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IRAK 1941: Für ein freies Arabien


(Quelle: DMZ-Magazin Nr.50, Ausgabe März - April 2006 von M. Ochsenreiter)


Erinnerungen des Abwehroffiziers Franz Wimmer-Lamquet

Bagdad, Frühjahr 1941: Im Irak jener Tage brennt die Luft.
In allen Ecken und in allen Gassen ist von Revolution, von Aufstand die Rede.
In einem begrünten Viertel, in dem sich ein freier Blick auf den Tigris bietet, steht eine stattliche Villa mit einem gepflegten Garten.  Es ist das Haus Raschid Ali Ghailanis, des Ministerpräsidenten des Irak.  Ein junger Deutscher ist gerade als Gast in jenem reizvollen Anwesen. Der hochgewachsene, schneidige junge Offizier, ein SS-Untersturmführer, hält sich im Auftrag des deutschen Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in der irakischen Hauptstadt auf.
Er soll aufmerksam die revolutionäre Situation im Irak studieren und Ministerpräsident Ghailani helfend zur Seite stehen.  Franz Wimmer-Lamquet, so der Name des knapp 23jährigen Deutschen, ist sogar über mehrere Ecken mit Ghailani verwandt.  Wimmer-Lamquets Ehefrau Thamillah, die Tochter eines mauretanischen Fürsten, ist eine Nichte der Frau Ghailanis.  Unter Arabern wird ein solches Verwandtschaftsverhältnis durchaus als "eng" angesehen.  Die Hochzeit von Thamillah und Franz Wimmer-Lamquet war von der deutschen Reichsregierung arrangiert worden - der Vater Thamillahs ist ein gefürchteter mauretanischer Kriegsherr, den man respektvoll den "Blauen Sultan" nennt.
Wimmer-Lamquet operiert weitgehend unabhängig.  Als Mitarbeiter des RSHA untersteht er ausdrücklich nicht dem "Sonderstab F" des Generals der Flieger Hellmuth Felmy, der eigentlich für die antibritische Subversion im Nahen Osten zuständig ist.  Wimmer-Lamquet soll dadurch in der Lage sein, schneller und unbürokratischer Probleme beheben zu können.

Britischer Betrug
Die antibritische Stimmung ist in diesen Tagen in den Straßen der Hauptstadt förmlich greifbar.  Zu enttäuscht ist man vom Empire, das keine seiner Versprechungen gehalten hat.  Während des Ersten Weltkrieges hatten die Briten einen arabischen Aufstand gegen das morsche Großreich der Osmanen organisiert, das sich mit den Mittelmächten verbündet hatte.  Großbritannien versprach den Arabern hierfür großzügige Waffenhilfe sowie die Errichtung eines unabhängigen, arabischen Staates.  Unter Führung des britischen Agenten Thomas Edward Lawrence, genannt "Lawrence von Arabien", gelang ihnen tatsächlich die Selbstbefreiung von den Türken.  Doch statt des versprochenen arabischen Staates trat das bereits 1916 im geheimen beschlossene Sykes-Picot-Abkommen in Kraft, welches die Aufteilung des arabischen "Kuchens" zwischen Frankreich und Großbritannien regelte.  Die Araber kamen so vom Regen in die Traufe.  Die türkischen Herrscher zogen ab, dafür kamen die Europäer.
Jetzt, 1941, scheint sich die Lage jedoch erheblich geändert zu haben.  Die verhaßten Briten stehen im Kampf gegen einen scheinbar unbezwingbaren Gegner, der in Europa von Sieg zu Sieg eilt.  Längst hat sich die Ansicht durchgesetzt, daß ein antibritischer Aufstand mit einem starken deutschen Verbündeten dieses Mal durchaus gelingen könnte.  Der Jurist und Politiker Ghailani steht für diesen Gedanken.  Im legendären Basarviertel der irakischen Hauptstadt - von jeher der wichtigste Umschlagplatz nicht nur für Waren, sondern auch für politische Meinungen und Gerüchte - scheint man bereits Stellung bezogen zu haben.  Bei vielen Händlern hängt neben dem Bild Raschid Alis auch ein Porträt des deutschen Staatschefs Adolf Hitler.  Seine Siege finden in der arabischen Welt großen Widerhall. 
Bagdad wurde in den letzten Monaten fast schleichend zum Zentrum eines "arabischen Frühlings".  Mit dem Großmufti von Jerusalem, Hadsch Mohammed Amin al-Husseini, hat sich eine geachtete Autorität am Tigris niedergelassen.  Der Propagandist der panarabischen Idee spricht von einem sich entfesselnden "Dschihad", einem Heiligen Krieg, der gegen die britischen Okkupanten geführt werden müsse.  Millionen Araber hören ihm in jenen Tagen gebannt zu.

