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Deutsches
Kriegsgefangenenlager
"AUS" |
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(Quelle: Manuskript "AUS 1915-1919" - Herausgegeben vom Rat für Nationale Denkmäler) (Alle Bilder und Karten aus dem Manuskript "AUS 1915-1919") Errichtung, Bestehen und Schließung des Kriegsgefangenenlagers bei Aus Am 9. Juli 1915 gehörte
der Erste Weltkrieg für das ehemalige
deutsche Schutzgebiet Südwestafrika (heute Namibia) der
Vergangenheit
an. An diesem Tag wurde bei Kilometer 500, nördlich von
Otavi,
der Kapitulationsvertrag unterzeichnet, infolge dessen sich die
deutschen
Truppen in Südwestafrika, die bei Khorab zusammengezogen waren,
den
Streitkräften der Union von Südafrika ergaben.
General
Louis Botha unterzeichnete den Vertrag im Namen der
Streitkräfte der südafrikanischen Union,
während Gouverneur Theodor
Seitz und der deutsche Kriegsbefehlshaber, Oberstleutnant Victor
Franke,
im Namen der Deutschen unterschrieben.
Obwohl die Beteiligten sich damals noch nicht dessen bewußt waren, war der Vertrag des 9. April 1915 der Anfang einer Phase großer Menschenwürde in der Geschichte Südwestafrikas. Infolge der Paragraphen 3 und 8 des Vertrages waren alle Unteroffiziere und Mannschaften der aktiven deutschen Truppe und der Landespolizei Kriegsgefangene bis in Europa und an anderen Fronten Frieden geschlossen wurde. Interessant an dem Vertrag ist, daß den Kriegsgefangenen gestattet wurde, ihre Handwaffen zu behalten. Es ist jedoch verständlich, daß dies nicht für die Munition galt. ![]() Im Norden wurde die Kapitulation
geschlossen und im Süden des Landes, dann ein
Kriegsgefangenenlager
eingerichtet
Zuerst gab es in
Südwestafrika zwei Kriegsgefangenenlager.
In dem Lager bei Okanjade bei Otjiwarongo wurden ein paar Offiziere der
aktiven deutschen Truppe und der Polizei gefangengehalten, da sie sich
weigerten, bei ihrem Ehrenwort zu versprechen, daß sie nach ihrer
Freilassung an einem bestimmten Ort ihrer eigenen Wahl wohnen
würden.
Es wurde beschlossen, ein paar Kilometer östlich von Aus, im
Süden Südwestafrikas, ein Lager für die Unteroffiziere
und Mannschaften der aktiven deutschen Truppe und der Landespolizei zu
errichten. Dieser Beschluss hatte zur Folge, dass dieser einsame
und abgelegene Teil dieses Landes in der Geschichte eine Rolle spielte,
die noch heute unsere Phantasie fesselt und von uns bewundert wird.
Zunächst wundert man sich, dass das Kriegsgefangenenlager ausgerechnet bei Aus errichtet wurde, vor allem da das Gebiet um das Dorf Halbwüste ist und die Namib jenseits der Hügel westlich von Aus beginnt. Aus war während des Südwestafrikafeldzuges für sowohl die deutschen Verteidiger als auch die südafrikanischen Angreifer strategisch sehr wichtig. Es war nur eine Stunde entfernt von den beiden wichtigsten Bahnstationen auf der Strecke zwischen Keetmanshoop und Lüderitz Bucht. Obwohl die Deutschen Aus verbissen verteidigten, besetzte Brigadier Duncan Mackenzie, der sechs Monate vorher mit seinen Truppen in Lüderitz gelandet war, das Dorf gegen Ende März 1915. Es ist für die Wirtschaft eines Landes, das sich im Krieg befindet, eine Last, ein Kriegsgefangenenlager zu unterhalten. Die deutsche Kapitulation bei Kilometer 500 machte es den Streitkräften der Union möglich, sich ganz dem Feldzug in Ostafrika zu widmen. Aus wirtschaftlicher Sicht war die Wahl von Aus als Kriegsgefangenenlager fast natürlich. Gegen Juni 1915 gab es noch keine Eisenbahnverbindung zwischen der Union und Südwestafrika, während die Eisenbahnlinie zwischen Lüderitz und Keetmanshoop zu diesem Zeitpunkt nur bis Aus repariert worden war. Vorräte und andere Ausrüstung für das Lager bei Aus konnten also ohne Schwierigkeiten per Schiff von Kapstadt nach Lüderitz transportiert werden, und von dort aus wurden sie dann mit der Eisenbahn nach Aus gebracht. Für Aus, ein kleines Dorf mit ungefähr zwanzig Häusern, zwei Hotels und einem halben Dutzend Läden und Lagerräumen, begann nun eine Zeit reger Tätigkeit. Ungefähr zwei Wochen nach der Kapitulation der Deutschen, am 21. Juli 1915 wurden 797 deutsche Kriegsgefangene per Bahn von Otavi nach Aus gebracht. Sechs Tage später, am 27. Juli 1915, meldete Brigadier H.T. Lukin, der für die Durchführung des Kapitulationsvertrages verantwortlich war, daß der letzte Kriegsgefangenenzug an diesem Tag Tsumeb verlassen habe und nach Aus unterwegs sei. Die Deutschen hätten ihre Stellungen bei Khorab geräumt. Zur gleichen Zeit wurden fünf Kompanien des "South African Veteran Regiment" (SAVR) und 960 deutsche Kriegsgefangene per Bahn von Kimberley nach Kapstadt gebracht. Dieses SAVR-Kontingent und die deutschen Kriegsgefangenen wurden per Schiff nach Lüderitz transportiert, und dann mit der Bahn bis nach Aus. Von diesen 960 Kriegsgefangenen wurden jedoch nur 253 im Lager bei Aus aufgenommen; die anderen waren deutsche Reservisten und mußten deshalb freigelassen werden. Das SAVR war eine Einheit Freiwilliger, die ausschließlich zur Bewachung von Kriegsgefangenenlagern gegründet worden war. Gegen Mitte August 1915 waren insgesamt 1552 Kriegsgefangene und ungefähr 600 Offiziere und Mannschaften der SAVR-Garnisonseinheit bei Aus untergebracht. Drei Offiziere der aktiven deutschen Truppe begleiteten die Kriegsgefangenen nach Aus, und