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Die Strategien
der großen
Mächte im Zweiten Weltkrieg |
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(Quelle: DMZ Nr.52 Juli-August 2006 von H.Magenheimer) Man
kennt zwar die Vorgeschichte, den Verlauf und die Hintergründe des
Zweiten Weltkriges mehr als ausfürhlich, doch droht angesichts der
Überfülle an Einzelheiten der Überblick über das
Große und Ganze außer Sicht zu geraten. Es lohnt sich
also, die Wechselwirkung zwischen Kriegszielen, Strategien und
Konstellationen agierender Mächte in den Mittelpunkt zu stellen.
Das Kriegsziel Deutschlands war unmittelbar nach dem 1. September 1939 auf die Niederwerfung Polens und die Abwehr eines befürchteten Angriffs der Allierten gegen den Westwall gerichtet. Weitere Zielsetzungen bestanden entgegen den Thesen einzlner Historiker, die einen "Stufenplan" Hitlers voraussetzten, zunächst nicht. Die deutsche Kriegsführung glich eher einer Improvisation, was schon durch die mangelnde Rüstungskraft unterstrichen wird, die für einen längeren Krieg nicht ausreichte. Der Plan zum Angriff im Westen reifte erst nach Überwindung von Widerständen innerhalb der Führungsspitze heran. Isolierung Deutschlands Die Westmächte,denen von vorherein bewußt war, daß sie Polen nicht direkt unterstützen konnten, verfolgten eine defensive Langzeitstrategie, die auf Isolierung und Abnutzung Deutschlands setzte. Die Forderung an Berlin nach Wiedererrichtung Polens war gänzlich unrealistisch, nachdem die Sowjetunion nach dem 17. September die Osthälfte des Landes besetzt hatte. Die Flankenmächte USA und Sowjetunion blieben in Wartestellung mit dem Kriegsziel, möglichst vieleVorteile aus dem Krieg in Westeuropa zu schlagen. Moskau konnte als "Schiedsrichter Europas" um so mehr gewinnen, je ärger sich die Kontrahenten erschöpften. Die USA hingegen würden England und Frankreich um so mehr in Abhängigkeit bringen, je länger der Krieg dauerte, und am Ende würden die USA als einzige Weltmacht aus dem Konflikt hervorgehen. Beide Flankenstaaten hatten freie Hand und konnten ihre Strategie der jeweiligen Lage anpassen. Der schnelle Sieg der Wehrmacht in Westeuropa ab dem 10. Mai 1940 festigte zwar die Position Deutschlands, erreichte aber nicht das erstrebte Kriegsziel, das in einem Ausgleichsfrieden mit Großbritannien bestand. Eine Ausweitung des Krieges lag nicht im Sinne Deutschlands, besonders unter dem Aspekt der Rüstungskraft. Die britische Führung ging nicht auf die deutschen Friedensfühler ein, obwohl die aufgrund der Umstände logisch und naheliegend gewesen wäre, sondern wählte den Kampf um jeden Preis. Churchill folgte einer irrationalen Strategie, setzte den Bestand des Empire aufs Spiel und versuchte vergeblich, eine zweite Front gegen Deutschland zu errichten. Sein Kriegsziel lautete, die Vormacht Deutschlands in Mitteleuropa ein für allemal zu brechen und dafür keine Opfer zu scheuen. Damit hatte der Krieg eine unerwartete Verschärfung erfahren. Roosevelt unterstützte zwar England nach Kräften mit Rüstungsgütern, betrieb aber dessen Machtverlust und wahrte den Vorteil, der mit dem Zerfall des britischen Empire einherging. Ab Anfang 1941 brachte er die USA schrittweise auf Kriegskurs. "Germany first" Inzwischen begann sich die Sowjetunion, die mit den "Blitzsiegen" der Wehrmacht in Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich nicht gerechnet hatte, auf einen Krieg mit Deutschland einzustellen. Sie erweiterte im Juni/Juli 1940 ihren Machtbereich im Baltikum und in Rumänien. Stalin gab die bisherige Strategie des "unbeteiligten Dritten" auf und wählte die Konfrontation unter gewaltigen Vorbereitungen und mit einem Offensivaufmarsch, da ihm ein Krieg gegen Deutschland unvermeidlich erschien. Da Deutschland direkte Strategie gegen Großbritannien in der Luftschlacht über England gescheitert war und seine Rückenfreiheit zunehmend bedroht erschien, fiel im Winter 1940/41 Hitlers Entschluß zu einem "strategischen Zwischenschritt": Niederringung der Sowjetunion und erst dann Schlußkampf gegen England. Eine Ausweitung des Krieges in den Mittelmeerraum käme erst nach dem Sieg über die Sowjetunion in Betracht. Eine mögliche, aber kaum weniger riskante Alternative hätte in der Beschränkung auf die Defensive an der Ostgrenze und in einer zweiten "Schlacht um England" samt einer Invasion bestanden. Das Besondere an der Strategie gegen die Sowjetunion lag darin, daß sie den Zweifrontenkrieg in Kauf nahm, um einer noch größeren Gefahr zu entgehen, nämlich dem mittelfristig drohenden Angriff der Roten