Gescheiterte Revolution
Als am 31. März 1941 Generalleutnant Erwin Rommel in Nordafrika die Stadt Kyrenaika von den Briten zurückeroberte, sehen die arabischen Nationalisten den Zeitpunkt des Handelns gekommen.  In der Nacht vom 1. auf den 2. April wird das Regime des englandhörigen irakischen Regenten Abdullah Illah gestürzt und eine deutschfreundliche Militärregierung unter Raschid Ali Ghailani gebildet.  Der war bereits 1927 und 1933 Ministerpräsident des Irak gewesen.  Die Beziehungen zu den Briten verschlechtern sich drastisch angesichts des Regierungswechsels.  Franz Wimmer-Lamquet dokumentiert indes aufmerksam, was er alles sieht.  Er sieht, wie die irakischen Nationalisten viel zu früh den antibritischen Aufstand wagen und am 2. Mai den englischen Luftwaffenstützpunkt Habbaniya, westlich von Bagdad, angreifen.  Der britische Premier Winston Churchill befiehlt seinem örtlichen Befehlshaber, "hart zuzuschlagen".  Nach tagelangen Kämpfen müssen sich die Iraker schließlich am 6. Mai zurückziehen.  Deutschland kann kaum helfen.  Die ersten deutschen Flugzeuge erreichen Bagdad erst am 11. Mai, als die Briten bereits die Iraker vor sich herjagen.  Das "Sonderkommando Junck", bestehend aus 16 Transportern Junkers Ju 190 und Ju 52, zwölf Zerstörern Messerschmitt Me 110 und zwölf Bombern Heinkel
He 111 erreicht nicht vollzählig den Irak.  Felmy, der das Unternehmen eigentlich führen sollte, schafft es nicht einmal, nach Bagdad zu reisen.  Im syrischen Aleppo, das zu Vichy-Frankreich gehört, bleibt er aufgrund von Benzinmangel liegen. 
Wimmer-Lamquet verzeichnet jeden Tag neue Hiobsbotschaften.  Die deutsche Waffenhilfe kommt nicht in Gang, da es - im Land gigantischer Erdölvorkommen - kein Flugbenzin gibt.  So bleiben die meisten Maschinen am Boden in Mossul.  Die Zustände werden immer chaotischer.  Irakische Politiker packen bereits ihre Koffer, obwohl die Kämpfe noch in vollem Gange sind.  Diese Auflösungserscheinungen setzen auch Wimmer-Lamquet zu, der selbst für etwa fünf Tage an den Kämpfen beteiligt ist. 
Zahlreiche "Freiwillige" melden sich bei ihm, die vorgeben, gegen die Briten kämpfen zu wollen.  Doch in Wirklichkeit sind sie nur an Waffen und Munition interessiert.  Militärisch ausgebildet waren sie ohnehin kaum.  Als "ausgezeichnete Soldaten" bezeichnet Wimmer-Lamquet nur die Männer der Kommandotruppe der "Brandenburger", die reguläre, aber schwach ausgerüstete irakische Armee sowie die deutschen und italienischen Flieger.