wohnten auch im Lager. Sie waren Hauptmann Berlin, Hauptmann Mannhardt und Hauptmann von Münstermann, und waren jeweils für die Kriegsgefangenen der Artillerie, der Landespolizei und der Kavallerie verantwortlich. In den Unterhandlungen zwischen Oberstleutnant Franke und General Botha vor der Unterzeichnung des Kapitulationsvertrages, war Oberstleutnant Franke der Meinung, daß diese Offiziere dem Kommandanten des Lagers bei Aus viel helfen könnten, da sie die Disziplin unter den Kriegsgefangenen erhalten würden. Infolge Paragraph 3 des Kapitulationsvertrages unterstanden sie dem Befehl des Lagerkommandanten, und hatten auch keine Vollmacht, Kriegsgefangene zu bestrafen. Im November 1915 klärte der Verteidigungssekretär der Union ein Mißverständnis in diesem Zusammenhang. Oberstleutnant Franke, der seit der Kapitulation auf der Farm Okawayo bei Karibib wohnte, erhielt regelmäßig vom rangältesten der drei Offiziere Berichte über die Zustände im Lager. Zuerst war Hauptmann Berlin der rangälteste Offizier, aber er mußte im Januar 1916 das Lager aus Gesundheitsgründen verlassen und wurde von Leutnant von Lossnitzer abgelöst. Daraufhin wurde Hauptmann Mannhardt rangältester Offizier. Der erste Lagerkommandant und Befehlshaber der Garnison war Oberstleutnant W.H. Scarth. Gegen Ende 1915 wurde er von Major R.A. Hawkins abgelöst, der wenige Monate später zum Oberstleutnant befördert wurde. Jeder sah ein, daß die Aufgabe eines Lagerkommandanten nicht einfach war. Er war verantwortlich für das Wohlergehen von mehr als 2000 Menschen, die fast vier Jahre lang auf einem unwirtlichen und windigen Fleckchen Erde bei Aus untergebracht waren. Es war eine Aufgabe, die große Mühe und viel Umsicht erforderte. Die Unterbringung stellte sicherlich das größte Problem dar. Die Kriegsgefangenen wohnten in Biwak- und Bell-Zelten, die Offiziere in einer Holzhütte. Das Klima bei Aus wechselte von einem Extrem zum anderen, und die Kriegsgefangenen waren sehr bald mit ihren Zelten unzufrieden. Hauptmann J.H.H. Joubert, der eine Zeitlang als Sanitätsoffizier bei Aus stationiert war, schrieb im Januar 1916 folgendes über das dortige Klima: "... there seems to be no prevailing wind, and the wind may blow from three to four different directions in ...24 hours, and vary from a calm to a storm. Dust and sand-storms are very frequent, and the occupants are often smothered in the sand. The temperature varied in September (1915) from 100 degrees Fahrenheit in the tents to freezing point. During one week there was snow, sleet ... rain ... mist, heat ... sandstorm ... According to the experience of our troops who are stationed here during the winter, ice and frost are of nightly occurrence." Unter solchen Umständen war es bestimmt nicht angenehm, in Zelten zu wohnen. Deshalb baten die Kriegsgefangenen bald, daß das Lager nach einem anderen Ort mit milderem Klima verlegt werden möchte. Sollte dies nicht möglich sein, forderten sie ab sofort bessere Unterkünfte. Sie waren bereit, ihre Baracken und Küchen selbst zu bauen; sie benötigten nur die Baumaterialien und Werkzeuge. Es war eine ernste Angelegenheit, und sogar der amerikanische Generalkonsul, G.H. Murphy, wies den damaligen Generalgouverneur der Union, Lord Buxton, darauf hin. Nichts geschah. ![]() Die Ziegler
Die Kriegsgefangenen waren
somit auf sich selbst angewiesen und sahen
dies als eine Herausforderung.
Sie fingen einfach an, ihre eigenen Unterkünfte zu bauen. Das war der Anfang des ordentlich angelegten Kriegsgefangenendorfes, das allmählich bei Aus entstand. Im Lager wurden ungebrannte Sandsteine hergestellt, und damit bauten sie Häuser, Küchen und Messen in verschiedenen Formen und Größen. Manche Häuser wurden innen und außen mit verschiedenen Farben gestrichen. In einem Brief an den Verteidigungssekretär der Union schrieb der Administrator Südwestafrikas, E.H.L. Gorges im Mai 1916, dass die Kriegsgefangenen sehr stolz auf ihre Arbeit seien. Ein gewisser Oberstleutnant Hayden, der das Lager im Februar 1916 besichtigte, war von dem Auftreten der Kriegsgefangenen sehr beeindruckt. "I was glad to observe" berichtete er, "that the prisoners had made an enormous number of bricks, practicaly without straw but still serviceable and had built a fair number of comfortable mess-rooms and kitchens, and the building of huts for the men was going apace.... Many were roofed with the remains of the bivouac tents previously issued to them, and any of the completed huts was a comfortable abode..." Hauptmann Richardson schrieb 1917 folgendes über die Dächer der Kriegsgefangenenhäuser: " Nothing in the way of tin containers is wasted. Milk and jam tins have the bottom carefully knocked out. The soldering is removed and the tin then flattened out, turned over at the ends and joined to other pieces until there is a sufficient length to stretch over the roof. Similar pieces side by side make a serviceable tiled roof." In einem Bericht an Oberstleutnant Franke meldete Hauptmann Manhardt, dass alle Kriegsgefangenen gegen Ende April 1916 ein Dach über dem Kopf hatten und dass zu diesem Zeitpunkt keine Zelte mehr gebraucht wurden. ![]() Häuser der Kriegsgefangenen
Die Kriegsgefangenen richteten
ihre Häuser so bequem wie nur
irgendwie möglich ein; manche legten sogar Blumengärten
an.
