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Auf dem Weg zum
Nürnberger Tribunal |
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(Quelle: Töten oder nicht Töten -Kapitelauszug aus dem Buch "Himmlers Tod" von Joseph Bellinger) Wer
zuerst den Vorschlag unterbreitet hat, die NS-Führer nach ihrer
Gefangennahme kurzerhand zu erschießen, weiß man bis heute
nicht genau, und die spezifischen Umstände, unter denen dieser
Vorschlag unterbreitet wurde, kennt man erst recht nicht. Doch
führen alle Wege nach Rom, und in diesem Fall ist unter "Rom" die
Downing Street 10 zu verstehen, der Sitz der britischen Regierung,
deren Oberhaupt in jenen Tagen Winston Churchill war.
Anscheinend erfolgte Churchills Ankündigung der Vergeltung als Reaktion auf zahlreiche Berichte und Gerüchte über Greueltaten in Osteuropa - insbesondere im früheren Polen und in der Tschechei -, die von den betreffenden Exilregierungen ans britische Außenministerium weitergeleitet wurden. Das wohl erste Anzeichen dafür, daß der britische Premierminister nach Kriegsende mit dem besiegten Feind kurzen Prozeß machen wollte, findet sich in einer Ansprache an die französische Nation, die er am 12. Oktober 1940 hielt und in der er es nicht versäumte, Hitler und allen, die seinem System angehörten, "eine Vergeltung" anzudrohen, "die viele von uns noch erleben werden". In mehr oder weniger "inoffizieller" Sprache kam Churchill immer wieder auf diesen Plan zu sprechen. David Irving bemerkt in seinem Buch Nürnberg: Die letzte Schlacht: "Sowohl aus den britischen als auch aus den amerikanischen Archiven geht klar hervor, daß die Briten - vom autokratischen Premier Winston Churchill abwärts - grimmig entschlossen waren, die nationalsozialistische Führung einer recht eigentlichen Lynchjustiz zu unterwerfen (wobei der zweite Bestandteil des Worts eigentlich überflüssig war) oder ganz einfach einen kollektiven Justizmord an ihr zu verüben (wobei der erste Bestandteil dieses Worts an und für sich erübrigte)." Churchill warb wiederholt für diesen Vorschlag, selbst als der Krieg längst vorüber war; in seinen Memoiren findet sich freilich kein Wort darüber. Telford Taylor, ehemaliger Ankläger in Nürnberg, schien diese Auffassung zu teilen; er schrieb: "1943 bemühte sich Churchill, die amerikanische sowie die sowjetische Regierung für den britischen Standpunkt zu gewinnen. Das erste Ergebnis seiner Bemühungen war die Moskauer Erklärung vom 1. November 1943, die auf einem Entwurf beruhte, den Churchill Roosevelt und Stalin ein paar Wochen zuvor zugestellt hatte. Im abschließenden Absatz hieß es nicht ausdrücklich daß den Hauptkriegsverbrechern ein Prozeß zugebilligt werden solle, doch der Satz 'werden durch eine gemeinsame Entscheidung der Regierungen der Allianz bestraft' legte diese Deutung sicherlich nahe." Somit gibt es solide dokumentarische Belege dafür, daß Churchill selbst die treibende Kraft hinter dem Vorschlag war, in Gefangenschaft geratene feindliche Führer ohne Prozeß hinzurichten. Die Gründe, die ihn dazu bewogen, sind zwar immer noch ungeklärt, doch wie Telford Tayler bemerkte, führte Churchill noch 1945 ungeachtet der entschieden ablehnenden Haltung seiner Verbündeten seine persönliche Kampagne unverdrossen weiter und bemühte sich weiterhin, die Unterstützung seiner Kollegen zu gewinnen. Taylor bemerkt hierzu: "In Jalta brachte Churchill die Frage kurz vor Ende der Gesprächsrunde vom 9. Februar 1945 aufs Tapet. Er nannte den letzten Absatz der Moskauer Erklärung 'ein Ei, das ich selbst gelegt habe', und führte seine üblichen Argumente dafür ins Feld, die 'führenden Nazis' ohne viel Federlesens zu erschießen, sobald ihre Identität festgestellt war." Mit seiner Forderung nach der summarischen Hinrichtung der Führer der Achsenmächste stand Churchill durchaus nicht isoliert da, denn andere, wenn auch weniger prominente Persönlichkeiten äußerten sich in gleichem Sinne. Im September 1941 wie Hugh Dalton, der rührige Leiter des britischen SOE (Special Operations Executive), Außenminister Anthony Eden unter Hinweis auf alarmierende Berichte vom europäischen Festland auf die "monströse" Praxis der Repressalien hin, mit denen die Deutschen die von den Widerstandsbewegungen durchgeführten Anschläge auf deutsche Soldaten beantworteten. Arieh Kochavi schreibt: "Er schlug vor, den Völkern Europas mitzuteilen, daß die Namen all jener, die in die Erschießung von Geiseln verstrickt waren - vom Kommandanten der Besatzungsstreitkräfte abwärts -, sorgfältig vermerkt würden und daß man die Betreffenden nach dem Krieg 'zur Strecke bringen, für die gegenwärtig begangenen Morde vor Gericht stellen und im Fall einer Verurteilung ohne viel Federlesens hinrichten' werde." Außerdem schuf Dalton - ob bewußt oder unbewußt, sei dahingestellt - einen äußerst gefährlichen Präzedenzfall, indem er die Bürger der okkupierten Länder dazu aufrief, Namen und Vorfälle zu notieren, die zur Identifizierung und Verurteilung der Schuldigen nach dem Krieg "von Nutzen" sein würden. Dalton war der Auffassung, die Erstellung solcher Listen werde in den besetzten Ländern der Moral der Bevölkerung starken Auftrieb verleihen. In der Praxis führte Daltons Aufruf dazu, daß unzählige, in vielen Fällen gänzlich unfundierte Anzeigen über teils wirkliche, oft aber frei erfundene Greueltaten eingingen, die sich häufig auf vage Gerüchte aus unbekannten oder unüberprüften Quellen zurückführen ließen, jedoch für die Angeklagten der angeprangerten Verbrechen tatsächlich geschehen, doch war nun eine Lawine losgetreten, die unvermeidlicherweise zu einer Vielzahl von Mißbräuchen führen mußte. Obwohl das Außenminsterium anfänglich keine sonderliche Begeisterung für Daltons Vorschlag an den Tag legte, änderte es seine Haltung mit dem Fortschreiten des Krieges und den damit Hand in Hand gehenden immer größeren Verlusten allmählich und schwenkte zusehends auf Daltons Kurs ein. Nach einem Jahr wurde dem Kriegskabinett der Entwurf einer Erklärung vorgelegt, die mit einer vagen Vergeltungsdrohung endete; ihr zufolge erklärten die alliierten Regierungen öffentlich, daß "die Brutalitäten, die in den besetzten Gebieten begangen werden, den Geboten der Menschlichkeit widersprechen, einen Rückfall in die Barbarei darstellen und eine sichere, unverzügliche und umfassende Vergeltung nach sich ziehen werden". Schon bald wurde die Liste erweitert und umfaßte nun nicht mehr bloß die (wirklichen und angeblichen) Täter selbst, sondern auch "jene, die bei der Unterstützung und Begünstigung dieser Greueltaten eine führende Rolle gespielt haben". Das Außenministerium