Die "Arabischen Sicherungsverbände z. b. V."
Die Briten verpassen indes dem irakischen Widerstand den Todesstoß.  Am 20. Mai erobern sie Bagdad, am 31. Mai fällt Mossul.  Bereits am 1. Juni kann der probritische Abdullah wieder in Bagdad seine Regierungsgeschäfte aufnehmen - die Briten haben die Rebellion niedergeschlagen.
Wimmer-Lamquet funkt nach Berlin und bekommt vom RSHA die Genehmigung, einige seiner irakischen Freiwilligen mit nach Deutschland zu nehmen.  Radschid Ali Ghailani wird über Syrien ausgeflogen und kommt ebenfalls nach Berlin, wo er später Hitler treffen wird.  Al-Husseini landet nach einigen Umwegen ebenfalls in der Reichshauptstadt, wo er sich weiter propagandistisch für die panarabische Sache betätigt.  Die von Wimmer-Lamquet ausgesuchten irakischen Offiziere, Ärzte und Soldaten kommen zuerst nach Stahnsdorf bei Berlin zum Kradschützen-Ersatzbataillon (KEB) 4, bei dem man schon Erfahrung mit arabischen Freiwilligen hat.  Franz Wimmer-Lamquet wird dort mit der Bildung einer arabischen Sonderkampfeinheit beauftragt, die später in Nordafrika, wo gerade der Wüstenkrieg tobt, zum Einsatz kommen soll.  Die "Arabischen Sicherungsverbände z. b. V." sind in jederlei Hinsicht eine Elitetruppe.  Einige der irakischen Veteranen, die sich während der fehlgeschlagenen Revolution bewährt hatten, kommen zu den "Mehari", einer Formation kühner Dromedarreiter.  Die Mehari-Einheiten bestehen aus drei Schwadronen: einer maurisch-marokkanischen Schwadron, einer Tuareg-Schwadron und einer italienischen Schwadron.
Die Araber werden nicht auf Hitler, sondern auf den Koran vereidigt.  Ein Militär-Strafgesetzbuch ist nicht in Kraft, die Männer werden durch den Koran und durch beigeordnete islamische Geistliche betreut und auch bestraft, wenn es erforderlich ist.  Die Angehörigen der Einheit tragen keine Uniformen, sondern Eingeborenentracht. 
Schnell werden Sicherungsverbände nach Nordafrika verlegt.  Jetzt kommt Wimmer-Lamquet wieder seine mauretanische Verwandtschaft zugute: Sein Schwiegervater unterstützt den Aufbau der Reitereinheiten.

Tuareg kämpfen für Deutschland
In Nordafrika stoßen weitere Freiwillige zu Wimmer-Lamquets Sonderkommando in der Wüste.  Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Beitrag der Tuareg.  Die Krieger der Tuareg - ein Nomadenvolk in der Sahelzone - sind "wilde Burschen", wie Wimmer-Lamquet vermerkt.  Frankreich versuchte als Kolonialmacht, die Tuareg seßhaft zu machen, doch viele Angehörige des Nomadenvolkes bestehen auf ihre traditionelle Lebensweise und widersetzen sich den französischen Umerziehungsversuchen.  Sie sehen den Zeitpunkt des Widerstandes gekommen, als Frankreich 1940 kapituliert. 
Die Familienklans nehmen Kontakt zu Wimmer-Lamquets Sonderkommando auf und bieten Deutschland im Kampf gegen die sogenannten "Freifranzosen" Charles de Gaulles ihre Hilfe an.  Sie fühlten sich nicht als Söldner, sondern als Freiheitskämpfer.  Wimmer-Lamquet zieht die Freiwilligen zusammen und bringt ihnen bei, wie man mit Kriegswaffen und Sprengstoff umgeht.  Auf Infanterie-Reglements verzichtet er bei seinen Stammeskriegern.  Der Sold wird mit Dromedaren vergütet und nicht mit Geld.  Wie lange für ein Tier gekämpft werden muß, mit den Klanchefs vereinbart.  So sind alle zufrieden, die Mauretanier und die Tuareg kämpfen und können ihren Besitz auf legale Weise mit den "Kampfprämien" mehren. 
Am besten steht Wimmer-Lamquets Schwiegervater da, der ihm die Prämien-Tiere zu fairen Preis verkauft.
Wiederum ganz andere Verhältnisse begegnen Wimmer-Lamquet bei den Mauretaniern, die sich ebenfalls freiwillig für den Kampf gegen die Freifranzosen melden.  Dort gibt es immer noch sogenannte "Unfreie", ehemalige Sklaven, die aber noch im Familienverband ihrer Herrschaft leben.  Sie sind zwar frei, aber wohin sollten sie - meist mittellos - gehen?  So ist es keine Seltenheit, daß sich ein mauretanischer Herr mit seinen ihm untergebenen Unfreien freiwillig bei Wimmer-Lamquets Wüstenkommando meldet.  Dort unterstehen die Unfreien auch weiterhin ihrem Herrn und nicht dem Kommando.
Auch die Finanzierung dieser Operation muß das "Sonderkommando Wimmer" selbst regeln.  Das sogenannte "Beuterecht" lehnt Wimmer-Lamquet strikt ab, da man sich damit den Unwillen der Zivilbevölkerung zuzieht.  Stattdessen betätigen sich Wimmer-Lamquet und sein Kommando im illegalen Handel mit Rauchwaren, der kriegsbedingt hohe Profite verspricht.  So ist man in der Lage, alles zu finanzieren.