Andere pflanzten Sträucher und Pflanzen in Petroleumbehälter
und stellten diese vor ihre Häuser.
Heute, 89 Jahre nach Errichtung des Lager, sind nur noch die Ruinen sichtbar. Wenn man genauer hinsieht, fällt auf, dass der Boden mancher Häuser etwas tiefer liegt als die Erdoberfläche. Die Dächer mancher Hütten ragten zum Teil nur etwas über die Erdoberfläche hinaus. Der Baustil der Kriegsgefangenenhütten war einmalig. Es war ein Aus-Kriegsgefangenenlagerstil - einmalig in der Geschichte der Architektur in Südwestafrika. Manche Kriegsgefangene bauten Häuser mit interessanten Giebeln, andere bauten ihre Häuser aneinander und erweckten somit den Eindruck, dass es sich hier um kleine, unabhängige Gemeinschaften handelte. ![]() Wohnung eines eifrigen
Gärtners
![]() Die stolzen Kriegsgefangenen vor
ihren Häusern
Die Geschichte der Garnison,
die bei Aus stationiert war, ist genauso
bedeutungsvoll wie die des Entstehens des Kriegsgefangenendorfes.
Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen waren die Mitglieder dieser
Garnison mit wenig zufrieden. Trotz den unangenehmen Klimas taten
sie kaum
etwas, um bessere Unterkünfte zu bekommen, und wohnten weiterhin
in
ihren Zelten. Außer dem Lagerkommandanten, der in einer
Hütte aus Holz und Wellblech wohnte, war die ganze Garnison gegen
Januar 1916 noch immer in Zelten aus dünnem Segeltuch
untergebracht.
Der Zahlmeister der Garnison war hiermit nicht zufrieden, und im Mai 1916 schrieb er dem Sekretär des Protektorats, dass er dringend bessere Büroräume benötigte: "Work being performed in a dilapidated and much worn tent full of holes. At this time of the year, the wind blows incessantly, a dense cloud of dust and sand, which lies thickly over the tables and papers, clogs the ink wells and renders the... writing out of pay lists almost an impossibility." ![]() Der Boden
mancher
Häuser lagen tiefer als die Erdoberfläche
Ein Angebot des Departement
für öffentliche Bauten, den
Unteroffizieren und Mannschaften der Garnison Baumaterialien zur
Verfügung
zu stellen, damit sie ihre eigenen Unterkünfte bauen konnten,
wurde
zurückgewiesen.
Nach Oberstleutnant Hawkins wollten sie lieber auf unbeschränkte Zeit in Zelten wohnen als in großen Gruppen in Baracken zusammengepfercht zu werden. Der Sekretär des Protektorates, der das Lager im Juni 1916 besuchte, machte sich wegen der Unterkünfte der Garnison Sorgen. Viele Soldaten hatten sich schon kleine Hütten aus Sackleinen gebaut. Diese Hütten sahen nicht nur unschön aus, sie boten auch keinen Schutz gegen das kalte Winterklima. 1916 wurden dann doch ein Büro für den Lagerkommandanten, eine Bäckerei, eine Offiziersmesse und ein Gemeinschaftsraum errichtet, aber keine Unterkünfte für die Unteroffiziere und Mannschaften. Im gleichen Jahr wurde in jeder Ecke des Lagers ein Wachraum gebaut. Es ist ironisch, dass die Kriegsgefangenen die ungebrannten Steine hierfür lieferten, 1000 Steine für 10 Schilling. Das SAVR hatte einen sehr schlechten Ruf, und die Soldaten dieses Regimentes waren im allgemeinen nicht das, was man sich unter einem Soldaten vorstellt. Die Rekruten, die von der Garnison angenommen wurden, waren größtenteils zum aktiven Dienst in Ostafrika oder Europa untauglich. Männer, die an Krankheiten wie Rheumatismus oder Senilität litten, wurden jedoch von der Garnison angenommen, da das Anwerben neuer Rekruten für das SAVR immer mehr zum Problem wurde. Es gab in der Garnison immer zuwenig Offiziere, und dies verschlimmerte den Zustand noch mehr. Junge Offiziere wurden nach Aus versetzt, aber sie hatten nicht genug Erfahrung, um die dort nötige Disziplin zu handhaben. Administrator Gorges besuchte das Lager im Januar 1916, und Oberstleutnant Hawkins erklärte ihm, dass die Amtsrichter, die in der Union als Werbeoffiziere auftraten, nur "Nichtsnutze" für die Garnison warben. Manche Rekruten, die nach Aus geschickt wurden, konnten nicht einmal ein Gewehr halten. Dies konnte nicht auf unbeschränkte Zeit so weitergehen. Gorges war der Meinung, dass der Name SAVR geändert werden sollte. Er fand, dass das Wort "Veteran" gute Rekruten davon abhielt, sich der Garnison anzuschließen. Am 13. Juli 1916 verkündete der Verteidigungsminister, dass die Garnison künftig "Protectorate Garrison Regiment" (PGR) heiße. Die Namensänderung wirkte jedoch auch nicht. Die Werbung und die Qualität der Rekruten blieben weiterhin ein Problem. So kamen zum Beispiel gegen Ende November 1916 126 Rekruten nach Aus, von denen 40 sofort für dienstuntauglich befunden und in die Union zurückgeschickt wurden. Die Kriegsgefangenen fanden das "Garnisonsproblem" lächerlich. Dass es in ganz Südwestafrika bekannt war, bewies der Administrator in einem Brief an den Verteidigungsminister der Union: "A picture postcard, entitled `Wache zu Aus`, which had for some time a considerable... circulation in the Protectorate, in