legte dem Regierungskabinett einen frischen Entwurf vor, in dem es hieß: "Wenn diese Dinge bekannt werden, wird es die Weltöffentlichkeit den Verbrechern nicht erlauben, der gerechten Strafe für ihre Untaten zu entrinnen. Die Tatsachen werden dokumentiert, so daß die Welt zu gegebener Zeit ihr Urteil fällen kann. Mit dem Sieg wird die Vergeltung kommen." Dalton war mit dieser Abänderung höchst unzufrieden und beharrte darauf, das Außenministerium müsse öffentlich erklären, daß "Listen mit Namen" jener erstellt würden, die sich Brutalitäten hätten zuschulden kommen lassen. Die Veröffentlichung einer solchen Liste hätte selbstverständlich bedeutet, daß ein politisch - und nicht juristisch - motiviertes Urteil bereits gefällt worden wäre, denn wie hätte Dalton sonst auf einen bereits in vollem Gange befindlichen Vorgang hinweisen können? An den Anstoß zu diesen frühzeitigen Forderungen gab wohl die deutsche Praxis von Geiselerschießungen, und die britischen Propagandisten nahmen diese Gepflogenheit sofort zum Anlaß, um neue Strategien zu formulieren, die die Feindseligkeit der Bevölkerung gegenüber den deutschen Streitkräften verstärken sollten. Die Führungsrolle übernahm dabei abermals Winston Churchill, der davor warnte, die den Deutschen zur Last gelegten Schreckenstaten seien lediglich "ein Vorgeschmack dessen, was Hitler den Briten und den Amerikanern antun würde, gelänge es ihm je, diese unter seine Herrschaft zu bringen". Bemerkungen wie diese schürten weiter den Haß, der damals in Europa und Amerika herrschte. Die "Vergeltung für die Verbrechen", schloß Churchill, müsse fortan "eines der hauptsächlichen Kriegsziele bilden". Victor Cavendish-Bentinck, Vorsitzender des Joint Intelligence Committee (Gemeinsames Nachrichtendienstliches Komitee), war inmitten der ganzen Kriegshysterie dazu aufgefordert worden, handfeste Beweise für Greueltaten zu erbringen, doch war er der Ansicht, es sei "gefährlich", konkrete Fälle genau zu schildern. Die Deutschen, so argumentierte er, könnten beeidigte Aussagen vorlegen, die vorgeblich von Bewohnern der Orte stammten, wo die Greuel verübt worden seien, oder gar eine Untersuchung durch Neutrale vorschlagen. Bentinck, der während des Ersten Weltkrieges felsenfest an die den Deutschen damals von den alliierten Propagandisten zur Last gelegten Untaten geglaubt hatte, gab freimütig zu, daß es "schwierig sein würde, viele der gegenwärtig erhobenen Anklagen zu beweisen", und fügte hinzu, er selber stehe den zur Zeit eintreffenden Berichten skeptisch gegenüber, insbesondere jenen aus der Sowjetunion, die er als "Produkt slawischer Einbildungskraft" abtat; er wies darauf hin, daß Grobritannien selbst "bei verschiedenen Anlässen Gerüchte über Greuel und Scheußlichkeiten in die Welt gesetzt" habe, und schloß: "Ich hege keinen Zweifel daran, daß dieses Spiel weitverbreitet ist." Er fügte hinzu, obgleich Großbritannien aus verschiedenen Quellen Berichte über deutsche Missetaten erhalten habe, sei es nicht in der Lage, die auf Fakten fußenden Berichte von den unwahren zu unterscheiden. Ungeachtet diesen unverkennbaren Mangels an Beweisen für Greueltaten gewann die Kampagne zur sofortigen Hinrichtung gefangengenommener feindlicher Führer - nicht aber bloßer Vollstrecker - an Stärke. In seinem Buch Prelude to Nuremberg schreibt Arieh Kochavi: "Der britische Außenminister war der Ansicht, man müsse zwischen hochrangigen feindlichen Führern wie Hitler, Mussolini, Göring, Goebbels und Himmler, für die ein juristisches Verfahren unangemessen sei, und anderen Personen untergeordneten Ranges unterscheiden. Seiner Auffassung nach 'ist die Schuld dieser Männer so groß, daß sie nicht mit den Maßstäben eines juristischen Verfahrens gemessen werden kann'." Eden war anscheinend der Meinung, das Schicksal dieser Männer sollte durch eine politische Entscheidung besiegelt werden, wie es bei Napoleon der Fall gewesen war, einem anderen kontinentalen "Tyrannen", der den Status quo in Europa bedroht hatte. Offenbar sah der britische Außenminister nichts Außergewöhnliches daran, daß er sich, indem er solche Ansichten ausdrückte, über das Gesetz stellte und einer reinen Lynchjustiz das Wort redete. Als Kandidaten für eine solche Lynchjustiz nannte Telford Taylor unter Hinweis auf das eben zitierte Dokument ausdrücklich Heinrich Himmler: "Das Außenministerium hat ein Memorandum verbreitet, in dem es sich gegen die Schaffung eines Gerichts zur Aburteilung von Erzkriminellen wie Heinrich Himmler wendet, mit der Begründung, ihre 'Schuld sei so groß, daß sie nicht mit den Maßstäben eines juristischen Verfahrens gemessen werden könne'." Tatsache ist, daß bereits 1942 sämtliche Alliierten die Hinrichtung der Führer des Dritten Reiches forderten und nur in bezug auf den einzuschlagenden Weg uneins waren. Das unverhüllteste Warnzeichen in dieser Richtung war wohl die Ratifizierung der Moskauer Erklärung vom 1. November 1943, in der es hieß, "deutsche Verbrecher" würden "in die Länder überstellt, wo sie ihre Verbrechen begangen haben". Nachträglich gesehen sollte sich dies als ein weiterer verantwortungsloser und in der Praxis schwer zu verwirklichender Vorschlag erweisen und zu eklatanten Mißbräuchen führen, die - wie im Fall des in Rom inhaftierten Erich Priebke - bis zum heutigen Tage andauern. Außerdem waren die Probleme , die mit dem Erbringen einwandfreier juristischer Beweise für die den Streitkräften der Achse angelasteten Taten verbunden waren, erheblich. Die kläglichen Ergebnisse, welche die diesbezüglichen Untersuchungen gezeitigt hatten, bereiteten den Westalliierten 1945 arges Bauchgrimmen. Telford Taylor berichtet: "Unser Hauptproblem war, daß wir nicht allzu viele Beweise für Kriegsverbrechen in der Hand hatten ... und für die Erbringung solcher Beweise auf die Sowjetunion angewiesen waren. Nikitschenko (der sowjetische Ankläger in Nürnberg) war gerne bereit, uns behilflich zu sein, und flog nach Moskau." Moskaus Vorstellungen von "fairen Prozessen" waren freilich etwas eigenwillig, um es zurückhaltend auszudrücken. Die Sowjets sprachen sich für eine Hinrichtung der "Hauptkriegsverbrecher" nach einem kurzen Schauprozeß aus und legten den Engländern sogar nahe, gleich ein Exempel an Rudolf Heß zu statuieren, Hitlers ehemaligem Stellvertreter, der sich in britischem Gewahrsam befand. Die Briten lehnten dieses Ansinnen aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen gegen ihre eigenen Kriegsgefangenen ab. Obgleich die Sowjets wiederholt großzügig anerboten hatten, das benötigte "Beweismaterial" in Windeseile zu liefern, wollte