und Auslagen, immer das Zeichen für den politischen oder gar persönlichen Tod eines Großen in der Sowjetunion. Dann ließ Stalin einen Brief von Trotzki aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg veröffentlichen, in dem er erbittert gegen die Bolschewisten vom Leder zieht. In der Roten Armee vollzog sich eine Parteisäuberung, bei der alle Trotzkisten von wichtigsten Posten verschwanden. Im Januar 1925 führte Stalin den entscheidenden Schlag, indem er Trotzki das Kriegskommissariat abnahm. Dafür wurde er Mitglied des Obersten Volkswirtschaftsrates in einer abhängigen Stellung zu dem Vorsitzenden, der Stalin ergeben war. Das Ziel mußte sein, den Widersacher auch aus dem Politbüro zu entfernen. Stalin hatte in seiner Nüchternheit wohl erkannt, daß die bolschewistische Revolution zu erlahmen drohte und daß der Kampf zwischen den führenden Männern die Autorität eines Systems gefährden mußte, dessen tragende Kraft nicht so sehr der Gedanke an sich als die rücksichtslose Dynamik seiner Durchführung war. Es wird wohl kaum je zu erforschen sein, ob Stalin in diesen Jahren von primitiven Machtinstinkten eines Mannes vorwärtsgetrieben wurde, der sich einer gefährlichen und heimtückischen Kräfteballung gegenübersah, oder ob er schon damals erkannte, daß die Verwirklichung kommunistischer Ideologie absoluter Wahnsinn war und nur die brutalste Form der Diktatur mit äußerster Zentralisierung der Machtmittel in der Hand des Stärksten eine proletarische Front mit machtpolitischen Fernzielen aufrichten konnte. Stalin war der Exponent seiner kaukasischen Bevölkerung, die im fortwährenden Krieg gegen das zaristische Rußland ungeheure Opfer gebracht hatte, die sich aber auch der an die Knute gewöhnten Masse Rußlands turmhoch überlegen fühlte. Sicher ist, daß die Diktatur eines Kaukasiers über das unendliche Rußland für Stalin auch einen völkisch bedingten Reiz hatte. Durch die immer weiter gehende Heranziehung von Landsleuten in die Schlüsselstellungen der Macht trieb er eine Art von Revanchepolitik für das, was die kaukasischen Völker unter russischen Gouverneuren, ihrer Ochrana und ihren Kosaken erduldet hatten. Trotzki hatte mit seinem
sezierenden Verstand den schwächsten
Punkt des Triumvirats Stalin-Apfelbaum-Rosenfeld durchschaut.
Diese beiden Herrn (Apfelbaum und Rosenfeld) waren gerissene
Konjunkturpolitiker, und Lenin hatte durchaus nicht unrecht, wenn er
sie nach dem Umsturz voll Verachtung "Streikbrecher und Deserteure"
nannte. Typisch für den Charakter Stalins oder richtiger
für seine Charakterlosigkeit war der Umstand, daß er sich
von diesen Kreaturen zwar gern in den Sattel als Generalsekretär
der Partei helfen ließ, sie aber auch ebenso gern über Bord
warf, als ihre zweifelhafte Anhänglichkeit für ihn
kompromittierend zu werden begann. Nach dem Tode Lenins hatte
zunächst Sinowjew das richtungweisende Hauptreferat auf dem
allrussischen Parteikongreß übernommen, weil Trotzki in
seiner inneren Feigheit sich nicht unnötig politisch exponieren
wollte. Er kämpfte lieber aus dem Hinterhalt mit der spitzen
Waffe seiner Dialektik und hatte aus geistigem Hochmut die Illusion,
daß die Giftpfeile einer genialischen Begabung die durch
Jahrhunderte fest gefügten Mauern des Kreml erschüttern
könnten. So entschloß sich der nur nach dem Erfolg,
nie nach den Mitteln fragende Stalin mit Trotzki, Sinowjew und Kamenew
zu treffen. Diese beiden Männer (Sinowjew und Kamenew) waren
wiederum nicht so naiv, daß sie die heraufziehende Gefahr nicht
erkannten. Sie suchten sich dadurch zu verteidigen, daß sie
zunächst versteckt, dann offen in das Lager der trotzkistischen
Opposition übergingen.