which an armed and sleeping soldier was decipted sitting on a paraffin tin outside a barbed wire fence, is indicative of the estimation in which the Regiment is held by the German public." Die Garnison, die aus 687 Soldaten hätte bestehen sollen, hatte wegen Entlassungen, Versetzungen und Werbungsproblemen nie genug Mitglieder. Am 2. Januar 1916 waren es 605 Mitglieder, im Februar 1917 643 und am 21. Juni desselben Jahres 642. Am 28. Juni 1917 wurde beschlossen, die Garnison in vier Kompanien aufzuteilen; ab dann sollte sie aus 18 Offizieren und 551 Unteroffizieren und Mannschaften bestehen. Im September 1916 meldete Hauptmann J.B. Knobel, der zu jenem Zeitpunkt Sanitätsoffizier in Aus war, Oberstleutnant Hawkins, dass die Kriegsgefangenen seiner Meinung nach sehr gesund und sportlich seien. Bis April 1917 starben nur fünf von ihnen. Da ab und zu Sand im Essen war, und das Essen außerdem zuwenig natürliche Fette enthielt, gab es am Anfang Blinddarmentzündungen. Später fand man, dass die Kriegsgefangenen große Mengen Fett zum Kochen kauften, und dass bei ihnen Blinddarmentzündungen viel seltener waren als bei der Garnison. Die Gesundheit der Wachen des Lagers ließ viel zu wünschen übrig. Ihr Durchschnittsalter lag um 50 Jahre und höher, und infolge des Klimas bei Aus verschlechterte sich die Gesundheit vieler. Chronischer Rheumatismus und Herzleiden kamen allgemein vor. In dem Schulgebäude und den Lehrerunterkünften in Aus wurde ein Krankenhaus eingerichtet, in dem die Kriegsgefangenen und die Mitglieder der Garnison behandelt wurden. Bevor Kriegsgefangene in diesem Krankenhaus aufgenommen werden konnten, mußten sie sich erst beim Lazarett am Eingang des Lagers melden. 1916 wurde die Genehmigung zur Errichtung einer Isolierstation und Unterkünften für das Pflegepersonal beantragt, aber nichts geschah. Die zahnärztliche Behandlung der Kriegsgefangenen war am Anfang auch ein Problem. Im Juni 1916 wurde dann Doktor Schweitzer, ein deutscher Zahnarzt, nach Aus geschickt, und später wurde den Kriegsgefangenen auch gestattet, zur zahnärztlichen Behandlung nach Lüderitz zu fahren. Der Mangel an Kleidung für die Kriegsgefangenen verursachte am Anfang ziemlich viel Unzufriedenheit. Viele Kriegsgefangenen waren mit recht wenig im Lager angekommen, und sehr bald gab es zuwenig Hosen und Hemden. Manche liefen in zerlumpter und geflickter Kleidung herum. Sie bekamen zwar Kleidung, aber nicht genug. Wieder boten sie an, selbst etwas zu tun. Sie wollten selbst Werkstätten bauen, in denen Schuhe und Kleider genäht und geflickt werden konnten; nur Leder, Stoff und Werkzeuge sollten ihnen geliefert werden. Wieder geschah nichts. Im Oktober 1916 beschwerte sich Hauptmann Mannhardt in einem Brief an den Befehlshaber der südafrikanischen Truppen in Südwestafrika, Oberst H.J. de Jager, der auch für das Kriegsgefangenenlager zuständig war, über die Tatsache, dass neun Zehntel der Kriegsgefangenen in Hemdfetzen "gekleidet" waren, und dass der Rest überhaupt keine Hemden hatte. Der Sekretär des Protektorats meinte jedoch, dass das Kleidungsproblem keineswegs so ernst sei. Seinen Aufzeichnungen nach hätten die Kriegsgefangenen im August 1916 Stiefel, Hosen, Jacken, Strümpfe, Mäntel und auch Hemden bekommen. Trotzdem kann man annehmen, dass der Mangel an Kleidung hin und wieder Unannehmlichkeiten verursacht hat. Im März 1916 schickte eine Hilfsorganisation in New York Decken und Kleidung an die Kriegsgefangenen. Die Kriegsgefangenen klagten jedoch selten über das Essen. Sie waren froh, dass sie überhaupt etwas bekamen, obwohl sie schon im Oktober 1915 um eine Erhöhung der Brotration baten. Da Gemüse sehr selten war, fingen sie an, in ihren kleinen Gärten anzubauen, und bald gab es genügend Gemüse im Lager. Am Anfang hatten die Kriegsgefangenen keine Kochgelegenheiten. Im Oktober 1915 wurden große Töpfe für sie beantragt. Sie hatten auch Brennholz zum Kochen nötig, und zu einem Zeitpunkt klagten sie, dass das Holz, das sie bekamen, noch grün sei. Im Februar 1916 meldete der Sanitätsoffizier, Hauptmann Joubert, dass die Kriegsgefangenen nicht genügend Kochgelegenheiten hätten, und dass sie deshalb im Lager kleine, selbstgebaute Öfen errichtet hätten. Er meinte, dass die Öfen viel Unordnung verursachten, und dass sie es schwierig machten, das Lager sauberzuhalten. Manche dieser kleinen Öfen, die wahrscheinlich in den Hütten der Kriegsgefangenen gebraucht wurden, und größere, auf denen in den großen ovalen Töpfen gekocht wurde, waren bis vor kurzem noch zwischen den Ruinen des Lagers zu sehen. Sie wurden von Blechplatten gemacht und hatten einfache Schornsteine, die den Rauch vom Essen auf dem Ofen wegführen sollten. Die Wasserversorgung war in den ersten Monaten nach der Errichtung des Lagers ein Problem. Zu jenem Zeitpunkt gab es noch keine Rohrleitung, die Wasser zum Lager führte. Dies wurde