Eden nichts von ihren Vorschlägen wissen. Er meinte, man solle der sowjetischen Seite erklären, daß nicht einmal Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden dürften, ehe Beweise für ihre Schuld vorlägen, und daß die Errichtung einer Kommission der Vereinten Nationen eine unabdingbare Voraussetzung für solche Prozesse bilde. Nichtsdestoweniger versuchte Moskau seine Verbündeten zur Übernahme seines eigenen Standpunkts zu bewegen, indem es - anscheinend als Lehrstück für den Westen - im Sommer 1943 einen Schauprozeß durchführte. Damals wurden elf Sowjetbürger wegen Beihilfe zum angeblichen Mord an 7.000 Menschen in Krasnodar vor Gericht gestellt:; acht davon wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, die restlichen drei zu unterschiedlich hohen Freiheitsstrafen und Zwangsarbeit, was de facto einfach auf eine langsame Hinrichtung hinauslief. Das Bemerkenswerteste an diesem Prozeß war weder sein Ablauf, noch waren es die von vornherein feststehenden Urteile, sondern die Tatsache, daß die Sowjets die "Führer der faschistischen Regierung Deutschlands" und das Oberkommando der Wehrmacht gleich mit auf die Liste der Angeklagten gesetzt und dies damit begründet hatten, das gesamte "blutige Hitler-System" stehe vor Gericht. P.N. Crosswaithe meinte, das Verfahren habe "eine auffallende Ähnlichkeit mit den politischen Prozessen vor dem Krieg" aufgewiesen und sei "als Show zur Schürung von Haß auf den Feind" inszeniert worden. Darüber dachte Andrej Wischinski, "Volkskommissar für Justiz", ganz anders. In einem Prawda-Artikel hielt er fest, der Prozeß von Krasnodar sei lediglich ein kleines Vorspiel zu dem, was noch kommen werde: Den "Führern des Faschismus" werde eine "gerechte Strafe" für ihre "schauderhaften Verbrechen" zu teil werden. Freilich klangen die Worte des Justizministers mehr wie die wüsten Drohungen eines Gangsterbosses, der den Führern einer verfeindeten Bande eine blutige Abrechnung in Aussicht stellt, als wie ein beschwörender Aufruf zu unparteiischer Gerechtigkeit ... Gegen Ende 1943 führten die Sowjets einen weiteren Schauprozeß durch, diesmal gegen drei Deutsche sowie einen russischen Kollaborateur, denen die Ermordung Tausender friedliebender Sowjetbürger in "Gaswagen" vorgworfen wurde. Diese Mordinstrumente wurden anfangs als "große schwarze Autos" beschrieben, später veränderten sie sich zu "Lastwagen" oder "Anhängern". Auch diesmal wurden die Führer der deutschen Regierung mitverurteilt. Der Prozeß, das Urteil und die Hinrichtung der Angeklagten nahmen insgesamt nur drei Tage in Anspruch. Der Prozeß fand weltweite Beachtung; in englischer Sprache abgefaßte Berichte darüber wurden in zahlreichen Ländern verbreitet, um bei den westlichen Verbündeten der UdSSR Hysterie zu schüren. Das offizielle Organ der Sowjetregierung, Iswestija, kündigte an, das Verfahren sei "lediglich der Anfang der großen Prozesse gegen Hitlers Schufte", die erst dann enden würden, wenn die "faschistische Räuberhöhle in Europa" ausgeräuchert sei. Als die Deutschen in Katyn Massengräber mit den Leichen Tausender ermordeter polnischer Offiziere entdeckten, die auf persönlichen Befehl Stalins umgebracht worden waren, schoben die Sowjetpropagandisten das Massaker dreist den Deutschen in die Schuhe und beharrten noch beim Nürnberger Prozeß auf dieser Version. Die Sowjets versuchten nicht nur, die Verantwortung für ihr eigenes Verbrechen abzuwälzen, sondern verzehnfachten die Zahl der Opfer auch gleich noch! Bradley F. Smith bewertet dies folgendermaßen: "Daß die Sowjets vor aller Augen eine Kehrtwendung vollzogen u nd die Opferzahl um das Zehnfache erhöhten, während die Weltpresse aufmerksam zusah, war der beste Weg, ein Propagandadesaster heraufzubeschwören." Der führende sowjetische Jurist Aaron Trainin äußerte sich erbost über zwei kritische Leitartikel, von denen der erste in der englischen Yorkshire Post und der zweite im Manchester Guardian erschienen war und in denen die ketzerische Forderung erhoben wurde, die Fahndung nach Kriegsverbrechern sowie deren Verhaftung und Verurteilung solle auf die Nachkriegszeit verschoben werden. Trainin bemerkte dazu sarkastisch, man könne leicht verstehen, daß die britischen Journalisten "es weniger eilig mit einem Prozeß gegen die hitleristischen Missetäter haben als bespielsweise die Bewohner von Charkow und Kiew, die den Horror der hitleristischen Okkupation überstanden haben", wobei er Kochavi zufolge offensichtlich übersah, daß jemand, der wie die Bewohner von Charkow und Kiew 26 Jahre Lenin und Stalin überstanden hatte, höchstwahrscheinlich alles und jedes überstehen konnte. Andere Sowjetpropagandisten, die im Schlepptau des berüchtigten Ilja Ehrenburg segelten, verstärkten die Greuelpropaganda gegen Deutschland, indem sie abwegige Behauptungen aufstellten und beispielsweise zum besten gaben, das deutsche Oberkommando habe in den Armeeschulen besondere Studiengänge eingeführt, in denen gelehrt werde, es sei "notwendig, die überwältigende Mehrheit der Völker der Sowjetunion auszurotten", weswegen sie der deutschen Regierung und dem deutschen Oberkommando auch blutige Vergeltung verhießen. Kurzum, es war dies nichts weiter als typische Sowjetpropaganda, über die bloß gelacht worden wäre, hätten sich die Westmächte nicht im Krieg mit Deutschland befunden. Doch selbst wenn ein solches Programm von einem brutalen NS-Funktionär wie Erich Koch zur Sprache gebracht worden sein sollte, gibt es nicht den geringsten Hinweis dafür, daß solcherlei auf Geheiß des deutschen Oberkommandos je an Armeeschulen gelehrt wurde. Schriftsteller und Historiker von Rang haben sich gründlich mit der Konferenz von Teheran auseinandergesetzt, wo Stalin auf die geplante summarische Exekution von 50.000 deutschen Offizieren anstieß; wir brauchen dieses Thema also nur kurz zu behandeln. Churchill, der in jener Nacht offenbar streitsüchtig aufgelegt war, nahm Anstoß an diesem Toast und wollte sich schmollend verziehen, wurde jedoch von Roosevelt zurückgehalten, der die Wogen mit eienm Scherz zu glätten versuchte und vorschlug, man möge sich mit der Erschießung von 49.500 Offizieren begnügen. Hierzu wollen wir nur bemerken, daß Churchills Einspruch gegen Stalins Plan keineswegs bedeutete, daß er den politischen Mord grundsätzlich verwarf. Er lehnte zwar Massenhinrichtungen stets überzeugt ab, empfand aber keine Gewissensbisse, wenn es darum ging, einzelne unerwünschte Personen durch Mord aus dem Weg zu räumen. Kurz vor dem Teheraner Gipfeltreffen hatte er sich zur Frage jener Hauptkriegsverbrecher geäußert, deren Untaten