Zu wild für eine Militärparade
Beim "klassischen" Militär hat Wimmer-Lamquets Sonderkommando indes ganz andere Probleme:
1942 werden die Arabischen Sicherungsverbände zu einer Parade nach Tripolis eingeladen.  Nichts macht die Tuareg-Krieger stolzer, als Seite an Seite mit den deutschen Waffenbrüdern an einer prachtvollen Militärparade teilnehmen zu dürfen.  Doch als sich der Termin der Parade nähert, sagt Rommels Stabschef Fritz Beyerlein den Wüstenkämpfern die Teilnahme ab.  "Zu wild, um da mitzumachen", lautet die knappe Begründung.  Dabei sind sie alle "ausgezeichnete Kämpfer", notiert Wimmer-Lamquet, nicht ohne Verstimmung.
Insgesamt operieren die Wüstenkrieger 17 Monate lang in der nordafrikanischen Wüste.  Es werden Nachschubwege der Alliierten gestört, Brücken gesprengt und Minen gelegt.  Die Versorgung wird durch alliierte Beute gesichert. 
Es handelt sich jedoch nur um "Nadelstiche", so Wimmer-Lamquet; als Ende 1942 das Ende der regulären Kämpfe in Nordafrika absehbar wird, bringt er seine Männer in den Untergrund, wo sie weiterkämpfen.  Großmufti al-Husseini ist voll des Lobes für Wimmer-Lamquets Arbeit.  Er bedauert, daß die Sicherungsverbände nicht früher existierten und attestiert den arabischen Freiwilligen, daß ihr Kampf ausschließlich der "heiligen Sache, dem Befreiungskampf der arabischen Heimaterde" gelte.




Wer mehr hierüber wissen möchte, dem empfehlen wir das Buch:
Buch
Ein in jeder Hinsicht außergwöhnliches Leben wird hier erzählt:
Franz Wimmer-Lamquet arbeitete bereits als Siebzehnjähriger im Auftrag der deutschen Abwehr in Ostafrika.
1941 wurde er als Sonderbeauftragter während des Gailani-Putsches gegen die Engländer in den Irak entsandt.
Der Autor war während des Zweiten Weltkriegs nicht nur Führer arabischer Freiwilligenverbände in Nordafrika und Eheman einer arabischen Prinzessin, sondern auch Leiter einer vonihm aufgebauten Agentenschule.  Seine Erinnerungen enthalten viele bisher unbekannten Fakten und ermöglichen so manche historische Neubewertung.  Sie beleuchten ein weithin unbekanntes Kapitel deutscher Geschichte.


ISBN 3-902475-18-8
Das Buch ist im Ares-Verlag erschienen und kostet € 19.90. 199 Seiten, 12 Bildseiten, 4 Grafiken im Text, geb.


Ebenfalls empfehlen wir das Manuskript "IRAK - das verratene Land" welches über die wahren Begebenheit während des Irakkrieges 2003 berichtet.  Dies ist bei uns im WFG-Shop zu beziehen.