jedoch schnell geändert. Im Januar 1916, nach ein paar Monaten großer Entbehrung, bekamen die Kriegsgefangenen Duschen und Becken, in denen sie ihre Kleidung waschen konnten. Gegen Februar 1919 versorgten drei Bohrlöcher das Lager mit Wasser. Zuerst wurden die sanitären Dienstleistungen bei Aus von dem Departement für öffentliche Bauten des Protektorats beaufsichtigt. Im Juli 1916 übernahm dann die Garnison die Verantwortung dafür. Der Müll wurde täglich entfernt und verbrannt, und strenge Hygieneregeln galten im Lager. Zur Bestürzung aller legte der Wind innerhalb der ersten paar Monate nach der Errichtung des Lagers Reste eines Eingeborenenkraals und einen Müllplatz frei. Arbeiter des Eingeborenendorfes südlich des Lagers mußten das Gelände aufräumen. Die Handhabung der strengen Hygieneregeln hatte die gewünschte Auswirkung. Es gab keine Moskitos und kaum Fliegen in Aus. Es ist leicht einzusehen, dass sich die vier Jahre, die die Kriegsgefangenen bei Aus lebten, zur Ewigkeit wurden. Nicht nur sie, sondern auch die Mitglieder der Garnison waren weit weg von zu Hause und ihren Familien. In Europa ging der Krieg weiter. Der Adjudant der Einheit erhielt unzählige Briefe, in denen Mitglieder der Garnison Urlaub, ihre Versetzung oder ihre Entlassung beantragten. Der größte Teil der Mannschaften legte keinen Wert darauf, lange bei Aus stationiert zu sein. Nach mehreren Bittschriften gestattete der Verteidigungsminister der Union im März 1918, dass die Frauen verheirateter Offiziere des "Protectorate Garrison Regiment" zu ihren Männern bei Aus ziehen konnten, wenn diese Offiziere bereit waren, die Unkosten der Unterkunft für ihre Frauen und sich selbst zu tragen. Es ist nicht bekannt, wieviele Offiziere von dieser Erlaubnis Gebrauch machten. Eine ähnliche Vergünstigung für die Kriegsgefangenen kam natürlich überhaupt nicht in Frage. Oberstleutnant Franke hatte schon 1918 beantragt, dass bestimmte verheiratete Kriegsgefangene auf Bewährung freigelassen werden sollten, damit sie sich um ihre Familien kümmern konnten. Die Regierung der Union lehnte diesen Antrag ab. Um sich die langen Tage und Nächte bei Aus zu vertreiben, beschäftigten sich die Kriegsgefangenen auf verschiedene Arten. Hierzu zählte auch das Briefschreiben. Den Aufzeichnungen zufolge waren sie eifrige Briefschreiber. Der Zensor bei Aus hatte die unbeneidenswerte Aufgabe, alle Korrespondenz, die sie mit der Außenwelt führten, durchzusehen. Er beschwerte sich regelmäßig über die Arbeitsmenge, denn jeden Tag gaben die Kriegsgefangenen zwischen 250 und 300 Briefe ab und es trafen 150 bis 200 Briefe und ungefähr 50 Päckchen ein. Es wurde so schlimm, dass er beantragte, dass die Kriegsgefangenen statt zwei Briefe nur noch einen schreiben dürften. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Im Februar 1918 hielt der Lagerkommandant es für nötig, dem Befehlshaber der Unionstruppen in Südwestafrika zu melden, dass die Korrespondenz zwischen den Kriegsgefangenen und afrikaanssprechenden Mädchen in der Union beunruhigende Ausmaße angenommen habe. Die Kriegsgefangenen bekamen die Namen und Adressen der Mädchen von den Mitgliedern der Garnison. Einige Monate später wurde dem Lagerkommandanten mitgeteilt, dass diese Korrespondenz in Ordnung sei. Briefe schreiben war ja kein Vergehen. Die Kriegsgefangenen waren nicht nur rege Briefschreiber, sie waren auch sehr sportlich. Sie spielten unter anderem Hand- und Fußball und trieben Gymnastik. Zwischen 1916 und 1919 wurden im Lager mehrere Vorführungen veranstaltet und die Garnison und Einwohner von Aus wußten dieses sehr zu schätzen. Als Administrator Gorges das Lager 1916 besuchte, wurde auch eine solche Vorführung veranstaltet: "... there was an exceedingly large turnout of gymnasts immaculately dressed in white duck trousers and white singlets, who went through their various exercises before the Administrator in the afternoon of the day of his visit." ![]() Blasorchester der Kriegsgefangenen
Für Unterhaltung im Lager
sorgte das Blasorchester der
Kriegsgefangenen, das regelmäßig Konzerte gab. Es
wurde 1915 gegründet, und die Kriegsgefangenen kauften selbst die
Instrumente. Das Orchester, das Hauptmann von Münstermann
leitete, reiste sogar nach Windhoek, um dort Konzerte zu halten.
Selbstverständlich waren die Kriegsgefangenen sehr stolz auf ihre
Musikanten.
![]() Umzug der Kriegsgefangenen
während
der Neujahrsfeiern, um 1917
Deutsche Pastoren und Priester
sorgten für das Seelenheil der
Kriegsgefangenen.
Sie durften zweimal im Monat umsonst mit dem Zug nach Aus und wieder
nach
Hause fahren. Im Januar 1918 wurde eine Bitte der
Kriegsgefangenen,
zwei oder drei Lehrer nach Aus zu schicken, abgelehnt. Die
Kriegsgefangenen
stellten diesen Antrag, da sie fürchteten, dass ihr Wissen nach
dem
Krieg nicht mehr für einen erfolgreichen Beruf im Zivilleben
ausreichen
würde.