sich nicht auf eine spezifische geographische Region beschränkten. Sein diesbezüglicher Plan sollte eine Ergänzung der Moskauer Erklärung darstellen, die sich zu diesem Punkt nicht äußerte. Der britische Premierminister verlangte die Erstellung einer Liste mit den Namen der Angehörigen der "Hitler- und Mussolini-Bande sowie der japanischen Warlords", die mit dem Fortdauern des Krieges laufend ergänzt werden sollte; wer immer eine Person töte, deren Name auf der Liste stand, solle keinerlei Strafe zu befürchten haben. Churchills Plan zufolge sollten in Gefangenschaft geratene feindliche Führer sofort nach ihrer Identifizierung hingerichtet werden: "Wann immer eine dieser Personen den Truppen oder Streitkräften der Vereinten Nationen in die Hände fällt, wird der nächste Offizier, der zumindest den Rang eines Generalmajors oder einen entsprechenden Grad bekleidet, eine Untersuchungskommission einberufen, nicht um die Schuld des Angeklagten zu ermitteln, sondern lediglich um die Tatsache seiner Identifizierung zu erhärten. Sobald diese erfolgt ist, wird der betreffende Offizier den oder die Verbrecher innerhalb von sechs Stunden erschießen lassen, ohne eine höhere Instanz zu Rate zu ziehen." Aufschlußreicherweise "war das Außenministerium der Ansicht, es habe keinen großen Sinn, in dieser Sache an die Amerikaner oder die Russen heranzutreten, solange das Kriegskabinett in der ganzen Frage keinen klaren Standpunkt eingenommen habe". Dennoch sollte eine Liste mit den Namen von 50 bis 100 der hauptsächlichsten deutschen, italienischen und japanischen Kriegsverbrecher erstellt werden, die von dieser Entscheidung betroffen sein würden. Die endgültige Liste wurde dem Chef des Außenministeriums Anfang April 1944 vorgelegt. Sie enthielt 33 Namen, darunter Hitler, Göring, Goebbels, Heß, Ribbentrop und Himmler. Parallel dazu wurde eine andere Liste erstellt, auf der 14 Namen prangten, darunter jene von Hans Frank, Konrad Henlein, Erich Koch und Arthur Seyss-Inquart. Als die definitive Version der Liste veröffentlicht wurde, löste sie Kritik aus, freilich nicht aufgrund des schockierenden Umstands, daß hier glatter Mord befohlen wurde, sondern weil die Zahl der Namen zu gering sei! Cavendish-Bentinck sprach Klartext über die Logik, die hinter dem Beschluß zur Billigung unverbrämter Mordbefehle steckte: De Deutschen sollte "eine Lektion erteilt werden, die sie während vieler Generationen nicht vergessen würden"; der Nationalsozialismus sollte "zermalmt" und die Moral der Armee "gebrochen" werden. Mit der Mentalität eines Revolverhelden schlug Bentinck vor, Großadmiral Karl Dönitz, Großadmiral Erich Raeder sowie "ein paar Generale" ohne Prozeß kurzer Hand zu erschießen. Mit aller Entschiedenheit lehnte er Prozesse gegen jene ab, die er als die schlimmsten Übeltäter erachtete; ein Prozeß, argumentierte er, werde "den viehischsten Verbrechern Gelegenheit bieten, sich als Helden aufzuspielen". Gegen den Vorschlag, die Admirale Dönitz und Raeder sowie einige Generale auf die Liste der unverzüglich zu Erschiessenden zu setzen, regte sich unerwarteter Widerstand. Hingegen hatte niemand etwas dagegen einzuwenden, dass Männern wie Hitler, Goebbels oder Himmler eine solche Behandlung zugedacht war. Himmler galt schon darum als Feindbild schlecht hin, weil er das Oberhaupt der gesamten SS-Organisation sowie der oberste Verantwortliche des verhaßten Konzentrationslagersystems war - wobei offenbar übersehen wurde, daß der Gründer des KZ-Systems wie auch der Gestapo freilich nicht Himmler sondern Göring gewesen war. Mitte Juni 1944 erklärte sich das Außenministerium mit der Liste zufrieden, da die darauf figurierenden Namen "systematisch" und nicht willkürlich ausgesucht worden seien. Allerdings fürchtete sich Eden vor der Ablehnung und Kritik Churchills, war die Zahl der Namen doch von 100 auf 41 geschrumpft. Als der stellvertretende Premierminister Clement Atlee die überarbeitete Liste zu Gesicht bekam, war er enttäuscht. Er monierte, dass nicht mehr Vertreter des Militärs darauf standen, da diese das Soldatenhandwerk durch ihr Verhalten eindeutig in Verruf gebracht hätten. Es sei, so klagte Atlee, "unfair", wenn sich diese Männer unter dem Vorwand, sie hätten nur "Befehle von Oben befolgt", einer raschen Vergeltung entziehen könnten - ein Argument, das weitgehend dem Moskauer Muster folgte "Offiziere, die sich wie Gangster benehmen, sollten auch wie solche behandelt werden", urteilte er kategorisch, anscheinend ohne die Ironie dieser Aussage zu bemerken. Das Außenministerium versuchte die Verärgerung Atlees mit der Bemerkung zu dämpfen, er habe übersehen, dass auf der Liste nicht all jene stünden, die bestraft werden müssten, sondern bloß diejenigen, die summarisch hinzurichten seien. Vom 11. bis 16. September traf sich Churchill bei der berühmt-berüchtigten Konferenz von Quebec mit Roosevelt, dem er seine Idee schmackhaft machen wollte, wobei er für das von Lord Simon vorgeschlagene Konzept war. Der Lordkanzler, der Churchills verläßlichster Verbündeter bei dessen blutrünstiger Kampagne war, wollte Hitler, Göring, Himmler, Goebbels und Ribbentrop sofort nach ihrer Gefangennahme hinrichten lassen und führte hierzu aus: "Sobald einer dieser Hauptkriegsverbrecher in alliierte Hände fällt, werden die Alliierten darüber entscheiden, wie er zu liquidieren ist und die Ausführung dieser Entscheidung wird auf dem Fuß erfolgen. Churchill, der sich diesen Plan vollends zu eigen machte, flog nach Quebec, ohne die Frage zuvor seinem Kabinett zu unterbreiten. Falls der britische Premierminister Zweifel hegte, ob Roosevelt seinen Vorschlag billigen würde, so müssen diese sofort zerstoben sein, als er erfuhr, daß der US-Präsident von seiner grauen Eminenz begleitet wurde, dem fanatisch deutschfeindlichen Finanzminister Henry Morgenthau junior, der als rabiatester Befürworter eines drakonischen Diktatfriedens mit Deutschland galt. Morgenthaus Agenten und Mitarbeiter scheinen überall ihre Finger im Spiel gehabt zu haben, wo das Thema Deutschland zur Sprache gebracht wurde; sie waren gewissermaßen die "Augen und Ohren" ihres Chefs. Als beispielsweise Oberstleutant Bernard Bernstein, ein mit militärischen Planungsaufträgen betrauter Vertreter des Schatzministeriums, Kopien des Armeehandbuchs der USA sowie der Interimdirektiven für die geplante Besetzung Deutschlands in die Hände bekam, setzte er Morgenthau unverzüglich in Kenntnis und stellte ihm die Kopien zur Einsicht zur Verfügung. Nach der Lektüre reagierte Morgenthau unverzüglich und radikal: Er wurde gleich bei Roosevelt