Stalin hatte sie auf den Platz laviert, auf den das Vernichtungsfeuer seiner Rache niedergehen sollte. Auf dem 14. Parteitag um den
Jahreswechsel 1925/26 stieß Stalin
in die prinzipielle Sphäre des Konflikts zwischen ihm und Trotzki
vor. Trotzki war der Internationalist, der mehrere Weltsprachen
fließend beherrschte, der durch die europäischen
Hauptstädte geirrt war und auch in New York agitatorisch Fuß
fassen konnte. Stalin war, abgesehen von kommunistischen
Auslandstagungen, nie aus Rußland und dem Kaukasus herausgekommen
und sah in der Kommunistischen Internationale mehr eine offensive Waffe
des Bolschewismus als das breite Strombett, in das am Tage der
Weltrevolution die Sturzflut des Bolschewismus einmünden
sollte. So vertrat er auf dem 14. Parteitag ganz eindeutig die
Forderung nach einem "nationalen Kommunismus", während Trotzki den
"Kommunismus in einem Land" als eine lächerliche Utopie
hingestellt hatte. Stalin wandte wieder seine alte Taktik an,
sich als Verteidiger der Linie Lenins die Unterstützung der
einbalsamierten Leiche an der Kremlmauer zu sichern. Trotzki
hielt sich nach seiner Gewohnheit vorsichtig im Hintergrund und
überließ den Kampf seinen neuen Freunden Kamenew und
Sinowjew, die von der Autorität der Krupskaja unterstützt
wurden.
Bei der Abstimmung siegte Stalin mit 599:65 Stimmen. Nach diesem klaren Sieg zog Stalin das Würgeband um die Hälse Sinowjews und Kamenews ein Loch enger. Kamenew, der bisherige Vorsitzende, wurde im Politbüro zu einem stellvertretenden Mitglied degradiert und verlor auch den stellvertretenden Vorsitz im Rat der Volkskommissare, also nach europäischen Begriffen die Stellvertretung des Ministerpräsidenten. Er wurde auf den mehr technischen als politischen Posten des Volkskommissars für Innen- und Außenhandel abgeschoben. Sinowjew wurde als Präsident des Sowjets von Leningrad (heute wieder Petersburg) nicht wiedergewählt und damit auch als Leiter der Komintern (Kommunistischen Internationale), die ihren Sitz in Leningrad hatte, politisch entwurzelt. Das Generalsekretariat der Partei hatte sich als die diktatorische Schlüsselstellung erwiesen. Eine bestimmte Gruppe der
Trotzkisten, die nicht ohne Grund politisches
Unbehagen im Genick verspürten, versuchten es mit der
"Verschwörung im Walde", bei der sie durch den hemmungslosen
Zyniker Sobelsohn (Radek) verstärkt wurden, einem Journalisten,
der sich in Genf als Spötter den Ruf eines amüsanten Burschen
ohne bolschewistische Scheuklappen erworben hatte. Zeitweilig hat
Stalin in dieser Periode mit einem Attentat oder gar mit einem
Militärputsch aus den Reihen der Roten Armee gerechnet. Der
Kreml wurde seiner alten Bestimmung gemäß in eine Festung
mit schärfsten GPU.-Kontrollen verwandelt, und Stalin hat es
vermieden, sein befestigtes Hauptquartier zu verlassen.
Inzwischen hatte aber die antitrotzkistische Propaganda im
Parteiapparat gewirkt, und Stalin als politischer Regisseur von letzter
Skrupellosigkeit hatte es erreicht, daß die Trotzkisten in
Versammlungen ausgepfiffen wurden, wenn sie sich zum Wort
meldeten. Die vier Verschwörer erkannten, daß sie mit
zu hohem Einsatz gegen einen Mann mit besseren Karten gespielt hatten.