Gebrauchsartikel wie Seife, Zahnbürsten und Kämme konnten die Kriegsgefangenen sich in einem Laden im Lager, dem sogenannten "Aus Garrison Institute", kaufen. Dazu brauchten sie natürlich Geld, und da sie weder Sold bekamen noch ein Gehalt verdienten, bekamen sie ab 1916 ein monatliches Taschengeld. Dies kam von Sammlungen zugunsten der Kriegsgefangenen in Deutschland und von dem deutschen Roten Kreuz. In einem Lager wie dem bei Aus geschah natürlich viel Interessantes, von dem das meiste leider in Vergessenheit geraten ist. Am 26. Januar 1916 zum Beispiel, nach einer Sportvorführung und einem Konzert, bereiteten sich die Kriegsgefangenen auf den Geburtstag von Kaiser Wilhelm II am 27. Januar vor. Es ist natürlich, dass an diesem Tag ein besonders patriotisches Gefühl im Lager herrschte. Berichten zufolge hatten manche schon etwas zuviel selbstgebrannten Schnaps getrunken, und diese hißten unter lautem Hallo die deutsche Fahne im Lager. Hauptmann Berlin und Hauptmann Mannhardt versuchten vergebens, die patriotischen Gemüter zu beruhigen. Eine Abteilung der Garnison wurde ins Lager geschickt, um dort die Ordnung wiederherzustellen, und im darauffolgenden Handgemenge wurde Hauptmann Berlins Zelt von den Aufständischen niedergebrannt. In einem Brief an Oberst de Jager entschuldigte sich Oberstleutnant Franke für den Vorfall. Drei Kriegsgefangene, die an der Sache beteiligt waren, wurden von einem Kriegsgericht in Aus verhört, aber General J.C. Smuts, der Verteidigungsminister der Union, erklärte im Februar 1916 die von diesem Gericht auferlegten Strafen aus technischen Gründen ungültig. ![]() Monument zu Ehren Kaiser Wilhelms
des
Zweiten im Kriegsgefangenenlager
Im November 1918 wurde
Oberstleutnant Lewis ein Brief überreicht,
in
dem der Soldat Otto Rembald ihm mitteilte, dass man eine
Soldatenvereinigung
von Kriegsgefangenen, von der er der Präsident sei, gegründet
habe,
und dass diese sich um die Interessen der Kriegsgefangenen bei Aus
kümmern
würde. Es stellte sich jedoch heraus, dass die meisten
Kriegsgefangenen
nicht mit der Gründung und den Zielen dieser Vereinigung
einverstanden
waren. Darum ordnete Oberstleutnant Lewis an, dass die
Vereinigung
aufgelöst und ihre Anführer vorläufig aus dem Lager
entfernt
werden sollten, da er befürchtete, dass sie Schwierigkeiten
bereiten
könnten.
Mit Ausnahme des Vorfalls am 26. Januar 1916 war die Disziplin im Lager sehr gut. Kriegsgefangene, die gegen Paragraph 3 der Lagerordnung verstießen, indem sie Schnaps brannten, bekamen sieben bis zehn Tage Haft. Andere, die nicht oder zu spät zum Appell kamen, mußten sieben Tage lang Strafarbeit verrichten. Es ist nicht bekannt, wie der Besitz von Munition geahndet wurde. Nach Hauptmann Mannhardt gab es im Lager Kriegsgefangene, die Munition besaßen, und auch der Lagerkommandant vermutete es. Einer der Kriegsgefangenen soll angeblich zum Lagerkommandanten gegangen sein und ihm erzählt haben, dass Munition im Lager versteckt sei. Wiederum ist nicht bekannt, ob dies stimmte und ob Munition gefunden wurde oder nicht. Zu einem Zeitpunkt 1918 gab es Gerüchte, dass die Kriegsgefangenen , die außerhalb des Lagers Holz schlagen mußten, Waffen schmuggelten. Der Lagerkommandant ließ die Angelegenheit untersuchen, und dies beendete die Gerüchte. Ein interessantes Unternehmen einer Gruppe Kriegsgefangener war der Versuch, einen Tunnel zu graben, durch den sie das Lager dann auf immer verlassen wollten. Zwei Jahre lang gruben sie mit Hingabe. Groß war ihre Bestürzung, als sie hörten, dass einer ihrer Kameraden gedroht hatte, sie zu verraten. Hauptmann Mannhardt, der von dem Tunnel wußte, versuchte sein Bestes, ihn zu überreden, es nicht zu tun. Vergeblich. Ein Suchtrupp der Garnison fand den Tunnel ohne größere Mühe, und die Tunnelgräber mußten dabeistehen und zusehen, wie ihr Fluchtweg zugeschüttet wurde. Der Verräter wurde von seinen Kameraden ausgestoßen; es wurde so schlimm, dass er im Juni 1918 in die südafrikanische Union gebracht werden mußte. Es ist nicht bekannt, wie vielen Kriegsgefangenen es zwischen 1915 und 1919 gelang, aus dem Lager zu fliehen. Im August 1915 entkamen sieben Kriegsgefangene, und zwei Jahre später waren sie noch auf freiem Fuß. Ein Kriegsgefangener, der im April 1916 floh, war nach einem Monat immer noch nicht gefunden. Zwei Kriegsgefangene, die am 11. Januar 1918 einfach über den Stacheldraht kletterten und in Richtung Westen davonliefen, wurden zwei Tage später bei Tsaukaib, ungefähr auf halbem Weg zwischen Aus und Lüderitz, aufgegriffen. Fluchtversuche wurden bestraft. Ein Kriegsgefangener, dem die Flucht nicht gelang, wurde zum Beispiel am 16. April 1917 von einem Kriegsgericht in Aus zu neunzig Tagen Haft verurteilt. Die Kriegsgefangenen meinten jedoch, dass ein Fluchtversuch kein ernstes Vergehen sei; sie hielten es eher für ein Vorrecht des Kriegsgefangenen. Sie fanden es ungerecht, dass man deswegen für eine so lange Zeit im Bunker, der am Eingang des Lagers gelegen war, inhaftiert wurde. Der Bunker bei Aus reichte nie aus, und manche Kriegsgefangene, deren Fluchtversuche scheiterten, wurden nach Windhoek ins Gefängnis geschickt. Die Zustände in Aus wurden zeitweilig nicht nur für die Kriegsgefangenen unerträglich. Der