vorstellig, um ihn vor dem "milden Frieden" für Deutschland zu warnen, der Eisenhowers Stabchef vorschwebte. Einige Tage darauf traf sich Morgenthau mit Henry Stimson, bestürmte den Kriegsminister mehr als eine Stunde lang zum Thema der Entindustrialisierung Deutschlands und legte seine Vorstellungen zur SS und Gestapo dar, deren Angehörige ihm zufolge kurzerhand an die Wand gestellt werden sollten. Für Mitglieder von Organisationen wie der Hitlerjugend, des Bundes deutscher Mädel sowie andere "vom Nazi-Virus verseuchte" Kinder und Jugendliche schlug er eine ethnische Säuberung in Form ihrer massenhaften Deportation nach Afrika vor. Wie Bradley F. Smith ausführt: "Auch die Massendepotation von Nazis in entlegene Winkel des Erdballs wurde in Betracht gezogen, und bei einer Konferenz des Schatzministeriums wurde allen Ernstes über die heikle Frage diskutiert, wie man mit unter sechsjährigen Kindern von SS-Männern umzuspringen solle." Telford Taylor wurde ebenfalls über diese geplanten Maßnahmen in Kenntnis gesetzt, wandte sich jedoch mit aller Entschiedenheit gegen ihre Verwirklichung. Nach dem Krieg führte er hierzu aus: "Meine Haltung beruhte auf meiner Auffassung, daß eine solche riesenhafte Schlächterei undenkbar war und daß man nicht alle SS-Männer über einen Kamm scheren durfte. Im Sommer 1944 führte mich eine Mission nach Bastia, Korsika, das soeben von der deutschen Besetzung befreit worden war. Ich war bei einer korsischen Familie untergebracht; diese und alle anderen Korsen, die ich traf, erklärten mir, die Besatzungstruppe, die SS-Brigade Reichsführer SS, habe sich sehr korrekt benommen." Doch Morgenthau setzte seine ganze , beträchtliche Überzeugungskraft ein, um Roosevelt für sich zu gewinnen, obwohl dieser einer solchen Bearbeitung kaum mehr bedurfte. Morgenthau war ein beharrlicher, wichtigtuerischer Mann, der zutiefst an seine Gabe glaubte, andere zu überzeugen. Als er dem Präsidenten am 19. August 1944 mitteilte, daß manche in Europa für Deutschland eine "sanfte Zukunft" befürworteten, erwiderte dieser: "Geben Sie mir dreißig Minuten mit Churchill, und ich kann dem abhelfen." Roosevelt führte weiter aus: "Wir müssen mit Deutschland hart umspringen, und ich meine damit das deutsche Volk, nicht nur die Nazis. Entweder müssen wir das deutsche Volk kastrieren, oder aber wir müssen es so behandeln, daß es keine Nachkommen mehr zeugen kann, die so weiterfahren wollen wie früher". Man weiß nicht, woher er die Idee mit der Kastration hatte. Möglicherweise hatte er in Verbindung mit Theodore Kaufman gestanden, einem amerikanischen Schriftsteller jüdischen Glaubens, der ein abscheuliches Buch mit dem Titel Germany Must Perish (Deutschland muß vernichtet werden) verfaßt hatte, in dem er vorschlug, das deutsche Volk durch die Sterilisierung sämtlicher Fortpflanzungsfähiger auszurotten. Das Wort "kastrieren" schien den Präsidenten jedenfalls auf gewisse Gedanken gebracht zu haben, denn schon bald beobachtete man ihn dabei, wie er kleine Skizzen einer visionären "Kastrationsmaschine" zeichnete. "Allzu viele Leute", meinte Roosevelt, "vertreten die falsche Auffassung, daß das deutsche Volk als Ganzes nicht für das Geschehene verantwortlich sei, sondern nur ein paar Naziführer. Dem deutschen Volk muß eingehämmert werden, daß die ganze [deutsche] Nation in eine gesetzlose Verschwörung gegen den Anstand der modernen Zivilisation verstrickt ist." Die zahlreichen Kritiker Roosevelts ließen sich - vor allem aufgrund des Bündnisses, das ihr Präsident mit der Sowjetunion geschlossen hatte - von solch hochtrabenden Formulierungen nicht beeindrucken, doch ihre Mahnungen ließen letzteren kalt. "Ich will nicht, daß sie [die Deutschen] verhungern, doch wenn sie beispielsweise Essen brauchen, soll man sie dreimal täglich aus Armeesuppenküchen ernähren", erklärte er ohne Umschweife. "So wie die Arbeitslosen." Selbst Chruchill, bei dem Vorschläge für eine möglichst harte Behandlung des besiegten Feindes stets auf fruchtbaren Boden fielen, war baß erstaunt angesichts der unersättlichen Rachsucht des amerikanischen Finanzministers und ließ Stalin gegenüber die Bemerkung fallen: "Morgenthaus Haß auf die Deutschen ist unbeschreiblich." Neben seinen bereits erwähnten Forderungen verlangte Morgenthau auch die sofortige Festnahme sämtlicher Angehöriger nationalsozialistischer Organisationen wie der Gestapo und der SS sowie der Funktionäre der NSDAP. Seine Vorstellungen von "Gerechtigkeit" waren wahrhaftig ungewöhnlich und ließen sich schwerlich mit dem althergebrachten abendländischen Konzept der Rechtsstaatlichkeit in Übereinstimmung bringen. Stimson schrieb Morgenthaus harte Linie seinem persönlichen "semitischen Groll" zu. Doch Morgenthau stand mit seinen Ansichten durchaus nicht allein auf weiter Flur, sondern hatte Anhänger vom Schlage des Außenministers Cordell Hull, der den Nationalsozialismus ähnlich einstufte wie Himmler und radikale Nationalsozialisten das Judentum oder den Kommunismus und sich wie folgt äußerte: "Der Nazismus steckt tausend Meilen tief im deutschen Volk drinnen; man muß ihn mit Stumpf und Stiel ausrotten, und dazu reicht es nicht, einfach ein paar Leute zu erschießen." Diese Ansicht mutet recht befremdlich an, wenn man sich vor Augen hält, daß die NS-Bewegung bis 1945 noch keine 30 Jahre alt geworden war, während das deutsche Volk bzw. seine Stämme bereits seit Jahrtausenden existierten! Das sich anschließende Zitat erklärt, was Hull meinte. Als er sich am 16. März 1943 mit dem britischen Botschafter Lord Halifax traf, erläuterte er diesem seine Vorstellungen, wie man mit der NS-Führungsspitze umzuspringen habe, in aller Offenheit. Halifax vertraute seinem privaten Tagebuch hernach folgendes an: "Hull hat mich mit seinem Ausspruch überrascht, daß er am liebsten alle Naziführer bis hin zu ziemlich niedrigen Graden erschießen und physisch vernichten möchte!" Die harte Einstellung Hulls ging sicherlich wenigstens zum Teil auf den unheilvollen Einfluß Morgenthaus zurück, denn in den letzten Wochen seiner Amtszeit vollzog er eine radikale Kehrtwendung und verbündete sich mit dem bedeutend gemäßigteren Stimson, doch der Einfluß Morgenthaus, der bis 1945 Finanzminister war, auf den Präsidenten sowie den britischen Premierminister blieb sehr beträchtlich. Stimson äußerte sich unzweideutig über Hulls irrationale Einstellung, die für ihn einfach Bessenheit "von einem semitischen Groll" war. Um seinen Rivalen zu neutralisieren, traf sich Stimson mit dem jüdischen Richter Felix Frankfurter, einem Angehörigen des Obersten Gerichtshofs. Es wurden die