Armee, vielleicht sogar im Bunde mit England. Man beschritt also einen gefährlichen Umweg, um den Krieg im Westen erfolgreich zu beenden. Dort drohte früher oder später das Eingreifen der USA, da Roosevelt ungeachtet der Konfrontation mit Japan dem Prinzip "Germany first" folgte, besonders nach seinem Schießbefehl an die Atlantikflotte vom 11. September 1941. Der erste strategische Sündenfall Deutschlands Der deutschen Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 machte zwar deren bisherige Strategie zunichte, verschaffte aber Churchill den heißersehnten Verbündeten. Das "Unternehmen Barbarossa" litt einerseits an der Unterschätzung des Gegners, den man quasi im Schnellverfahren niederkämpfen wollte, andererseits am strategischen Alleingang ohne die Hilfe Japans, das sehr wenig Interesse an einer Kriegsbeteiligung zeigte. Dies bedeutete den ersten strategischen Sündenfall der Dreierpaktstaaten. Hitler bedauerte 1945 rückblickend dieses Versäumnis heftig, denn er meinte, daß es die USA nach einem gemeinsamen Sieg über die UdSSR nicht gewagt hätten, auf der Seite Englands einzugreifen. Der Krieg in Osteuropa wurde von Grausamkeiten überschattet und nahm den Charakter eines Existenzkampfes an, wobei das politische Ziel in der Zerschlagung der UdSSR und der Ausbeutung des Landes lag. In Japan betrachtete man hingegen die USA als Hauptfeind. Nach der Verhängung des Wirtschaftsembargos gegen Japan am 1. August 1941 stand das Land vor der Wahl zwischen Krieg oder Hinnahme des Diktats. Die Strategie Japans setzte auf einen Sieg zur See und die Gewinnung einer starken Rohstoffbasis in Südostasien, um dann einen Ausgleichsfrieden zu erwirken. Roosevelt hielt weiter an seinem Kriegsziel fest, das in der Niederwerfung Deutschlands und der Entmachtung Englands bestand, und nahm dafür auch die Gegnerschaft Japans in Kauf; solcherart bot sich nämlich die Chance, mit Deutschland in Kriegszustand zu geraten. Durch die Entschlüsselung des japanischen Geheimcodes war Roosevelt über die diplomatischen Schritte des Gegners informiert und überließ bewußt Japan die Kriegseröffnung. Weltweite Dimension des Krieges Mit der Wende vor Moskau im Dezember 1941 und dem japanischen Angriff auf die amerikanische Flotte in Pearl Harbour hatte der Krieg weltweite Dimensionen angenommen. Auch die zweite Flügelmacht war nun voll am Krieg beteiligt, auch wenn sie ihre Anstrengungen zunächst auf Japan konzentrierte. Die deutsche Kriegserklärung an die USA erfolgte gemäß der Überlegung, daß ein Krieg mit den USA ohnehin unvermeidlich geworden wäre und daß zunächst Japan die Hauptlast des Kampfes zu tragen hätte; zumindest müsse man 1942 noch kein Eingreifen amerikanischer Truppen in Europa befürchten. Die Staaten des Dreimächtepaktes begingen 1942 den zweiten strategischen Sündenfall: Sie zogen keine Lehre aus den Fehlschlägen des Vorjahres, sie bündelten nicht ihre Kräfte, sondern führten einen Parallelkrieg, indem Deutschland in Rußland und Japan im Pazifik die Offensive ergriff, während Italien keine strategischen Inititativen setzte. Der sogenannte "Große Plan" vom Februar 1942, gemeinsam mit Japan die britischen Positionen im Nahen und Mittleren Osten anzugreifen, blieb im Ansatz stecken, da die deutsche Führung auf ein Schwergewicht in Nordafrika und im Mittelmeer verzichtete. Die Wehrmacht ging im Sommer 1942 im Osten von der Niederwerfungs- und Ermattungsstrategie über, während die japanische Strategie nur auf ein Remis abzielte, das aber nach der Niederlage in der Seeschlacht bei Midway am 4. Juni in Frage gestellt war. Die Dreibundmächte kämpften also nicht mehr um den Sieg, sondern um die Festigung ihres Machtbereiches, was ein stilles Eingeständnis ihrer strategischen Schwäche bedeutete. Eine schleichende gegenseitige Entfremdung kam noch hinzu. Die deutsche Führung wollte sich die Verschlechterung der Lage im Herbst 1942 nicht eingestehen, obwohl die Offensiven in Südrußland bei Stalingrad und im Kaukasus beziehungsweise in Ägypten zum Erliegen gekommen waren. Sie verfolgte noch Ende 1942 offensive Ziele, als sich schon die Niederlagen in Südrußland und in Nordafrika auswirkten und die strategische Defensive geboten erschien. Der "Große Vaterländische Krieg" Das Kriegsziel der Sowjetunion bestand in der zweiten Jahreshälfte 1941 bloß darin, das Überleben des Regimes und die staatliche Existenz zu retten. Erst nach dem Sieg vor Moskau verschob sich das Ziel im "Großen Vaterländischen Krieg" in Richtung einer Zurückgewinnung des Besitzstandes vor dem 22. Juni 1941, wobei auch die Möglichkeit