Lagerkommandant, Oberstleutnant Hawkins, fuhr zum Beispiel zweimal unbeurlaubt nach Lüderitz. Dieses unverantwortliche Auftreten von Hawkins hatte natürlich ein Nachspiel. Im September 1917 wurde er dann von Major Lewis als Lagerkommandant abgelöst. Major Lewis wurde im März 1918 zum Oberstleutnant befördert. Schon im August 1915 sah der Lagerkommandant, dass ein Scheinwerfer nötig war, um Fluchtversuche bei Nacht zu verhindern. Im Januar 1916 wurde beschlossen, den Scheinwerfer, der früher bei der Funkstation in Windhoek gebraucht worden war, nach Aus zu bringen. Der Scheinwerfer mußte jedoch erst repariert werden, und am Anfang waren die nötigen Ersatzteile nicht erhältlich. Die Beleuchtung blieb weiterhin ein Problem, und man wollte vorläufig Azetylenlampen gebrauchen. Erst im Juli 1916 kam ein brauchbarer Scheinwerfer in Aus an. Dieser wurde auf dem Maximhügel, nordwestlich des Lagers, aufgestellt. Den Strom für den Scheinwerfer lieferte ein Benzinaggregat, worüber sich die Mitglieder der Garnison besonders freuten, da es nun endlich Strom für das Lagerkino gab. Im Februar 1918 schrieb der Direktor für öffentliche Bauten in Windhoek an Major Lewis, dass der Benzinverbrauch von 28 Gallonen für Januar 1918 viel zu hoch sei. Für Major Lewis war es ein leichtes, dies zu erklären: "A percentage of Petrol consumed during ... January 1918 was used for the Camp Bioscope, and it has been arranged that half the amount used viz. 14 gallons shall be paid for from Bioscope Funds." Kurz nach der Unterzeichnung des Kapitulationsvertrages bei Kilometer 500 meldete Brigadier Lukin am 22. Juli 1915 von Otavifontein, dass eine Gruppe schwarzer Soldaten, die in Kamerun unter deutscher Fahne gekämpft hatten, mit der Bahn von Grootfontein zu seinem Hauptquartier gebracht worden seien. Er wollte wissen, was er mit diesen Soldaten machen sollte. Oberst de Jager antwortete aus Windhoek, dass er sie nach Aus schicken solle. Am 2. August 1915 kamen dann 24 schwarze Soldaten aus Kamerun in Aus an und wurden im Kriegsgefangenenlager aufgenommen. Diese kamerunischen Bürger bestanden jedoch darauf, als politische Gefangene behandelt zu werden, da sie angeblich gezwungen worden waren, unter deutscher Fahne zu kämpfen. Später stellte sich heraus, dass sie 1910 nach Südwestafrika geschickt worden waren, um hier fünf Jahre Zwangsarbeit abzubüßen, da sie in Kamerun im Dienste der deutschen Truppen gemeutert hatten. Diese Angelegenheit führte zu ausführlicher Korrespondenz zwischen der Regierung der Union, dem Generalgouverneur der Union, der französischen Regierung und dem britischen Kriegskabinett. Am 5. Oktober 1917 verließen 23 der Kriegsgefangenen aus Kamerun das Lager und wurden zusammen mit den 10 Frauen und dem Kind, denen 1910 gestattet worden war, mit ihren Männern nach Südwestafrika zu kommen, nach Kamerun repatriiert. Ein kamerunischer Kriegsgefangener, Ambadamissi, blieb jedoch lieber in Südwestafrika, und fing in Lüderitz zu arbeiten an. Die Lebensmittelversorgung im Kriegsgefangenenlager ließ anfangs viel zu wünschen übrig. Natürlich war es nicht leicht, täglich mehr als 2000 Menschen mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Artikeln zu versorgen, vor allem da am Anfang alles mit Packeseln von der nächsten Eisenbahnstation zum Lager gebracht werden mußte. Die Intendanturabteilung der südafrikanischen Verteidigungsmächte, die für die Verpflegung verantwortlich war, und bei der Eisenbahnstation südwestlich des Einganges zum Lager untergebracht worden war, konnte sich zurecht über die Arbeitsmenge beschweren. Im Februar 1917 beendete man bei Aus endlich ein Projekt, das allen sofort zugute kam. 960 Gleiseinheiten mit einer Spurbreite von 24 Zoll, die vom Departement für Eisenbahn und Häfen der Union geliefert worden waren, wurden über eine Strecke von ungefähr fünf Kilometer verlegt. Diese Linie führte vom Schlachthof über das Hauptgleis südlich des Lagers, und zweigte dann in drei verschiedene Richtungen ab. Eines der Gleise wurde bis zum Eingang des Kriegsgefangenenlagers verlegt. Ein anderes führte am südlichen und östlichen Zaun des Lagers vorbei. Das dritte Gleis führte von der Instandhaltungsabteilung des Departement für öffentliche Bauten zur Intendantur- und Quartiermeisterabteilung, und von dort am nördlichsten Zaun des Lagers entlang bis zum Müllplatz weiter östlich. Die Gleise wurden nach der Schließung des Kriegsgefangenenlagers im Jahre 1919 abgebrochen. Die Windhoeker Stadtverwaltung kaufte 150 Gleiseinheiten und verlegte diese in verschiedenen Straßen in Windhoek. Der Rest wurde dem Departement für Eisenbahn und Häfen der Union zurückgegeben. ![]() Der Glockenturm im
Kriegsgefangenenlager
bei Aus
Den Glockenturm, der im Lager
errichtet wurde, sah man sofort. Es
ist
wenig über ihn bekannt, bis auf dass er innerhalb drei Monaten
fertiggestellt
wurde, und dass ein Kriegsgefangener, Feldwebel Lorenz, die Uhr und das
Uhrwerk
aus Petroleumkanistern gemacht hat. Der Glockenturm war
Schätzungen
zufolge über sechs Meter hoch, und hatte die Form einer
viereckigen
Säule. Der Sockel des Turmes bestand aus Granit; die
Säule
und das Kapitell wurden aus rohem Sandstein gebaut, der später mit
Kalk
verputzt wurde. Der Glockenturm war eine Zierde für das
Lager.