Probleme erörtert, die sich aus Morgenthaus Racheplänen für das Deutschland der Nachkriegszeit ergaben. Zu Stimsons Erleichterung stellte sich Frankfurter auf den Standpunkt, die angeklagten Nationalsozialisten hätten Anrecht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren. Im Verlauf ihrer Unterredungen wies Frankfurter Stimson auf einen anderen jüdischen Beamten hin, Oberstleutant Frederick Bernays Wiener, der damals als junger Anwalt im Büro des Wehrdisziplinaranwalts tätig war und laut Frankfurter ein Gegengewicht zu Morgenthau und seiner Clique bilden konnte. Dieser Vorschlag führte dazu, daß man auf Murray C. Bernays aufmerksam wurde, der ebenfalls Oberstleutnant war, zudem ein entfernter Verwandter von Wiener und im Pentagon zum inneren Kreis gehörte. Bernays wußte sehr wohl über die Forderungen Bescheid, die damals von der American Jewish Conference sowie dem von Henry Morgenthau gegründetenWar Refugee Board (Komitee für Kriegsflüchtlinge) erhoben wurden und dahingehend lauteten, daß auch nationalsozialistische Verbrechen gegen deutsche Juden in der Vorkriegszeit zu ahnden seien. In einem von Oberst Bernays im Hinblick auf die geplanten Prozesse gegen "europäische Kriegsverbrecher"" verfaßten, auf den 15. September 1944 datierten Dokument heißt es: "Starker Druck wird auf die Regierungen der USA und Großbritanniens seitens organisierter jüdischer Gruppen ausgeübt, die für ihre Glaubensgenossen sprechen, aber zweifellos auch die Ansichten vieler anderer vertreten, die nicht ihrem Glauben angehören, jedoch ebenfalls meinen, diese Taten sollten als Kriegsverbrechen eingestuft und behandelt werden." Bernays fügte folgende sibyllinische Warnung hinzu: "Es ist anzunehmen, daß der Druck mit der Zeit zunehmen wird." Der Außenminister selbst verfocht den Standpunkt, die Judenverfolgung der Vorkriegszeit habe mit den Gesetzen des Krieges nichts zu tun; er hob hervor, "im Krieg und vor dem Krieg gegen deutsche Staatsbürger durchgeführte Aktionen" seien "keine Kriegsverbrechen", und kein fremdes Gericht sei befugt, darüber zu urteilen, genau wie "kein fremdes Gericht befugt sei, jene zu verurteilen, die in unserem eigenen Land Lynchjustiz betrieben oder gebilligt haben". Bernays vermochte es geschickt, sämtliche Bedenken hinsichtlich der brüchigen juristischen Grundlage einer Bestrafung der angeblich von der deutschen Regierung verübten Verbrechen zu zerstreuen, indem er das schlaue Konzept einer "kriminellen Verschwörung" erfand und propagierte. Dieses war zwar in der europäischen Rechtssprechung unbekannt, jedoch unlängst in den USA beim sogenannten Great Sedition Trial gegen amerikanische Faschisten zu Ehren gelangt. Bradley F.Smith schreibt: "In der modernen angloamerikanischen Rechtsprechung wird zunehmend anerkannt, daß die Verfolgung einer Verschwörung Anlaß zu schweren Mißbräuchen bieten kann, weil es fast immer schwierig ist, Beweise dafür zu erbringen, daß jemand im voraus in bestimmte Dinge eingeweiht war, und weil eine solche Verfolgung der Unterdrückung mißliebiger Ideen gefährlich nahe kommen kann." Nichtsdestweniger diente Bernays' Plan als Grundlage für sämtliche künftige Prozesse, welche die Alliierten im besetzten Deutschland durchführen sollten: Eine "Verschwörung", die - außer in Oberst Bernays' Phantasie - niemals existiert hatte, diente als Vorwand zur Schaffung einer rückwirkenden Gesetzgebung. Bernays ging so weit, den noch zu gründenden Tribunalen genau vorschreiben zu wollen, welchen Kurs sie einzuschlagen hatten: "Das Urteil sollte folgendes beinhalten: 1. Daß die Naziregierung und ihre erwähnten Institutionen schuldig gemäß der Anklage sind. 2. Daß jedes Mitglied der Regierung sowie der vor Gericht stehenden Organisationen desselben Verbrechens schuldig ist. Eine solche Festlegung der Schuld würde keinen Beweis dafür erfordern, daß die Angeklagten individuell an irgendeiner konkreten Tat beteiligt waren; die Teilnahme an der Verschwörung würde genügen ... f) Jedes Mitglied der erwähnten Regierung wäre zu verhaften, vor Gericht zu stellen und zu bestrafen ... Der Nachweis der Zugehörigkeit allein würde zum Schuldspruch wegen Beteiligung an der erwähnten Verschwörung ausreichen, und der Betreffende würde nach Ermessen des Gerichts bestraft. Der Nachweis, daß der Betreffende weitere kriminelle Handlungen verübt hat, würde zusätzliche Bestrafungen laut dem örtlichen Gesetz nach sich ziehen ... Sobald die Tatsache der Verschwörung festgestellt ist, würde jede einzelne Tat jedes einzelnen Beteiligten während und zur Förderung der Verschwörung allen anderen Beteiligten angelastet werden." Praktischweise waren sämtliche Ministerien und Institutionen der Reichsregierung sowie der NSDAP diesem Konzept nach kollektiv schuldig. Bernays' Plan steht in der modernen Geschichte wohl einzigartig da, weil sämtliche Elemente dessen, was man üblicherweise als "Verschwörung" definiert, nun einer ganzen Nation angelastet wurden. Zentrale Punkte waren für Bernays die "Entlarvung" der "rassistischen und totalitären Bedrohung" sowie die Notwendigkeit, "dem deutschen Volk das Bewußtsein seiner Schuld ... für die von seiner Regierung begangenen Verbrechen einzuflößen". Bradley F. Smith kommentiert dies wie folgt: "Der Plan beruhte auf dem Grundsatz einer angenommenen Schuld aufgrund bloßer Mitgliedschaft in einer Organisation - einem Konzept, das, wenn es zum allgemeinen Prinzip erhoben wird, jeden Vorkämpfer der Bürgerrechte zusammenzucken lassen muß." Doch Bürgerrechte und Vernunft standen im Jahr 1944 nicht sonderlich hoch im Kurs, und in Washington priesen Regierungsbeamte, die angestrengt nach einer rechtlichen Grundlage für die geplanten Prozesse gesucht hatten, Bernays' Vorhaben als "einfallsreich". Für sie war er ein wahres Gottesgeschenk, ermöglichte er es ihnen doch, den auf Maßnahmen gegen die deutsche Regierung drängenden jüdisch-amerikanischen Organisationen eine verbindliche Antwort zu erteilen. Um die Forderungen dieser äußerst einflußreichen Gruppen zu erfüllen, schreckten sie allem Anschein nach vor keiner Beugung, Verdrehung oder sonstigen Manipulation des internationalen Rechts zurück. Die einzige Variante, die niemals in Betracht gezogen wurde, war anscheinend die, das deutsche Volk seine eigenen Führer ohne alliierte Einmischung vor Gericht zu stellen zu lassen. Schon der Vorschlag, auch Neutrale als Richter zu akzeptieren, wäre eine bessere Lösung gewesen als der Kurs, den die Siegermächte dann einschlugen. Als die Presse über die bei der Konferenz von Quebec gefällten Entscheidungen berichtete und in den allermeisten