Sie kapitulierten mit einem öffentlichen Schuldbekenntnis in der "Iswestija". Typisch für Stalin war, daß er nun nicht etwa sich mit dem Sieg begnügte, sondern die politisch waffenlosen Gegner vernichtete. Trotzki, Sinowjew und Kamenew wurden aller Ämter und Würden entkleidet. Die Volksstimmung war so weit gegen die Linksopposition entflammt, daß 1927 beim zehnjährigen Jubiläum bolschewistischer Macht auf das Auto Trotzkis geschossen wurde und die Scheiben seines Wagens in Trümmer gingen. Noch vor dem nächsten Parteitag wurden Trotzki und Sinowjew aus der Partei ausgeschlossen. Auf dem Parteitag selbst machte sich Stalin aber die Forderungen der Opposition zu eigen, kritisierte die Bürokratisierung des ganzen Apparates und ließ zum erstenmal die neue Liste der bolschewistischen Revolution aufleuchten, die in zwei Programmpunkten von entscheidender politischer und wirtschaftlicher Bedeutung gipfelten, in dem beispiellos forcierten Ausbau einer nationalen Rüstungsindustrie durch den Fünfjahresplan und in der Kollektivisierung der Landwirtschaft. Auch das war typisch für die Stalinsche Taktik, den Gegner zu vernichten, seine Argumente aber auszunutzen. Der Parteitag stellte in einer
Resolution fest, daß die
trotzkistische Opposition mit dem Leninismus gebrochen habe und als
menschewistische Gruppe entlarvt sei. Das bedeutete die
Gleichsetzung von Trotzkismus und Hochverrat. Eine neue radikale
Tschistka (Parteisäuberung) war die Folge. Dreißig
Trotzkisten wurden nach zaristischem Vorbild nach Sibirien verbannt,
darunter auch Trotzki, der gewaltsam durch die GPU. aus Moskau nach
einem Nest an der chinesischen Grenze abtransportiert wurde.
Sinowjew und Kamenew durften die Hauptstadt nicht mehr betreten.
Als Trotzki selbst aus 4000 Kilometer Entfernung von Moskau seine
konspirative Tätigkeit fortzusetzen suchte, wurde er am 18. Januar
1929 - wieder nach zaristischem Vorbild - aus dem Gebiet der
Sowjetunion ausgewiesen. Kein zivilisiertes Land wollte den
Schwerverbrecher aufnehmen, bis sich die Türkei innerlich
widerstrebend aber mit Rücksicht auf die Gefährdung durch den
sowjetischen Nachbarn zu diesem Opfer bereit erklärte. Auf
der Insel Prinkipo setzte er seine schriftstellerische Agitation gegen
Stalin fort. Einer seiner Agenten, der durch die Ermordung des
deutschen Gesandten Graf Mirbach in Moskau zu bolschewistischem Ansehen
gekommen war, wurde von der GPU. gefaßt und erschossen.
Nach einem Zwischenspiel in Paris, wo Trotzki den unterschriebenen
Verzicht auf politische Betätigung nicht innehielt, und nach einem
vergeblichen Versuch, in Norwegen Fuß zu fassen, fand er ein Asyl
in Mexiko. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, trotz einer
privaten Leibwache ereilte ihn dort am 22. August 1940 das Schicksal,
dem Feinde Stalins noch nie entronnen sind. Ein junger
Amerikaner, Frankie Jackson, der seit einiger Zeit zu seinen Vertrauten
gehörte, suchte ihn unangemeldet auf, um seinen Rat für die
Abfassung eines Artikels einzuholen. Während der Unterredung
schlug er Trotzki mit seinem schweren Stock den Schädel ein und
jagte ihm noch eine Kugel zwischen die Rippen. Dieser
Kriminalfall ist ebensowenig aufgeklärt worden wie die
Entführungen der weißgardistischen Chefs Kutjepow und
Müller aus Paris, in denen Stalin die Befehlshaber einer
feindlichen Armee sah, die auf ihren Einsatzbefehl zu gelegener Zeit
wartete. Für den sowjetischen Diktator, der von Lenin den
revolutionären Geheimfonds von 50 Millionen Goldrubel geerbt und
durch geschickte Verteilung dieser Riesensumme sich auf alle
Eventualitäten seines risikoreichen Handwerks vorbereitet hat, war
es ein relativ billiges Vergnügen, seinen schlimmsten Feind, den
ewig irrenden Trotzki, auf der andern Seite der Erdkugel endgültig
zu "liquidieren".