Anfang 1918 kamen die Unterkünfte der Garnison wieder zur Sprache, da Oberstleutnant Lewis, anders als sein Vorgänger, es nicht mehr dulden wollte, dass der größte Teil der Garnison immer noch in Zelten aus Sackleinen wohnte. Daraufhin wurden während der zweiten Hälfte von 1918 Baracken für die Unteroffiziere und Mannschaften der Garnison errichtet. Die Backsteine für diese Gebäude wurden auch diesmal von den Kriegsgefangenen geliefert. Die Baracken der A-, B- und D-Kompanien lagen östlich des Maximhügels, und die der C-Kompanie jenseits der Eisenbahnlinie südlich des Kriegsgefangenenlagers. Viele Jahre nach seiner Entlassung erzählte Hauptmann Mannhardt, wie der Lagerkommandant eines Tages zusammen mit dem Adjudanten der Garnison, Hauptmann E.I. Nelson, das Lager inspizierte. Der Lagerkommandant war scheinbar nicht mit den Zuständen im Lager zufrieden, und erklärte Hauptmann Mannhardt dies in nicht allzu freundlichen Worten und verließ das Lager. Als Mannhardt Hauptmann Nelson fragte, was denn mit dem Lagerkommandanten los sei, erwiderte dieser: "You see, Captain, you can`t make a gentleman, he must be born." Hauptmann Nelson, der diese Weisheit äußerte, war selbst ein richtiger Gentleman. Er war ein sanftmütiger Offizier, der scheinbar von allen, auch den Kriegsgefangenen, respektiert wurde. Dies führt jedoch zu einem tragischen Kapitel in der Geschichte des Lagers, denn Hauptmann Nelsons Frau, die von allen Breeza genannt wurde, kam mit ihrem Mann nach Aus und fand dort auch ihren letzten Ruheplatz. Die Inschrift auf ihrem Grabstein auf dem Friedhof 4,7 Kilometer nordwestlich des Lagers lautet: "She gave her life while she wanted to help others." Diese "anderen" waren Kriegsgefangene und Mitglieder der Garnison, die im Oktober und November 1918 an der Grippe litten, die Aus heimgesucht hatte. ![]() Ehrenwache auf dem Friedhof bei Aus
Breeza ruht zusammen mit
vielen, denen sie ihr Leben gewidmet hatte,
auf
dem Friedhof bei Aus. Während Oktober und November 1918
starben
55 Kriegsgefangene und 50 Mitglieder der Garnison an der Grippe.
Am
21. Oktober 1918 starben acht Soldaten der Garnison und ein
Kriegsgefangener,
und am 27. und 31. Oktober 1918 je 5 Kriegsgefangene. Das
Durchschnittsalter
der 55 Kriegsgefangenen, die an der Grippe starben, war 28 Jahre.
Es
zeigte sich, dass die Grippe von 1918 der größte Feind aller
bei
Aus war.
Insgesamt starben 69 Kriegsgefangene und 60 Mitglieder der Garnison und der Hilfsabteilungen zwischen 1915 und 1919. Wenn man dies in einen Prozentsatz aller Leute bei Aus umrechnet, findet man, dass die Sterbeziffer der Kriegsgefangenen halb so hoch war wie die der Garnison und der Hilfsabteilungen (4,8% gegenüber 10%, berechnet bei 1438 Kriegsgefangenen und 600 Südafrikanern). Gleichermaßen zeigt eine Analyse der Sterbeziffer während der Grippe, dass 4,2% der Kriegsgefangenen gegenüber 9,25% der Südafrikaner starben. Es war ein großer Tag für die Kriegsgefangenen, als sie hörten, dass Deutschland und die Alliierten und Assoziierten Mächte am 11. November 1918 bei Compiegne in Frankreich einen Waffenstillstand unterzeichnet hatten. Dies beendete den Krieg, aber ein offizieller Frieden mußte noch geschlossen werden. In den darauffolgenden Monaten folgte man gespannt dem Aufstellen der offiziellen Friedensbedingungen bei Versailles in Frankreich. Alle waren aufgeregt, als man im April 1919 hörte, dass diese Arbeit beendet worden war. Die Kriegsgefangenen hatten schon lange auf eine solche Nachricht gewartet. Zwei große Gruppen wurden am 19. und 20. April 1919 entlassen. Die anderen verließen das Lager im Laufe der Zeit in kleineren Gruppen. Manche Kriegsgefangenen wohnten anscheinend am 13. Mai 1919, als das Lager offiziell geschlossen wurde, immer noch dort. Oberstleutnant Lewis wurde wenige Tage nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages bei Versailles am 28. Juni 1919 in die Union zurückversetzt. Im Jahre 1985, siebzig Jahre nach der Unterzeichnung des Kapitulationsübereinkommens bei Kilometer 500 und der Errichtung des Kriegsgefangenenlagers bei Aus, waren von dem Lager fast nur noch die Ruinen der Häuser, die sich die deutschen Kriegsgefangenen dort gebaut hatten, sichtbar. Die Unterkünfte und die anderen Baracken der Aus-Garnison, die zum größten Teil aus Holz und Wellblech gebaut worden waren, wurden nach der Räumung des Lagers abgerissen. Die Reste der Bauten der Kriegsgefangenen sind ein unauslöschlicher Teil unserer Geschichte. Die Ruinen erzählen uns einen Teil südwestafrikanischer Geschichte, der niemals vergessen werden darf, und sind heute hauptsächlich ein Denkmal. Die deutschen Kriegsgefangenen im Lager bei Aus mußten infolge des unwillkürlichen Verlaufes der Ereignisse lange Zeit in dieser trostlosen Ebene in einer unwirtlichen Halbwüste leben. Doch sie hatten Initiative, und machten sich das Leben dort menschenwürdig. Auf bewundernswerte Art gelang es ihnen, den Staub von Kilometer 500 aus ihren Kleidern zu schütteln und sich nicht in den Staub bei Aus zu legen. Die Ruinen der Kriegsgefangenenhäuser sind ein würdiges Monument für die Ausdauer, die sie hier zeigten. |
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