Fällen harsche Kritik daran übte, bliesen sowohl Roosevelt als auch Churchill hastig zum Rückzug. Roosevelt machte anfänglich das Außenministerium für die Indiskretion verantwortlich, nahm aber dann Zuflucht zu der schwachen Ausrede, der Fehler liege bei Morgenthau, der "einen Bock geschossen" habe, und klagte mit quietschender, fast schon seniler Stimme: "Wie hätte ich so etwas unterschreiben können?" Doch in Wirklichkeit hatte Roosevelt Morgenthaus unbarmherzigen Plänen schon bedeutend früher, zu einem Zeitpunkt, da die Konferenz von Quebec noch nicht einmal geplant war, seinen Segen erteilt, was sein ohnehin nicht überzeugendes Dementi widerlegte. Er war also beim Lügen ertappt worden. Churchill begriff, daß sich die Chancen für eine Verwirklichung seiner Agenda verschlechterten, hielt aber auch nach der Konferenz von Quebec an dieser fest. Er hoffte immer noch, Stalin für seinen Vorschlag gewinnen zu können, und war sehr enttäuscht über die Antwort des Diktators, als er diesem bei seinem Besuch in Moskau im Oktober 1944 vorschlug: "Wenn diese hohen Nazioffiziere in Gefangenschaft geraten, aollte man sie ohne Umschweife erschießen." Stalin, der seinem altbewährten Prinzip der Schauprozesse treu bleiben wollte, erhob dagegen Einspruch. Wie Robert Jackson, späterer US-Richter beim Nürnberger Prozeß, bemerkte, kam Stalins Vorstellung von einem "fairen Prozeß" ohnehin bloß einer Bestätigung der bereits geplanten Hinrichtung gleich. Dies wurde später von dem sowjetischen Ankläger in Nürnberg, Nikolaj Nikitschenko, bekräftigt, der auf der zweiten Tagung des Gerichts erklärte: "Wir haben es hier mit den Hauptkriegsverbrechern zu tun, die ´bereits überführt worden sind´ und deren Schuld schon in den Erklärungen von Moskau und Jalta von den Staatsoberhäuptern festgestellt wurde." Die Aufgabe des Gerichts, erklärte er später, bestehe nur darin, "das Ausmaß der Schuld jeder einzelnen Person zu ermitteln und die erforderliche Strafe - die Urteile - zu verhängen". Nach seiner unbefriedigenden Begegnung mit Stalin verlieh Churchill seiner Frustration sogleich in einem Brief an Roosevelt Ausdruck, in dem er diesen über Stalins unakzeptable Linie in Kenntnis setzte und ihm mitteilte, er habe den Entschluß gefaßt, ein vorher geplantes gemeinsames Telegramm an den sowjetischen Diktator nicht zu unterzeichnen. In Anbetracht der Unnachgiebigkeit Stalins, der isolierten und als anrüchig geltenden Position Morgenthaus sowie der Tatsache, daß Roosevelt infolge des entschlossenen Widerstands mancher Angehöriger seines eigenen Kabinetts, aber auch der öffentlichen Meinung die Hände gebunden waren, blieb Churchill nichts weiter übrig, als auf eigene Faust weiterhin für eine summarische Exekution feindlicher Führer zu werben, die das Pech haben würden, den Briten in die Hände zu geraten. Im Gegensatz zu Roosevelt konnte Churchill in dieser Frage auf die geschlossene Unterstützung des britischen Kabinetts sowie auf breite Zustimmung in der britischen Öffentlichkeit zählen. Nach Churchills Rückkehr aus Quebec trat er mit Lord Wright in Verbindung, dem nominellen Vertreter Australiens beim UN-Komitee zur Ahndung von Kriegsverbrechen, der in einem Brief an den britischen Premierminister seiner Befürchtung Ausdruck verliehen hatte, deutsche Kriegsverbrecher könnten sich der Gerechtigkeit entziehen, weil sie "außerordentlich listig und verschlagen sind und es verstehen, ihre Spuren zu verwischen". In einem Antwortschreiben meinte Churchill: "Wenn wir uns auch weiterhin einzig und allein auf die bereits existierende Maschinerie verlassen, wird es uns nicht gelingen, Kriegsverbrecher, die bestraft gehören, zu erwischen und der Bestrafung zuzuführen, und die Öffentlichkeit wird uns für die mageren Resultate verantwortlich machen." Jedenfalls waren die Amerikaner bereits entschlossen, die angeklagten nationalsozialistischen Führer vor ein alliiertes Gericht zu stellen, und machten inzwischen ihren ganzen Einfluß geltend, um die Briten zum Einschwenken auf ihren Standpunkt zu veranlassen. Henry Stimson, dem es geglückt war, seinen Hauptgegner Morgenthau kaltzustellen, zeigte sich verblüfft über die britische Sturheit und vertraute seinem Tagebuch an: "Die Briten haben sich, wie ich in diesem Tagebuch wohl bereits vermerkt habe, eindeutig gegen einen Prozeß ausgesprochen und wollen die Leute kurzerhand umbringen - eine durch und durch ungewöhnliche Haltung." Kurz darauf hielt der Kriegsminister in einem weiteren Tagebucheintrag fest: "Die Briten haben sich zu meinem allergrößten Erstaunen zugunsten dessen ausgesprochen, was sie 'eine politische Aktion' nennen, was jedoch nur eine Beschönigung für Lynchjustiz ist, und sie wollen diese Männer ohne Prozeß hinrichten. Sie John Simon und das Kriegskabinett wollen sie sofort nach ihrer Festnahme hinrichten ..." Inzwischen entsandte Roosevelt einen weiteren schwergewichtigen Juristen und Gefolgsmann namens Samuel Rosenman nach London. um mit Lord Simon zusätzliche Diskussionen zur Frage der Kriegsverbrecher zu führen. Rosenmans Aufgabe bestand darin, die Briten von der Notwendigkeit eines Gerichtsverfahrens zu überzeugen. Weder er noch Lord Simon waren offiziell zum Abschluß eines Abkommens befugt, doch am 9. April 1944 legte Simon Rosenmans Vorschläge zur Kenntnisnahme dem Kabinett vor, das sich höchst kritisch dazu äußerte. Einer seiner hauptsächlichen Einwände war, daß die "Hauptkriegsverbrecher" wie Hitler, Goebbels und Himmler das Recht haben würden, lange Reden zur Rechtfertigung ihrer Politik zu halten, wenn man ihnen das Recht auf einen Prozeß einräumte. Ferner äußerten sie folgenden Vorbehalt: Würde man Hitler vor Gericht stellen, so würde dies seine Aussichten erhöhen, kommenden Generationen als nationaler Märtyrer zu gelten. Es sei besser, meinten diese Minister, die NS-Führer zu weltweit Geächteten zu erklären und summarisch hinzurichten, sobald sie den Alliierten in die Hände fielen. Diese Befürchtungen fanden schließlich später beim Nürnberger Prozeß ihren Niederschlag. Wiederholt mahnte das Gericht die Verteidigung sowie die Angeklagten, "auf lange Reden zu verzichten". Die Ankläger befürchteten, die Beschuldigten, insbesondere Göring, könnten versuchen, den Prozeß als "Vehikel" zur Verbreitung von "Nazipropaganda" zu benutzen und, wie es der US-Richter Birkett formulierte, "das Vertrauen der Deutschen in ihre Führer wiederherstellen". Aufgrund des starken Eindrucks, den Göring vor Gericht hinterließ, zogen die Richter am 22. März 1946 folgenden Schluß: "Das Gericht hat es dem Angeklagten Göring erlaubt ... seine