eines Sonderfriedens mit Deutschland nicht ausgeschlossen wurde. Erst die militärischen Erfolge der Roten Armee und das Ausbleiben einer "zweiten Front" in Westeuropa 1943 bekräftigten die Absicht Stalins, seine Kriegsziele weit nach Westen vorzuschieben und auch solche Nationen unter seine Herrschaft zu bringen, die vor 1939 in Unabhängigkeit gelebt hatten. Anfang 1943 nahmen die Westalliierten einen wesentlichen Wechsel in ihren Kriegszielen vor: Man strebte nicht mehr nach der Entmachtung Deutschlands und der Herstellung der Verhältnisse vor Kriegsbeginn, sondern zielte auf die vernichtende Niederlage und rigorose Bestrafung des Gegners ab. Die Kriegsführung erhielt deutlich die moralisierenden Züge eines "Kreuzzuges". Die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation und die Direktive vom 21. Januar 1943, die den uneingeschränkten Luftkrieg verfügte, schloß jede Möglichkeit von Verhandlungen aus. Wollten die Achsenmächte weiterkämpfen, mußten sie entsetzliche Verluste und Verwüstungen in Kauf nehmen. Der ab Frühjahr 1943 eskalierende Bombenkrieg nahm an vielen Stellen Vernichtungscharakter gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung an. Zeitweise strebten die englischen Bomberkräfte das Ziel an, so riesige Verwüstungen in Deutschland anzurichten, daß der Krieg auch ohne eine Invasion in Frankreich zu gewinnen wäre. Angriff auf die "Festung Europa" Nachdem die Alliierten in der Atlantikschlacht gesiegt hatten und im Sommer 1943 ihre Angriffe gegen die "Festung Europa" begannen, stand fest, daß die Achsenmächte viel zu spät die Defensive gewählt hatten. Auch die Schlacht um Kursk im Juli 1943 entsprang noch dem Offensivdenken, wogegen das Kräfteverhältnis eine andere Strategie empfohlen hätte. Trotz örtlicher Abwehrerfolge erlitt die Wehrmacht in der Folge an der Ostfront schwere Rückschläge und vergab somit die Chance auf ein strategisches Unentschieden, wie es manche Befehlshaber vor Augen hatten. Auch die Chance eines Separatfriedens mit Stalin wurde nicht genutzt, da Hitler nicht aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln wollte. Auf seiten der Westalliierten stand zwar das Kriegsziel fest, doch war man sich über die Strategie lange Zeit uneinig: Während die amerikanische Generalität den direkten Angriff gegen Westeuropa mittels einer Invasion befürwortete, lehnte dies der britische Generalstab aus Vorsicht ab und wollte zunächst Italien erobern und auf dem Balkan landen. Schließlich einigte man sich auf die Invasion in Frankreich erst im Frühjahr 1944, was die Beziehungen zu Stalin schwer belastete. Die mit überwältigender Übermacht geführte alliierte Landung in der Normandie im Juni 1944 sowie die katastrophalen deutschen Niederlagen an der Ostfront im Sommer 1944 bewirkten, daß der Krieg für Deutschland nach menschlichem Ermessen verloren war. Im Falle Japans trat dieser Umstand erst nach der Niederlage in der Schlacht um die Philippinen Ende 1944 ein. Die letzte deutsche Offensive in den Ardennen entsprang dem verzweifelten Versuch, nochmals alles auf eine Karte zu setzen, die letzten strategischen Reserven aufzubieten und dafür andere Fronten zu vernachlässigen. Der Angriff hatte jedoch zur Folge, daß die sowjetische Generaloffensive im Januar 1945 auf eine geschwächte Ostfront stieß, diese binnen weniger Tage zerstrümmerte und im Sinne Stalins die Eroberung der deutschen Ostgebiete in kurzer Zeit ermöglichte. Kampfkraft und wendige Führung Zusammenfassend fällt auf, daß sich die Kriegsziele der beteiligten Hauptmächte mit Ausnahme Japans im Laufe der Ereignisse wesentlich veränderten. Die auf einen raschen Sieg im Westen eingestellte Strategie Deutschlands wollte weder das britische Weltreich zerschlagen, noch gegen die übermächtigen USA Front machen, wenn man auch im nachhinein den Deutschen entsprechende Kriegspläne unterstellte. Allen Beteiligten unterliefen arge strategische Fehler, die sich aber die Alliierten aufgrund ihrer Überlegenheit an Menschen und Material viel eher leisten konnten als die Gegenseite. Die deutsche Seite konnte einige Zeit hindurch ihre strategische Unterlegenheit durch Kampfkraft und wendige Führung auf taktischer und operativer Ebene ausgleichen. Dieser Ausgleich gelang so lange, bis Fehlentscheidungen an oberster Stelle und die Übermacht der Gegner den Ausschlag gaben. Entscheidungen über Sieg oder Niederlage fallen auf geistiger Ebene, lange bevor sie auf dem Kriegsschauplatz wirksam werden, und sie sind nur sehr schwer zu korrigieren. |
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