![]() Woroschilow und Stalin waren dicke Freunde Auch Nadeschda Konstantinowna
Krupskaja, die politisch leichtsinnige
Witwe Lenins, bekam trotz ihrer großen Popularität die
rächende Hand Stalins zu spüren. Sie hatte sich als
ehemalige Lehrerin der bolschewistischen "Kulturpolitik" angenommen und
die Verbannung aller Bibeln und Korane aus den Bibliotheken war ihr
Werk. Auch die Ewigkeitswerte der klassischen Philosophie wurden
auf ihre Veranlassung auf den bolschewistischen Index gesetzt.
Ihre politische Kaltstellung erfolgte wegen ihrer Opposition gegen die
Stalinsche "Dorfpolitik". In Fortführung ihrer
trotzkistischen Sympathien hatte sie in den 1934 von ihr
veröffentlichten "Memoiren von Lenin" die Personen Trotzki,
Sinowjew und Kamenew günstiger geschildert als es für die
antitrotzkistische Propaganda tragbar war. Auch hier wieder
zeigte Stalin, daß er zu warten versteht, ehe er
zuschlägt. Im Jahre 1935 wurde die Krupskaja
vorübergehend verhaftet, dann wieder 1937, um von da ab den Rest
ihrer Tage unter Hausarrest zu verbringen. Am 27. Februar 1939
starb die verbitterte Frau, die mit Lenin viel Schweres, die Not der
sibirischen Verbannung und das Elend der Emigration geteilt
hatte. Ein feierliches Staatsbegräbnis, bei dem Stalin,
Molotow, Kaganowitsch und Woroschilow mit offiziellen Gramfalten die
Urne trugen, brachte sie um die letzte Chance, als Märtyrerin in
die zweite Periode des bolschewistischen Experiments einzugehen.
Noch vor der Beisetzung hatte Stalin den Nachlaß Lenins durch die
GPU. beschlagnahmen lassen.
Die Führer der
trotzkistischen Linksopposition waren
unschädlich gemacht, nicht aber ihr politisches Erbe, das unter
der Asche weiterschwelte. Ehe Stalin den großen Wurf einer
neuen industriellen und wirtschaftlichen Revolution wagte, rechnete er
auch mit der Rechtsopposition ab, die in mancher Beziehung für den
roten Diktator gefährlicher war. Sein Angsttraum war die
Vorstellung, daß sich die Unzufriedenen im linken und im rechten
Lager eines Tages mit unzuverlässigen Elementen in der Roten Armee
vereinigen könnten. Zur Verhinderung einer solchen
Entwicklung dienten die berüchtigten Schauprozesse, bei denen sich
die Verhafteten der schlimmsten politischen Verbrechen zeigen
mußten, letzten Endes ein propagandistisches Hörspiel, bei
dem bekannte Persönlichkeiten die Rollen der Schauspieler
übernahmen. Auch die Säuberungen im Führerkorps
der "Roten Armee", denen die tüchtigsten Generale der Sowjetunion
zum Opfer gefallen sind, haben ihre Erklärung in dem
unüberwindlichen Mißtrauen Stalins, der überall Verrat
witterte. Der schlaue Kaukasier belog alle andern, aber nicht
sich selbst. Er wußte, daß er die Geduld des
russischen Volkes mit dem Andauern blutigen Terrors und elendester
Lebensbedingungen über das Maß des Erträglichen
belastete. Er bereitete seien Krieg vor, ohne sich im mindesten
um das Schicksal der Menschen zu kümmern.