Beweise vorzulegen, ohne ihn je dabei zu unterbrechen ... Das Gericht beabsichtigt nicht, irgendeinen der anderen Angeschuldigten ebenso verfahren zu lassen, außer soweit es für ihre eigene Verteidigung nötig sei." Fortan huldigten Richter und Ankläger während des ganzen Prozesses dem Brauch, die Angeklagten mitten im Satz auf rüde Art zu unterbrechen. Dies heißt, das einzig und allein Göring das Recht zuteil wurde, ausführlich zur Verteidigung seines Landes sowie seines eigenen Lebens zu sprechen. Die übrigen Angeklagten sowie ihre Anwälte wurden vom Gericht darüber informiert, daß ihnen bzw. ihren Mandanten keine solche Vergünstigung eingeräumt würde. Entsprechend dauerte der Göring gewidmete Teil des Prozesses insgesamt zwölf Tage oder 84 Stunden, während seinen Mitangeklagten im Schnitt bloß vier Stunden für ihre Verteidigung zugestanden wurden. Das britische Kriegskabinett und Außenministerium blieben von Samuel Rosenmans Argumenten unbeeidruckt und beharrten auf ihrer unnachgiebigen Linie: Für die prominentesten NS-Führer wie Hitler, Himmler und Goebbels war ein regulärer Prozeß vollkommen unannehmbar. Telford Taylor berichtet: "Die Briten akzeptierten den Wunsch der Amerikaner nach Begründung neuer Prinzipien und Prozeduren im internationalen Recht zwar, aber nur widerwillig ... Sir Thomas Barnes beharrte immer noch darauf, der Prozeß dürfe nicht länger als zwei Wochen dauern!" Taylor selbst äußerst sich bemerkenswert freimütig darüber, wie er damals über den Zweck der Prozesse dachte. Er beschreibt diese als Versuch, dem Krieg gegen Deutschland einen Sinn zu verleihen und eine Rechtfertigung für "die von uns erlittenen Verluste sowie die von uns verursachten Zerstörungen und Verluste zu liefern". Dank ihrer Beharrlichkeit vermochten die Amerikaner schließlich die Einwände der Briten doch noch zum Verstummen zu bringen, jedoch erst nach Kriegsende und nur gegen zähen Widerstand. Beispielsweise wurde Anthony Eden in den ersten Tagen der Konferenz von San Francisco (25. April bis 26. Juni 1945) instruiert, "die veränderte Haltung Großbritanniens damit zu erklären, daß sich die Lage mit dem Tod Hitlers, Mussolinis sowie anderer berüchtigter Führer wie Goebbels geändert habe" und daß möglicherweise "noch mehr Naziführer den Tod finden würden, ehe die Kämpfe ein Ende nähmen". Als Eden seine zögerliche Zustimmung zur Vereinbarung kundtat, teilte er den Amerikanern und den Sowjets mit, daß London immer noch Einwände gegen einen formellen Prozeß für die berüchtigsten Nazis erhebe, deren Verbrechen nicht auf einen bestimmten geographischen Raum zu begrenzen seien. Somit stimmte die britische Regierung schließlich den Forderungen ihrer Alliierten zu "Kriegsverbrecher" nicht kurzerhand hinzurichten, sondern vor Gericht zu stellen, ratifizierte das Abkommen von San Francisco formell jedoch erst nach dem Tod von Hitler, Goebbels und Himmler. Das Abkommen zur Durchführung von Prozessen gegen die gefangengenommenen NS-Führer wurde von den Briten am 8. August 1945 unterzeichnet. Von dem einst mächtigen und gefürchteten Quartett Hitler, Himmler, Goebbels und Göring war nach der Gefangenname Görings durch die Amerikaner sowie dem Freitod von Hitler und Goebbels nur noch Himmler auf freiem Fuß, und für die Briten war dieser immer noch eine Größe, mit der man rechnen mußte, egal ob er sich noch seiner Freiheit erfreute oder in Gefangenschaft saß. Obgleich ihn Hitler in einem Augenblick der Enttäuschung und des Zorns abgesetzt hatte, genoß der Reichsführer-SS weiterhin das Vertrauen und die Unterstützung seiner überzeugten SS-Leute sowie der gefürchteten Organisation "Werwolf" - deren Stärke freilich maßlos überschätzt wurde. Wie bereits erwähnt, hatten die Briten Himmler neben Hitler und Goebbels als einen jener NS-Führer bezeichnet, die keinen Anspruch auf einen Prozeß besäßen und denen keine Gelegenheit eingeräumt werden solle, vor einem öffentlichen Gericht auf die gegen sie und ihre Organisationen erhobenen Anklagen zu antworten. Kurzum, in den Augen der Briten war Himmler, der ohnehin schon längst ganz oben auf der Mordliste der Agenten des Special Forces Executive stand, ein Mann, der nun von geborgter Zeit lebte und dem noch nicht einmal ein Schauprozeß sowjetischen Stils zustand. David Irving zitiert ein zuvor unveröffentlichtes, von einer Sekretärin Churchills mit der Maschine geschriebenes britisches Regierungsdokument, das auf den 17. September 1944 datiert ist. Von besonderer Bedeutung für unsere These ist folgender Auszug: "Es scheint, daß die Methode des Prozesses, des Schuldspruchs und des gerichtlichen Urteils für berüchtigte Bandenführer wie Hitler, Himmler, Göring, Goebbels und Ribbentrop ganz unangemessen ist. Abgesehen von den enormen Schwierigkeiten bei der Zusammensetzung des Gerichts, der Formulierung der Anklage und der Sammlung des Beweismaterials ist die Frage nach dem Schicksal dieser Leute politischer und nicht juristischer Natur." Es sei an den Ausspruch des britischen Außenministers erinnert, wonach "die Schuld der Männer", zu denen Himmler gehörte, so groß sei, daß sie "nicht mit den Maßstäben eines juristischen Verfahrens" gemessen werden könne. Als ausschlaggebend erwies sich wohl, daß Angehörige des britischen Parlaments auf Einladung Eisenhowers im Frühjahr 1945 die eben befreiten Konzentrationslager Bergen-Belsen, Buchenwald, Nordhausen und Dachau besichtigen konnten. Die furchtbaren Bilder, die sich ihnen dort boten, und die Schreckensgeschichten, die sie nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat erzählten, erweckten gewaltige Empörung: allenthalben wurde der Ruf nach Rache laut, und wenn sich die Briten bisher noch unsicher gewesen waren, ob man Himmler das Recht auf einen regulären Prozeß einräumen sollte, so verstummte die Diskussion darüber nun blitzartig. Damit waren die Würfel gefallen: Geriet Himmler in britische Gefangenschaft, so hatte sein letztes Stündlein geschlagen. Es war Himmlers Pech, daß er tatsächlich ausgerechnet jener Partei in die Fänge geraten sollte, die schon lange hartnäckig für seine sofortige Hinrichtung plädiert hatte. Als die Briten im August 1945 das Abkommen, nach dem "Kriegsverbrecher" vor Gericht zu stellen waren, offiziell ratifizierten, lagen die Leichen des SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Hans-Adolf Prützmann sowie seines obersten Kommandeurs Heinrich Himmler bereits seit drei Monaten an einem sorgfältig geheimgehaltenen Ort in der Lüneburger Heide in ungeweihtem Grund in unmarkierten Gräbern. |
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