![]() In der ersten Reihe mit Jacke Kuibyschew, ganz in Weiß Bucharin, hinter ihm mit Spitzbart Muralow, dann Stalin, Molotow und ganz rechts Jenukidse. Die meisten wurden später erschossen. Die führenden Köpfe der Rechtsopposition, Bucharin, Tomski und Rykow, waren keineswegs Verschwörer im Sinne der Trotzkisten, sondern alte erfahrene Revolutionäre Leninscher Schule, die in der neuen "Generallinie" Stalins beim besten Willen nicht die Fortführung der vergleichsweise behutsamen Wirtschaftspolitik Lenins erkennen konnten. Lenin hatte das Steuer zur neuen ökonomischen Politik herumgeworfen, als der Kriegskommunismus mit einer Hungerkatastrophe zu enden drohte, den kleinen Privathandel wieder belebt und einen Burgfrieden mit den mittleren Bauern geschlossen. Bucharin, der bolschewistische Theoretiker, warnte in vorsichtiger Form vor einem überhitzten Tempo der Industrialisierung und wies auf die klägliche Ernährung der Bevölkerung hin, die keine gefährlichen Experimente dulde. Rykow wurde deutlicher und verlangte in einer Rede vor dem Parteiplenum die vorläufige Erhaltung der privaten Bauernwirtschaft. In der hungernden Bevölkerung der Hauptstadt fand er naturgemäß starken Anklang und auch im Moskauer Parteigremium hörte man auf die mahnenden Stimmen der Rechtsopposition. Stalin operierte wiederum sehr
vorsichtig. In seiner ersten Rede gegen die Rechtsopposition gab
er sich den Anschein, als ob er die maßgebenden Exponenten dieser
Richtung vor Mißdeutungen in Schutz nehmen wolle, behauptete
aber, daß die Verwirklichung ihrer Ansichten zur
Wiederherstellung des Kapitalismus und damit zum Zusammenbruch der
Revolution führen müsse. In seiner zweiten Rede wurde
er deutlicher und stellte unter Berufung auf Lenin den Grundsatz auf,
daß man entweder den technischen Stand der kapitalistischen
Länder einholen und überholen müsse oder daß die
Sowjetunion eines Tages von diesen kapitalistischen Ländern
zermalmt werden würde. Die Vorstellungswelt der
Rechtsabweichung erklärte er für kleinbürgerlich, ein
diffamierender Vorwurf nach bolschewistischer Auffassung. Seine
Kampfansage galt aber den Gedanken, nicht den Männern. Sie
wurden auch zunächst nicht aus dem Politbüro ausgeschlossen,
aber doch empfindlich gemaßregelt, als sie um ihre Entlassung
baten, ein beispielloser Vorgang im kommunistischen
Staatsapparat. Rykow war nicht nur Ministerpräsident der
Sowjetunion, sondern auch des russischen Bundesstaates im Rahmen dieser
Union, und von diesem Posten wurde er von einem Parteisekretär
verdrängt. Das war eine ernste Warnung, die von Rykow auch
so aufgefaßt wurde. Bucharin wurde aus dem Präsidium
der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen. Tomski wurde
seiner Stellung als Führer der Gewerkschaften enthoben, deren
politisches Eigenleben damit aufhörte, und auf einen technischen
Posten abgeschoben. Bald darauf folgte der zweite Schlag.
Durch Beschluß des Zentralkomitees wurden die drei Männer
der alten revolutionären Garde nun auch aus dem Politbüro
entfernt. Sie beeilten sich, dem Beispiel der Linksopposition zu
folgen und sich als reuige Sünder für den Kampf gegen jede
Abweichung von der Generallinie zur Verfügung zu stellen.
Stalin hatte auf der ganzen Linie gesiegt.
Es gab im bolschewistischen Reich keine anderen Götter neben ihm. von S. Mueller |
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